Das Londoner Rap-Trio StooShe © Promotion

Pop lebt von seiner Amnesie. Alle, die sich an diesem Spielchen beteiligen, müssen wohl oder übel anerkennen, dass jedes Jahr die Reset-Taste gedrückt und gefragt wird: Und was kommt jetzt?

Viele Medien haben dieses Hecheln und Drängen institutionalisiert. Die BBC pflegt die Tradition, immer Anfang Januar den interessantesten Nachwuchskünstler zu küren. Was die Kritikerjury prophezeit, tritt nicht zuletzt deshalb oft ein , weil andere Zeitungen, Websites, Rundfunkstationen sich an diesem Urteil orientieren und die Plattenfirmen ihre Produktions- und Marketingbudgets zugunsten der Hochgelobten umverteilen.

Jetzt ist es also wieder soweit: Her mit dem nächsten großen Ding! Spielen wir mal mit.

Dunkel erinnern wir uns an 2011. Amy Winehouse ist verblichen . Adele, die erfolgreichste Popsängerin der britischen Geschichte, legte eine Gesangspause ein. Gotyes Somebody That I Used To Know bediente sich Stings markanter Stimmfarbe und dudelte auf allen Kanälen. Lana del Rey wurde zum YouTube-Star und lässt ihre frühen Fans nun hoffen, dass das Ende Januar erscheinende Debütalbum Born To Die dem schmeichelhaften Monroe-Kitzel irgendeine Nachhaltigkeit abringen kann. Wenn’s gelingt, ist ihr ein Auftritt bei Wetten Dass...? sicher.

Ebenfalls ein Überhangmandat aus 2011 hat die 15-jährige Dionne Bromfield . Als Patentochter von Amy Winehouse ist sie der Verstorbenen nicht nur familiär, sondern auch musikalisch sehr verbunden. Bereits im Juli erschien ihr zweites Album mit dem programmatischen Titel Good For The Soul , das schnell auch die deutschen Radios erreichte. Wer also – und so zynisch ist das Popgeschäft leider – immer noch nach einer neuen Winehouse sucht, höre es sich an.


Noch so ein Küken, und das mit dem passenden Namen dazu, ist Birdy . Gerade vierzehn, wurde sie auf YouTube bekannt durch eine Coverversion von Bon Ivers Skinny Love . Jetzt ist Jasmine van den Bogaerde ein Jahr älter, versucht eigene zarte Lieder und hat ein Debütalbum aufgenommen, das im März erscheint. Diese frühreife Klavierromantik – süß.

Eine alte Stimme aus junger Seele: die 23-jährige Kanadierin Al Spx. Als Cold Specks hat sie zwei vielversprechende Singles veröffentlicht. Sie nennt es Doom Soul , wenn patinierter Blues und klassischer Gospel in kammermusikalischer Begleitung aufgehen. Rob Ellis, der Produzent von PJ Harvey , nimmt gerade mit ihr das erste Album auf.


Auch der 24-jährige Michael Kiwanuka profitiert vom Gedächtnisverlust im Pop. Er hat die Wiederauflage eines 40 Jahre alten Folk-Soul-Sounds perfektioniert und damit das diesjährige Ranking der BBC gewonnen. Nick Drake in den Arrangements, Bill Withers in der Stimme. Im März soll sein Album erscheinen, das Video zu seiner ersten Single Tell Me Tale zitiert die Bildsprache von Lana del Rey . Ist nicht alles irgendwie retro?