KonzertsängerThomas Quasthoff beendet seine Karriere

Der Bassbariton nimmt aus gesundheitlichen Gründen Abschied von der Bühne. Der Nachwuchsförderung will er sich aber weiterhin widmen. von dpa

"Heute brauche ich die große Bühne nicht mehr," sagt Thomas Quasthoff.

"Heute brauche ich die große Bühne nicht mehr," sagt Thomas Quasthoff.  |  © Harald Hoffmann/DG

Der deutsche Bassbariton Thomas Quasthoff nimmt als Sänger Abschied von der Bühne. Aus gesundheitlichen Gründen beendete der 52-Jährige seine beispiellose Karriere und hat alle geplanten Konzerte abgesagt. Quasthoff erklärte zu seiner Entscheidung: "Ich habe mich entschlossen, mich nach fast 40 Jahren aus dem Konzertleben zurückzuziehen, weil es mir meine Gesundheit nicht mehr erlaubt, dem Anspruch, den ich immer an mich selber und an die Kunst gestellt habe, gerecht werden zu können."

Quasthoff wurde mit einer Contergan-Schädigung geboren und gilt vielen Menschen als Vorbild für eine durch außergewöhnliches Können, Mut und Beharrlichkeit beflügelte Karriere vom Radiosprecher zum Klassikstar. Im vergangenen Jahr musste er allerdings viele Auftritte wegen einer Kehlkopfentzündung absagen. Ob die Kehlkopferkrankung auch der Grund für seinen endgültigen Bühnenabschied sei, wollte sein Management nicht bestätigen.

Der Online-Ausgabe des österreichischen Magazin News sagte Quasthoff: "Ich bin nicht mehr so gesund wie vor zehn Jahren, und ich bin des Reisens müde." Der Konzertsänger deutete allerdings an, dass ihn auch andere Gründe bei seiner Entscheidung bewegt hätten: "Außerdem ist mir die Klassik-Branche zu oberflächlich geworden. Man hat den Eindruck, außer David Garrett gäbe es niemanden mehr."

Er werde sich weiter intensiv um die Nachwuchsarbeit kümmern und als Sprecher und bei Lesungen vor sein Publikum treten. Alle geplanten Konzerte würden zwar abgesagt, aber seine anderen Verpflichtungen wolle er weiter ausfüllen, so Quasthoff: "Meisterkurse, meinen Liederwettbewerb in Berlin und einen Film, den ich mit Katharina Thalbach drehe."

Quasthoff, der wegen seiner Contergan-geschädigten kurzen Arme und Beine nicht gut Klavier spielen kann und deshalb zunächst vom Musikstudium ausgeschlossen wurde, hat sich seit Ende der 1980er Jahre konsequent als Sänger durchgesetzt. Mit seinem warmen Bassbariton und seinen klugen Interpretationen wurde er dann sehr schnell vor allem als Liedinterpret weltberühmt. In den vergangenen Jahren feierte er auch in New York , Salzburg und Berlin große Erfolge.

Zu seinen vielen internationalen Auszeichnungen zählen der Karajan-Musikpreis, mehrere Klassik-Echos und etliche Grammys. "Thomas Quasthoff besitzt eine der intelligentesten und fesselndsten Stimmen klassischer Musik", lobte der Brite Graham Sheffield im vergangenen Jahr zur Vergabe eines Musikpreises in Großbritannien .

Dass Quasthoff nicht mehr singen wird, hat in der Konzertbranche und unter seinen Fans Betroffenheit ausgelöst. "Natürlich ist es traurig, wenn man einen so großartigen Künstler für die Bühne und die Konzertsäle verliert,"sagte der Direktor der Wiener Staatsoper, Dominique Meyer. Er habe aber großen Respekt vor diesem Schritt.  Auch der Münchner Staatsopernintendant Nikolaus Bachler bedauerte den Rückzug. "Dass ein so berührend wie klangschön gestaltender Sänger wie Thomas Quasthoff beschlossen hat, nicht mehr aufzutreten, ist ein großer Verlust für die Musikwelt", sagte Bachler. "Es ist zu hoffen, dass er sich in der Lage sieht, auf andere Art und Weise das weiterzugeben, was ihn als Künstler und Mensch auszeichnet."

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Leserkommentare
  1. Aber ich erwarte, dass Thomas Quasthoff sich für die Zukunft noch andere Tätigkeitsfelder erschließen wird, denn er hat uns etwas zu sagen.

    Darauf bin ich gespannt und wünsche ihm viel Glück!

  2. Thomas Quasthoff hat über Jahrzehnte erfolgreich und eindrucksvoll bewiesen, dass der Begriff der "Behinderung" vorwiegend in den Köpfen der Menschen existiert.
    Ein großartiger Künstler und ein großartiger Mensch, dem ich alles Gute für sein weiteres Leben wünsche.

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    Quatsch.
    Er IST behindert. Er weiß es, wir wissen es.
    Und wir wissen auch, welche Pharma-Industrie daran Schuld ist.

  3. Sehr guter Sänger, aber: erst nimmt er mir meinen Jazz weg und nun kopiert er auch noch meine Kopfbedeckung. DAS geht ja nun gar nicht.

  4. Quatsch.
    Er IST behindert. Er weiß es, wir wissen es.
    Und wir wissen auch, welche Pharma-Industrie daran Schuld ist.

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    Die gesamte "Causa Grünenthal" ist bis heute umstritten. Leichtfertige Schuldzuweisungen an die pharmazeutische Industrie - zumal als gesamte Branche - ohne einen letztgültigen Beleg ihrer definitiv erwiesenen Schuld sind wenig hilfreich.
    Grünenthal leistete 1970 eine Entschädigung in Höhe von 100 Millionen DM. Als Zeichen des guten Willens hat Grünenthal außerdem freiwillig und ohne eine diesbezügliche rechtliche Verpflichtung in Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung die Contergan-Stiftung mit bisher rund 213,6 Millionen € unterstützt.
    Herr Quasthoff selbst hat meines Wissens die Frage einer allfälligen rechtlich zuordnungsfähigen Schuld an seiner physischen Behinderung niemals (öffentlich) thematisiert. Er hat durch seine Kunst und seine Persönlichkeit gewirkt.

  5. Ein großer Künstler mit Herz und Verstand und Mut und Tiefgang!
    Hoffentlich werden wir bald wieder von ihm hören und sehen!

  6. Die gesamte "Causa Grünenthal" ist bis heute umstritten. Leichtfertige Schuldzuweisungen an die pharmazeutische Industrie - zumal als gesamte Branche - ohne einen letztgültigen Beleg ihrer definitiv erwiesenen Schuld sind wenig hilfreich.
    Grünenthal leistete 1970 eine Entschädigung in Höhe von 100 Millionen DM. Als Zeichen des guten Willens hat Grünenthal außerdem freiwillig und ohne eine diesbezügliche rechtliche Verpflichtung in Wahrnehmung der gesellschaftlichen Verantwortung die Contergan-Stiftung mit bisher rund 213,6 Millionen € unterstützt.
    Herr Quasthoff selbst hat meines Wissens die Frage einer allfälligen rechtlich zuordnungsfähigen Schuld an seiner physischen Behinderung niemals (öffentlich) thematisiert. Er hat durch seine Kunst und seine Persönlichkeit gewirkt.

  7. respektiere ich. Das hindert mich nicht daran, mir zu wünschen, dass er auch weiterhin überall dort zu finden sein wird, wo gute Musik gemacht wird. Vielleicht trifft er ja mal wieder Mr. McFerrin, -zum Beispiel-, auf einen Kaffee ...

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  • Quelle dpa
  • Schlagworte David Garrett | Katharina Thalbach | Staatsoper | Sänger | Auszeichnung | Bühne
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