An dem Tag, als Philipp Poisel zum Interview kommen sollte, hatte er sich verlaufen. Die große Stadt war ihm zu groß geworden. Er war rechtzeitig im heimatlichen Stuttgart losgefahren und hatte rechtzeitig in Berlin den Bahnhof erreicht. Aber das Café in Prenzlauer Berg, das fand er dann nicht. Eine gute halbe Stunde zu spät rauschte er herein, ein wenig außer Atem, aber guter Dinge. Kaffee wollte er keinen trinken, denn von Kaffee, sagte er, werde er immer so nervös. Dazu guckte er sehr brav aus großen Augen.

Poisel ist 28 Jahre alt, die sieht man seinem rundlichen, fast kindlichem Gesicht aber nicht an. Außerdem ist er Sänger und vor allem der Posterboy eines Phänomens: Er war der erste wirklich Erfolgreiche der jungen Männer mit Gitarre und nachdenklichen Liedern, vor denen man sich mittlerweile kaum noch retten kann. Sie tragen schwer an der Last des Lebens und schwerer noch an der Liebe, gern tragen sie auch Locken. Sie heißen Max Prosa , Felix Meyer , Norman Sinn , William Wahl , Andreas Bourani , Axel Bosse , Enno Bunger , Moritz Krämer , Martin Goldenbaum und natürlich Tim Bendzko . Er hat mittlerweile den größten kommerziellen Erfolg von allen.

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Das Spektrum, das dieser neue, singende Männerschlag anzubieten hat , ist durchaus breit. Es reicht von den an Bob Dylan und Leonard Cohen orientierten Reimen eines Max Prosa bis zu den haarscharf am Schlager vorbeischrammenden, mit leeren Metaphern vollgestopften Versen eines Andreas Bourani, von den Zeilen eines Tim Bendzko, die die Entwurzelung des Social-Media-Opfers in Worte fassen, bis zu den um den eigenen Bauchnabel kreisenden Texten eines Philipp Poisel, die die FAZ bereits als "Wolf-Wondratschek-Dichtung" verunglimpfte.

Auch musikalisch lassen sich die neuen Braven nicht wirklich auf einen Nenner bringen. Sicherlich, die meisten haben eine Gitarre im Anschlag, aber ein William Wahl setzt sich eher ans Klavier, die Band von Felix Meyer adaptiert gern osteuropäische Folklore, und Tim Bendzko säuselt sich problemlos in die Rotation jedes durchformatierten Radioprogramms.

Was sie aber alle teilen, das ist der Blickwinkel. In seinen Songs, erzählte Poisel damals, "geht es immer nur um mich – was anderes könnte ich gar nicht". So ist es auch bei den anderen. Denen geht es auch meist um sich. Vielleicht noch um die letzte Liebe, das kleine Leid, die ganz private Provinz. "Ich muss nur nach innen hören und das dann erzählen", sagte Poisel. Die jungen Männer blicken nach innen, weil sie Angst haben, nach draußen zu schauen. Denn was sie dort sehen, macht ihnen Angst. "Himmel tief und Lider schwer", singt William Wahl, dessen neues Album dieser Tage erscheint. "Du magst nicht mehr, Du magst nicht mehr."

All diese jungen Neo-Liedermacher tragen eine Opferhaltung mit sich herum, etwas geradezu jesushaftes. Sie sind ein Symptom: In einer Welt, die immer schneller und komplexer wird, geben sie der Orientierungslosigkeit der Menschen eine Form. In einer Welt, die die Zukunft der nachfolgenden Generationen an den Börsen verzockt, konzentrieren sie sich stellvertretend auf das kleine Glück des Augenblicks. In einer Welt, die auf die Katastrophe zusteuert, gießen sie die Ängste der Menschen in griffige Zeilen. Die Menschen, vor allem die Mädchen und jungen Frauen würden sie dafür am liebsten in den Arm nehmen und knuddeln .