Musiker Frank Spilker"Die Hamburger Schule ist ganz weit weg"

Seit zwei Jahrzehnten gibt es das Indierocktrio Die Sterne. Im Interview spricht der Sänger Frank Spilker über alte Lieder mit neuer Wucht – und seinen ersten Roman. von Jan Oberländer

Frank Spilker (links) und Die Sterne

Frank Spilker (links) und Die Sterne  |  © Snowhite

Frage: Herr Spilker, zum Zwanzigjährigen haben Die Sterne fünf alte Lieder neu aufgenommen, dazu zwei Coverversionen. Gehen Ihnen die frischen Ideen aus?

Frank Spilker: Das ist eher eine Frage des Timings. Aufgenommen haben wir die Stücke nach unserer letzten Tour im Herbst 2010. Wir haben gesagt: Lass uns die jetzt, wo sie gut in der Hand sind, aufnehmen, nächstes Jahr ist Zwanzigjähriges, da können wir sie bestimmt irgendwie verwenden.

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Frage: Zum Beispiel im Soundtrack von Christian Ulmens Fake-Doku Jonas . Aber Sie nehmen schon noch neue Songs auf, oder?

Spilker: Ja, aber wir wollen, dass unser nächstes Album als Sterne-Album, als Zeitbeitrag gesehen wird. Und nicht unter der Frage: Was wollt ihr uns jetzt über 20 Jahre Sterne sagen? So befreien wir uns ein bisschen von dem Jubiläum.

Frank Spilker

Der Hamburger Frank Spilker, Jahrgang 1966, ist Gründer, Gitarrist und Sänger des einflussreichen Indierocktrios Die Sterne. Das neue Album Für Anfänger ist bei dem bandeigenen Label Materie Records erschienen.

Frage: Die neu aufgenommenen Lieder sind teils 20 Jahre alt, etwa Fickt das System von 1992. Wie haben sich die Stücke verändert?

Spilker: Das ist jetzt so eine Musiker-Sicht. Was hat dich bloß so ruiniert ist jetzt ein bisschen langsamer, weil wir gemerkt haben: Man muss das nicht schnell spielen, sondern druckvoller. Wir haben uns die Originalaufnahmen nicht noch mal angehört, sondern die Stück einfach so aufgenommen, wie wir sie jetzt live spielen.

Frage:Für Anfänger heißt das neue Album. Musik für die Nachgeborenen?

Spilker: Ein Einstieg in die Geschichte der Sterne. Jemandem, der vielleicht Life in Quiz vom letzten Album toll findet, dann zum Konzert kommt und sich fragt: Was machen die ganzen alten Leute hier, und was spielt die Band da für Kram, das kenne ich alles nicht – so jemandem kann man nicht zumuten, neun Alben nachzukaufen.

Frage: Haben Sie bei den Re-Recordings etwas Neues über die alten Songs gelernt?

Spilker: Ich habe mich erinnert, wann ich die Lieder geschrieben und eingesungen habe. Die persönlichen Geschichten, die im Hintergrund eines Textes stehen, verschwinden, die Worte stehen irgendwann für sich. Und diesen Prozess fühlt man, das ist schon irre. Die Aufregung, die Wut, die ich in den Gesang gelegt habe, ist oft kontraproduktiv gewesen.

Frage: Man kann die Wut auch sympathisch finden. 2012 klingen die Stücke flotter, fröhlicher, ein bisschen weniger verzweifelt.

Spilker: Das ist das Ergebnis davon, dass wir die Lieder auf der Bühne feiern und inszenieren. Und nicht mit dem pädagogischen Zeigefinger dastehen und sagen: Ihr müsst Folgendes begreifen.

Frage: Es ist frappierend, dass alle Lieder auf Für Anfänger von Rückschau, Älterwerden, Durchhalten handeln. "Es gibt nur ein Leben " , singen Sie in dem gleichnamigen Superpunk-Cover, "darum weigere ich mich aufzugeben".

Spilker: In dem Satz steckt auch viel Ausweglosigkeit. Es gibt ja eigentlich keine Alternative zum Nicht-Aufgeben. Das ist genau die Art von Blues, die ich höre, um weitermachen zu können.

Frage: Wie überlebt man zwei Jahrzehnte, als Musiker, als Band?

Spilker: Das Wichtigste ist die Frage: Fällt mir noch was ein? Habe ich noch Interesse? Das eindeutigste Zeichen dafür, dass man etwas sagen will, ist immer noch, dass man es tut, obwohl die Umstände widrig sind. Für uns ist Musikmachen kein Geschäft, es ist ein Teil des Lebens. Noch wichtiger als gute neue Songs zu schreiben ist es mir, auf Tour zu gehen, in Verbindung zu bleiben mit den Fans, den Leuten, die immer wiederkommen, mit denen man inzwischen schon befreundet ist.

Frage: Aber es wird ja neue Songs geben.

Spilker: Wenn ich mein Buch abgeschlossen habe, hoffe ich, dass wir in die Proben einsteigen. Ich sammle Textideen, erfahrungsgemäß geht das dann so fix, dass wir im Herbst aufnehmen können. Die Musik entsteht bei uns schnell. Wenn ich zehn Texte habe, im Entwurfsstadium, weiß ich, wir können das Studio buchen.

Frage: Wie wird das Album klingen?

Spilker: Bluesrock finde ich im Moment total stark. Das ist unserem Alter ja angemessen, dass man anfängt zu jammern, das Leben ist so schwer … nein, Scherz. Ich glaube, dass ich meine Band nicht dazu kriege, das wird wohl noch ein Soloalbum.

Frage: Erst mal der Roman, der ja im Herbst erscheinen soll.

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    • Schlagworte Schule | Musiker | Album | Sven Regener | Band | Herbst
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