MusikproduktionSchiefer Ton, guter Ton

Fortschritt durch Fehler: Technik perfektioniert unseren Alltag, nicht aber die Popmusik. Da entscheidet vor allem der menschliche Patzer, ob uns ein Song gefällt. von Andi Hörmann

Musik von Geisterhand bevorzugen die wenigsten Hörer.

Musik von Geisterhand bevorzugen die wenigsten Hörer.  |  © ig3l/photocase.com

Ein vertrackter Rhythmus türmt sich auf. Im Hintergrund eiert ein Piano-Loop – holpernd wie eine entschleunigte Schallplatte. Zu hören in Bloom, dem Eröffnungsstück auf Radioheads Album King of Limbs. Der Produzent Nigel Godrich besteht auf diese beiläufigen, schräg tönenden Passagen in den durchdachten Songstrukturen. Bei den Aufnahmen zu Chaos And Creation In The Backyard verspielte sich Paul McCartney im Stück Fine Line. Nigel Godrich korrigierte ihn nicht, sondern verewigte den Verspieler auf dem Album. Ein in der Harmoniefolge falscher Akkord. Eine Dissonanz. Streng genommen: ein Fehler!

Auf vielen Alben hochrangiger Popmusiker sind sie hörbar: Töne, Klänge und Melodien, die sich nicht in die Harmonie des Songs einfügen. Ganz anders in der Klassik. Dr. Christiane Tewinkel, Musikwissenschaftlerin an der Universität der Künste Berlin, beschäftigt sich im Seminar Verhauen, vergeigt, verkiekst mit der Kulturgeschichte von Fehlern in der Musik. Was für manche Musiker im Pop zum guten Ton gehört, sucht sie in der Klassik vergeblich: "Deswegen ist es aber auch so lustig, wenn zum Beispiel Orchester zum Spielen antreten, obwohl sie es überhaupt nicht können." Paradebeispiel des untalentierten Musikers im Konzertsaal ist Florence Foster Jenkins, die sich unfreiwillig komödiantisch an Der Hölle Rache aus der Zauberflöte versucht.

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Die Musik-Software Autotune gilt spätestens seit 1998 und Chers Believe als Wunderwaffe gegen unpräzise Sänger. Falsche Passagen werden per Mausklick nivelliert. In der gängigen Studio-Software gibt es andererseits Effekte wie Randomize oder Humanize. Sie sollen die digital erzeugten und technisch perfekten Rhythmen vermenschlichen, also mit kleinen Abweichungen vom Takt versehen. Die Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen hat dazu erst kürzlich eine Studie veröffentlicht. Demnach findet der Hörer die von Menschen verursachten Fehler in der Musik durchaus attraktiver als die technisch erzeugten Verspieler durch Humanizing. Und mehr noch: Der Mensch hat scheinbar eine Art Gedächtnis ("langreichweitige Korrelation") für Fehler beim Musizieren.

Der Makel – von neuronaler Fehlleistung bis zu mangelnder technischer Fertigkeit – ist im Pop längst ein bewusstes Stilmittel. Die zerkauten Vocals von Bob Dylan, das Cordhosen-Geschrammel der frühen Tocotronic oder der geisterhaft verhuschte Dubstep eines Burial stehen den auf Hochglanz polierten Studioproduktionen gegenüber. Pop und Fehler: kein Widerspruch, mehr eine Hass-Liebe in der Tongebung.

Im weiten Feld des Do-It-Yourself, zwischen Home-Recording und Lo-Fi-Ästhetik, entstehen gerade durch Störgeräusche beim Aufnehmen schier unendliche Möglichkeiten für experimentelle Kompositionen. Markus Acher von The Notwist schätzt die Nebengeräusche im Studio als tongebende Impulse: "Eigentlich sind fast in jedem Stück Elemente, die aus Fehlern entstanden sind. Oder Geräuschen, die eigentlich nicht so geplant waren. Aus einer hängen gebliebenen Platte oder einem Quietschen, wenn man den Klinkenstecker rauszieht." Die akustischen Zufälle sind für The Notwist willkommene Überraschungen im Prozess der Komposition. In das Stück Gloomy Planets beispielsweise haben die Musiker ein Geräusch integriert, das ein Publikum niemals hören sollte: das Metronom-Klicken auf dem Studiokopfhörer.

Leserkommentare
    • rosalix
    • 12. Januar 2012 12:18 Uhr

    Wir sind eben keine Maschine, unser Gehirn wächst durch Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Dingen und dadurch , dass es lernt sie ein zu ordnen. "Fehler" sind schlicht Änderungen der Strukturen die woanders heraus kommen, einen neuen Weg gangbar machen. Die Klassik hat da ein Problem damit. Deshalb wird sie auch oft als langweilig empfunden. Vorhersehbar, eben. Das war früher garantiert alles nicht so perfekt!
    Hier meinLieblingsbeispiel für kreativen Sound:
    http://www.youtube.com/wa...
    Art Ensemble of Chicago

  1. Was im obigen Artikel über Instrumentalisten und den Aufnahmeprozess gesagt wird - "Lassen wir die Fehler drin" - gilt natürlich auch für die Klangästhetik. Das gesamte Klangbild der Rockmusik basiert ja eigentlich auf zwei technischen Fehlern: Sättigungseffekten durch die früher verwendeten Magnetbänder (welche heute im Computer nachgebildet werden) und die verzerrte E-Gitarre. Das war alles nicht so gemeint, sondern resultierte aus unzureichender Verstärkertechnik der 50er und 60er. Schnell stellte sich heraus, dass diese Fehler in einem lebendigen, aufregenden Sound resultierten. Der Rest ist eine Geschichte fröhlicher Sound-Anarchie: "Lass uns den Regler auf 11 drehen und schauen, was passiert."

    Ähnliches passierte in der von mir geschätzten elektronischen Musik: Digitale Synthesizer brachten Ende der Achtziger ein scheinbares Nirvana perfekter Klänge. Bald vermissten wir aber analoge Filter, die "schmatzen", übersteuern, fiepen, in Schwingung geraten und kreischen konnten. Kurz: Wir wünschten uns die Fehler der Vergangenheit zurück, und haben sie auch bekommen: Moogfilter- + Röhrensimulationen verkaufen sich auch als iPhone-Apps sehr gut.

    Antithese dazu sind die mit Autotune bis zur Perversion glattgebügelten Produktionen von seelenlosen Fließband-Produzenten für (sorry) geschmacklose Kids: unrealistisch perfekte Stimmen, die dann mit (in Photoshop ebenfalls kanten- und leblos gemachten Pin-up-Bildchen) verkauft werden.

    Es geht nicht ohne die Schippe Dreck.

  2. Paulo Pandolfo hat Bachs Cellosuiten auf einer Gambe, einem bundierten Cellovorfahren eingespielt. Da klappert´s gelegentlich so ein bisschen. Ich finde das sehr sympathisch und ehrlich. Das gehört so. Hermann Hesse sagte mal sinngemäß, gute Musik überstehe alle gewollten und ungewollten Angriffe, in dem die Idee auch vom übelst zerkratzten Vinyl herausleuchte.
    Man stelle sich vor, John Bonham (RIP), Drummer der Led Zeppelin eiert NICHT! Undenkbar. Die Band wäre mausetot.

    • wawerka
    • 12. Januar 2012 17:11 Uhr

    ...und Mathias Modica, Tocotronic und Burial als Beleg für die These, dass der "schiefe Klang" existenziell wichtig für die Akzeptanz beim Publikum sei.

    Und sogar Sir Paul wird aufgeboten, mit seinem Welthit "Fine Line". (Man betrachte dagegen das nahezu unbekannte "Yesterday", wahrscheinlich deswegen nicht so populär, weil McCartney sich da nicht verspielt)

    Tja, und sonst stehen gegen die steile These solche Leute wie Cher, Kate Perry, Lady Gaga sowie Schmusebubis á la Justin Bieber, die Perfektion OHNE schmutzige Note und dreckigen Sound produzieren....und von viel, viel mehr Leuten "akzeptiert", respektive gekauft werden.

    Also sorry, lieber Herr Hörmann: Es mag ja sein, dass der wahre selbsternannte Connaisseur nicht ohne leicht Schräges im Klangbild auskommt. Aber der breiten Masse ist das völlig wurscht.

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Dann nehmen Sie halt die Red Hot Chili Peppers. Deren Sänger Anthony Sowieso quäkt dermaßen schief ins Mikro, dass mir die Ohren klingeln. Trotzdem (oder vielleicht, nach der These des Artikels, gerade deswegen) verkaufen sich die Platten wie bekloppt.

    • summin
    • 15. Januar 2012 20:01 Uhr

    interessiert sich auch nicht für solche Details, Hauptsache es dudelt etwas.

  3. 6. Naja.

    Dann nehmen Sie halt die Red Hot Chili Peppers. Deren Sänger Anthony Sowieso quäkt dermaßen schief ins Mikro, dass mir die Ohren klingeln. Trotzdem (oder vielleicht, nach der These des Artikels, gerade deswegen) verkaufen sich die Platten wie bekloppt.

    Antwort auf "The Notwist...."
  4. ... schon wahr, vielen genügt das Event, die Mucke ziemlich oft ziemlich grottenfurchtbar. Andererseits, der Kappenverein Freiwild aus Brixen hat, obwohl die Musik ausgesprochen schlicht gebaut ist und die Jungs trotzdem erheblich mit diesem Anspruch, sowohl im Studio als auch auf der Bühne zu kämpfen haben, gewaltig Erfolg. Evtl. ist das eine Form von gelebter Rebellion. Am allerbesten kann ich mich über Sachen freuen, wie ich sie anlässlich eines Konzertes, vielleicht eines der letzten, von Jon Lord´s Bluesprojekt erlebte. Die Band verlor in einem Stück komplett den Faden. Purer Genuss war es, wie die Musiker, allesamt exzellent, sich durch das Malheur zurück ins Stück manövrierten.

  5. .... Miles Davis wäre von einem Hubbard oder Marsalis rein spieltechnisch an die Wand gespielt worden....seine musikalischen Eigenarten waren dennoch Stilbildend.

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