Musiker Rick RossEin Rapper löscht die Wahrheit aus

Der beste Reimer der Welt – oder der schlechteste? Rick Ross hat die USA fest im Griff. Den Größenwahn des Hip-Hops hat er auf eine einsame Spitze getrieben.

Rick Ross in Aktion

Rick Ross in Aktion

Der schlechteste Rapper aller Zeiten. Eine Kopfgeburt der PR-Agenten. Seine Fähigkeiten katastrophal. Als Rick Ross 2006 auf der Bildfläche erschien, waren die Reaktionen vernichtend. Er nahm sie nicht einmal wahr. Sechs Jahre und vier Alben später gilt er neben Jay-Z, Kanye West und Eminem als einer der wichtigsten und erfolgreichsten Reimer. Die amerikanische Presse ernennt ihn völlig überrumpelt zum neuen Superhelden des Hip-Hops. Rick Ross ist ein Mann, der durch Selbstbehauptung und Autosuggestion die Realität überwand.

Er wurde 1976 als William Leonard Roberts II. geboren. Ein guter Name, aber kein Rappername. Kurzerhand übernahm er den Namen des legendären Drogenchefs Freeway Ricky Ross. Und dessen Ruf, Geschichte, Mythos. Also verklagte der echte Rick Ross den falschen. Und verlor. Dann verunglimpfte eine Paparazzi-Seite den Rapper als ehemaligen Gefängniswärter, und die gesamte Branche erwartete ein krachendes Ende seiner Karriere. In einem Genre, das Authentizität immer noch wie eine Monstranz vor sich herträgt, gleich zwei Einschnitte, die jedem seiner Kollegen das Genick gebrochen hätte. Rick Ross aber ignorierte die Häme und seine wahre Identität. Sein Kommentar: "Ich sehe keinen Grund, in die Dunkelheit zu laufen." Er saß die Sache einfach aus und überwand die engen Grenzen der Authentizität.

Anzeige

Hat soviel Testosteron wie keiner seiner Kollegen

Seine Songs handeln vom Drogenverkaufen und Dingekaufen. Es geht um Uhren, Autos, Waffen, Frauen. In rauen Mengen und abnehmender Wichtigkeit. In seinen Videos sitzt er oft bewegungslos auf mächtigen Stühlen und pafft vor sich hin. Gern lässt sich der 300-Pfund-Kerl oben ohne ablichten, mit großen Sonnenbrillen im Gesicht. Angeblich hat er einen Angestellten, der ihm Marihuana-Stumpen zurechtrollt. Sein Bodyguard trägt ein Headset. Es ist alles fürchterlich lachhaft.

Rick Ross reimt Dope auf Dope und Phone auf Phone? Nein, er ist kein eleganter Rapper wie Jay-Z. Er will keine Konventionen einreißen wie Kanye West. Er hat nicht den genialischen Wortschatz eines Eminem. Stattdessen hält er an den ewiggültigen amerikanischen Themen des Aufstiegs fest, die schon vor zwanzig Jahren kursierten. Aber er dirigiert stets einen triumphierenden Sound, monochrom glitzernd. Jeder seiner Songs klingt wie eine Million Dollar, ganze Orchester verneigen sich vor seiner Präsenz. Seine Stimme dröhnt aus den Untiefen seines mächtigen Körpers ans Licht. Und dann schwappt das Testosteron aus den Boxen wie bei keinem seiner illustren Kollegen. Selbstzweifel sind ihm fremd. Er hat sich Hip-Hop zu eigen gemacht. Seine Welt nennt er BossLand.

Mit diesem Blockbuster-Hip-Hop erreicht er ein großes Publikum. Man kann seine Inszenierung für bare Münze nehmen und die Enthüllungen ignorieren. Man kann seine Fantasien als ironischen Metakommentar zum Genre verstehen. Rick Ross verzieht keine Miene. Er transzendiert alle Interpretationsansätze. Die Kritiker sind mittlerweile eingeknickt. Sein letztes Album Teflon Don thronte an der Spitze der Jahrescharts der New York Times.

Universum voller selbst erfüllender Prophezeiungen

Rick Ross ist Herr seiner persönlichen Wahrhaftigkeit. Vergleichbar mit den geschlossenen Paralleluniversen eines David Lynch oder Quentin Tarantino gelten eigene Gesetzmäßigkeiten. Nur legendäre Figuren haben Zugang. Auf seinem gerade erschienen, kostenlosen und sehr unterhaltsamen Mixtape Rich Forever lässt er mit generöser Geste Gäste wie Drake, Nas und P. Diddy auflaufen, die er zur Hochform antreibt. Ganz großes Theater!

Dennoch gibt es Momente, in denen man sich Sorgen machen könnte. Rick Ross ist es gelungen, die Identität des historischen Rick Ross zu überschreiben. Er hat alle Angriffe der Realität überstanden. Zuletzt hat er behauptet, den verstorbenen Notorious B.I.G. nicht nur in Songs zu verkörpern, nein, Rick Ross sei Notorious B.I.G. höchstselbst. Kann er die Realität verschieben? Kann er verbürgte Wahrheiten auslöschen? Werden sich unsere Kinder an einen anderen Notorious B.I.G. erinnern?

Rick Ross ist in der Eskalations-Logik des Genres – lauter, schneller, mehr – an einem Endpunkt angelangt. Er erzählt keine Geschichten, seine Metaphern verweisen nicht mehr auf die echte Welt. Er kontrolliert ein selbst erschaffenes Universum voller Größenwahn und sich selbst erfüllender Prophezeiungen. In seiner Konsequenz ist er einzigartig. Bald soll sein nächstes Album erscheinen. Der Titel: God forgives, I don't.

 
Leserkommentare
  1. am Ende eines Wochenendes 10 Gramm Koks in der linken Sakkotasche und eine Rolle Tausender in der rechten Hosentasche zu haben, in einem Sonnenuntergang der Nacht entgegenfahrend und im Fahrtwind die Reste aus der Hitze eines Sommertages sich mit der aufziehenden Kühle sich verwirbelnd spürend wie die Erwartungen voller Lust und das Gefühl der Freiheit, weil du nicht wie die anderen Spießer arbeiten gehen mußt und dir Dinge leisten kannst, von denen die nur verschämt träumen, machen manche Rap/Hip-Hop-Stücke zum idealen Soundtrack, der dir das alles für deine Augenblicks-Ästhetik ausdrückt.

    Solltest du aber regulär arbeiten müssen für den Unterhalt deiner Existenz und dennoch Gangster-Rap hören und jedesmal die Inhalte nicht an dich insoweit herankommen lassen dürfen, dass sie dich aufstacheln, dem, was du hörst, nachzueifern, bist du arm dran.

    Deshalb höre auch ich kein Gangster-Rap mehr. Man sollte ehrlich zu sich selbst sein!

  2. ... scheinbar wenig Ahnung. Oder sie schauen nur auf Hypes.

    Immer die Rick Ross', Lil Bs ...

    Schon mal was von Dilla, Madlib, 9th Wonder, Dilla, Kankick, DJ Spinna, Pete Rock, Dilla, J. Rawls, DJ Premier oder so gehört?

    Phh ...

  3. 27. Papoose

    Im Moment gehört wohl zu einem der ästhetischen Rappern, trotz des Hypes (eher auf der Undergroundeben um ihn) bleibt er dennoch recht bescheiden. Hoffentlich bleibt es auch so, 50Cent galt damals in dem Untergrund auch ästhetisch und ehrlich bis er sich dann komplett für die Dollars verkauft hat.

    http://www.youtube.com/re...

    • damux
    • 12.02.2012 um 14:31 Uhr

    Rap ist selbst in seiner heutigen Ausprägung ein Phenomen, nicht einmal der Blues konnte sich jemals in ähnlicher Form vom "Underground" zum finanziellen Zugpferd aufschwingen.

    Leider steht Rap dabei auch sinnbildlich für die Kooruption durch Erfolg. Menschen die seit 10+ Jahren Rap hören und Interesse am Hip Hop haben, treibt ein Rick Ross oder Lil Wayne die Leichenblässe in's Gesicht. Selbst der harte Gangster Rap wie 1992 "The Chronic" von Dr.Dre oder M.O.P. und Geto Boys war damals politisch oder gesellschaftskritisch (z.B. "The day the niggas took over" über die L.A. Riots). Von Jeru the Damaja, K-Solo, J-Force, Juggaknots, Concrete Klick, The Coup oder Gang Starr ganz zu schweigen. Basis war immer der Überlebenskampf der Unterprevilegierten, ob nun harte Darstellung des Habitus, oder Anklage der Verhältnisse.

    Auch geniale Beats und ein guter Flow entschieden über den Erfolg. Gruppen wie Pharcyde, Organized Konfusion, Blind Mice, Raw Produce, Camp Lo, Company Flow und Leute wie Kool Keith, Godfather Don oder Percee P haben einfach geile Musik gemacht ohne extrem gangster oder hoch politisch zu sein.

    Heute ist die Musik extrem oberflächlich und im schlimmsten Fall auch noch grottenschlecht produziert. Lil Wayne kommt mir vor wie das amerikanische Pendant zu Jürgen Drews. Rap ist ganz oben angekommen und hat auf seinem Weg dorthin alles abgestreift, was ihn einst ausgemacht hat.

    Wer Interesse hat, kann sich mal Wild Style (1983) und Scratch (2001) angucken.

    • Panic
    • 12.02.2012 um 19:07 Uhr

    schlecht Musik sein kann.

  4. Ich muss schon lachen wenn ich hier das ein oder andere lese.

    Eines steht fest:Rick Ross ist ein Ausnahme Künstler!

    Für die Kunst hat bekanntlich jeder seine individuelle, eigene Interpretation.

    Was ist für euch kunst?

    Rick Ross hat sich selbst erfunden, er lebt das ganze und was noch viel wichtiger ist,er entwickelt sich ständig weiter. Letzteres macht einen guten Künstler aus!

    In einem bekannten Interview mit Tupac hat dieser einmal folgendes gesagt:
    "Ich lebe das Leben, was von mir als Rapstar erwartet wird."
    Genau das macht Ross auch!
    Klar ist der Hintergrund ein ganz anderer, aber das macht den Künstler nicht besser oder schlechter!

    Er hat emotionale Intelligenz, denn er weiss wie es im Game läuft und was er machen muss um sich zu vermarkten.
    Wer Ihn ernst nimmt, oder versucht das ganze logisch zu interpretieren ist doch dumm.
    Er ist ein Künstler und auch als solcher zu verstehen.
    Nicht mehr und nicht weniger.
    Das er in wirklichkeit kein böser Gangster, sonder einfach ein dicker gutmütiger Kerl ist, ist mir zumindest vollkommen klar.

    Es heisst nicht umsonst Rap Game.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Kommentare 30
  • Versenden E-Mail verschicken
  • Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
  • Artikel Drucken Druckversion | PDF
  • Schlagworte Musiker | Kanye West | Album | Eminem | Genre | Jay-Z
  • Artikel-Tools präsentiert von:

  • Agnetha Fältskog

    Ich bin ein A von Abba

    Sie war ein Weltstar. Als die Gruppe sich trennte, wählte sie die Abgeschiedenheit. Nun wagt sich Agnetha mit einer neuen Single zurück und empfängt sogar Journalisten.

    • Christoph Lieben-Seutter, Generalintendant der Hamburger Elbphilharmonie und Laeiszhalle

      Ein Mann, kein Ort

      Christoph Lieben-Seutter kam 2007 nach Hamburg. Seit Jahren muss der Intendant der Elbphilharmonie nun auf sein Konzerthaus warten. Wie hält er das aus?

      • Hymnen für Hackney

        Die Konzerte der Londoner Band Rudimental sind riesige Partys. Ihr Debütalbum "Home" liefert die passende Musik – ein Querschnitt durch Drum'n'Bass, Soul und Garage.  

        • Pop in der Schaffenskrise

          Kann Langeweile gute Musik hervorbringen? Phoenix haben sich redlich bemüht. Ihr neues Album "Bankrupt" ist dennoch Dokument eines Tiefpunkts. Von Jan Kühnemund  

          Service