Musik von Geisterhand bevorzugen die wenigsten Hörer.

Ein vertrackter Rhythmus türmt sich auf. Im Hintergrund eiert ein Piano-Loop – holpernd wie eine entschleunigte Schallplatte. Zu hören in Bloom, dem Eröffnungsstück auf Radioheads Album King of Limbs. Der Produzent Nigel Godrich besteht auf diese beiläufigen, schräg tönenden Passagen in den durchdachten Songstrukturen. Bei den Aufnahmen zu Chaos And Creation In The Backyard verspielte sich Paul McCartney im Stück Fine Line. Nigel Godrich korrigierte ihn nicht, sondern verewigte den Verspieler auf dem Album. Ein in der Harmoniefolge falscher Akkord. Eine Dissonanz. Streng genommen: ein Fehler!

Auf vielen Alben hochrangiger Popmusiker sind sie hörbar: Töne, Klänge und Melodien, die sich nicht in die Harmonie des Songs einfügen. Ganz anders in der Klassik. Dr. Christiane Tewinkel, Musikwissenschaftlerin an der Universität der Künste Berlin, beschäftigt sich im Seminar Verhauen, vergeigt, verkiekst mit der Kulturgeschichte von Fehlern in der Musik. Was für manche Musiker im Pop zum guten Ton gehört, sucht sie in der Klassik vergeblich: "Deswegen ist es aber auch so lustig, wenn zum Beispiel Orchester zum Spielen antreten, obwohl sie es überhaupt nicht können." Paradebeispiel des untalentierten Musikers im Konzertsaal ist Florence Foster Jenkins, die sich unfreiwillig komödiantisch an Der Hölle Rache aus der Zauberflöte versucht.

Die Musik-Software Autotune gilt spätestens seit 1998 und Chers Believe als Wunderwaffe gegen unpräzise Sänger. Falsche Passagen werden per Mausklick nivelliert. In der gängigen Studio-Software gibt es andererseits Effekte wie Randomize oder Humanize. Sie sollen die digital erzeugten und technisch perfekten Rhythmen vermenschlichen, also mit kleinen Abweichungen vom Takt versehen. Die Max-Planck-Gesellschaft in Göttingen hat dazu erst kürzlich eine Studie veröffentlicht. Demnach findet der Hörer die von Menschen verursachten Fehler in der Musik durchaus attraktiver als die technisch erzeugten Verspieler durch Humanizing. Und mehr noch: Der Mensch hat scheinbar eine Art Gedächtnis ("langreichweitige Korrelation") für Fehler beim Musizieren.

Der Makel – von neuronaler Fehlleistung bis zu mangelnder technischer Fertigkeit – ist im Pop längst ein bewusstes Stilmittel. Die zerkauten Vocals von Bob Dylan, das Cordhosen-Geschrammel der frühen Tocotronic oder der geisterhaft verhuschte Dubstep eines Burial stehen den auf Hochglanz polierten Studioproduktionen gegenüber. Pop und Fehler: kein Widerspruch, mehr eine Hass-Liebe in der Tongebung.

Im weiten Feld des Do-It-Yourself, zwischen Home-Recording und Lo-Fi-Ästhetik, entstehen gerade durch Störgeräusche beim Aufnehmen schier unendliche Möglichkeiten für experimentelle Kompositionen. Markus Acher von The Notwist schätzt die Nebengeräusche im Studio als tongebende Impulse: "Eigentlich sind fast in jedem Stück Elemente, die aus Fehlern entstanden sind. Oder Geräuschen, die eigentlich nicht so geplant waren. Aus einer hängen gebliebenen Platte oder einem Quietschen, wenn man den Klinkenstecker rauszieht." Die akustischen Zufälle sind für The Notwist willkommene Überraschungen im Prozess der Komposition. In das Stück Gloomy Planets beispielsweise haben die Musiker ein Geräusch integriert, das ein Publikum niemals hören sollte: das Metronom-Klicken auf dem Studiokopfhörer.