Junge deutsche Songwriter : The Sound of Orientierungslosigkeit

Junge deutsche Musiker wie Tim Bendzko, Philip Poisel oder Max Prosa blicken nach innen, weil sie Angst vor der Welt da draußen haben. Das gab's in den Achtzigern schon.
Draußen Angst, innen Trost: Tim Bendzko ist der erfolgreichste der jungen, deutschen Songwriter. © Alexander Gnädinger

An dem Tag, als Philipp Poisel zum Interview kommen sollte, hatte er sich verlaufen. Die große Stadt war ihm zu groß geworden. Er war rechtzeitig im heimatlichen Stuttgart losgefahren und hatte rechtzeitig in Berlin den Bahnhof erreicht. Aber das Café in Prenzlauer Berg, das fand er dann nicht. Eine gute halbe Stunde zu spät rauschte er herein, ein wenig außer Atem, aber guter Dinge. Kaffee wollte er keinen trinken, denn von Kaffee, sagte er, werde er immer so nervös. Dazu guckte er sehr brav aus großen Augen.

Poisel ist 28 Jahre alt, die sieht man seinem rundlichen, fast kindlichem Gesicht aber nicht an. Außerdem ist er Sänger und vor allem der Posterboy eines Phänomens: Er war der erste wirklich Erfolgreiche der jungen Männer mit Gitarre und nachdenklichen Liedern, vor denen man sich mittlerweile kaum noch retten kann. Sie tragen schwer an der Last des Lebens und schwerer noch an der Liebe, gern tragen sie auch Locken. Sie heißen Max Prosa , Felix Meyer , Norman Sinn , William Wahl , Andreas Bourani , Axel Bosse , Enno Bunger , Moritz Krämer , Martin Goldenbaum und natürlich Tim Bendzko . Er hat mittlerweile den größten kommerziellen Erfolg von allen.

Klicken Sie auf das Bild, um zur Gegenüberstellung zu gelangen! © Sandra Ludewig

Das Spektrum, das dieser neue, singende Männerschlag anzubieten hat , ist durchaus breit. Es reicht von den an Bob Dylan und Leonard Cohen orientierten Reimen eines Max Prosa bis zu den haarscharf am Schlager vorbeischrammenden, mit leeren Metaphern vollgestopften Versen eines Andreas Bourani, von den Zeilen eines Tim Bendzko, die die Entwurzelung des Social-Media-Opfers in Worte fassen, bis zu den um den eigenen Bauchnabel kreisenden Texten eines Philipp Poisel, die die FAZ bereits als "Wolf-Wondratschek-Dichtung" verunglimpfte.

Auch musikalisch lassen sich die neuen Braven nicht wirklich auf einen Nenner bringen. Sicherlich, die meisten haben eine Gitarre im Anschlag, aber ein William Wahl setzt sich eher ans Klavier, die Band von Felix Meyer adaptiert gern osteuropäische Folklore, und Tim Bendzko säuselt sich problemlos in die Rotation jedes durchformatierten Radioprogramms.

Was sie aber alle teilen, das ist der Blickwinkel. In seinen Songs, erzählte Poisel damals, "geht es immer nur um mich – was anderes könnte ich gar nicht". So ist es auch bei den anderen. Denen geht es auch meist um sich. Vielleicht noch um die letzte Liebe, das kleine Leid, die ganz private Provinz. "Ich muss nur nach innen hören und das dann erzählen", sagte Poisel. Die jungen Männer blicken nach innen, weil sie Angst haben, nach draußen zu schauen. Denn was sie dort sehen, macht ihnen Angst. "Himmel tief und Lider schwer", singt William Wahl, dessen neues Album dieser Tage erscheint. "Du magst nicht mehr, Du magst nicht mehr."

All diese jungen Neo-Liedermacher tragen eine Opferhaltung mit sich herum, etwas geradezu jesushaftes. Sie sind ein Symptom: In einer Welt, die immer schneller und komplexer wird, geben sie der Orientierungslosigkeit der Menschen eine Form. In einer Welt, die die Zukunft der nachfolgenden Generationen an den Börsen verzockt, konzentrieren sie sich stellvertretend auf das kleine Glück des Augenblicks. In einer Welt, die auf die Katastrophe zusteuert, gießen sie die Ängste der Menschen in griffige Zeilen. Die Menschen, vor allem die Mädchen und jungen Frauen würden sie dafür am liebsten in den Arm nehmen und knuddeln .

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

In den Achtzigern schon?

Klar, Brot gab's in den Achtzigern auch schon, Spiele auch - auch wenn die Grafik im Atari noch etwas flimmerte. Ich find's schön, wenn Hyper-Hyper & Co in der Wertstofftonne landen und neben all dem Coolen auch wieder was Warmes auf dem Musiktisch kommt - und zwar gemütlich in der Küche und nicht mehr an der Stadiontheke. (Lasershow gut und schön, aber Lagerfeuer ist und bleibt eben ein unschlagbarer Klassiker.) Die ewigen musikalischen Frührentner von Element of Crime dürfen endlich was Frisches zur Seite bekommen... Ich freue mich über all die neuen deutschen Songpoeten und finde, dass sie neben beachtlichem Mut zum Gefühl stilistisch und musikalisch genügend Neues zu bieten haben (muss einem ja nicht alles gefallen, gibt ja Auswahl). Poesie und Krisengefühle hängen übrigens nicht erst seit den Achtzigern zusammen.

Auch solche Artikel gabs in den 80ern schon

Auf mich wirkt eine solche Überschrift recht arrogant. Ist nicht meine Musik. Dass jemand die Musik eines gewissen Herrn Bach spielt, gabs auch schon mal, ganz zu schweigen von den ganzen "Wundergeigern" im jugendlichem Alter, die es auch schon vor 100 Jahren gab.
Allen gemein ist, dass sie etwas verkaufen. Wenn das Opferhaltung ist, meinetwegen. Ob es das schonmal gab? Spielt das wirklich eine Rolle?

NDW Mogelpackung

Junge Leute die praktisch gar keine Lebenserfahrung, oder gar Lebensweisheit gesammelt haben, singen von der Schwere des Lebens. Authentisch ist das nicht. Wenn Künstler vorgeben etwas zu sein was sie nicht sind, oder vom etwas singen was sie nie durchlebt und erfahren haben, dann ist das pure Kommerz, und hat mit Musik nichts am Hut.

Pauschalisieren junge Menschen haben keine Weisheit...naja...

Meiner Meinung ist der Begriff und Inhalt "Lebenserfahrung" durchaus koppelbar mit dem Begriff "junger Mensch". Weshalb soll ein junger, reflektierter Mensch denn bitte nicht dazu in der Lage sein, seine und die Situation/Gegenwart vieler anderer im derzeitigen zu begreifen und für sich /andere zu transformieren ?
Bedeutet denn jung = unerfahren, aus Ereignissen nicht gelernt,begriffsstutzig und alt/älter= furchtbar weise und schlau? Den Eindruck habe ich definitv nicht.Oftmals kann es schließlich so sein, dass ein junger Mensch einem alten hilft, ein schmerzendes Muster zu durchbrechen. Bevor ich hier sozialpädagogisch ausschweife lass ich das so stehen :)

Keine Lebenserfahrung

Lieber Mejan,

Wie viel Erfahrung brauche ich, um zu fühlen? Können Sie mir das sagen? Ich weiß es nämlich nicht. Auch scheinen mit Authentizität und Alter nicht zu korrelieren. Durfte sich Kurt Cobain nicht "stupid and contagious" fühlen, weil er 1991 nur 25 Jahre alt war? Durfte Dylan nicht "Blowin' in the Wind" schreiben, weil er nur 21 Jahre alt war? Dufte Mozart nicht komponieren, weil er noch ein Kind war?

Nachdenkliche Grüße,
John

Wie war das bloß möglich damals?!

Rimbaud und Co. sahen die Welt mit eigenen Augen. Reisen und Schreiben standen bei denen schon in frühem Jugendalter im ständigen Wechselverhältnis.
Außerdem umgab sie ein "Büchergehäuse" mit Standardwerken, die in hochkonzentrierter Form Wissen vermittelten. Ergo, die Jungend heute verschwendet ihre Jungend auf jugendliche Weise ... Denn, auch Rimbaud und Co. waren wenige Ausnahmeerscheinungen.

@ 2 Mejan

Diese Anforderungen darf man ruhig auch an Poltiker ab 30 stellen aber da tut mans nicht.

Was darf der Künstler und was muss er leisten.

Mit Verlaub: Alles. Weder haben alle Menschen Nietzsches Vrehältnisse erlebt und selbst kafkaeske Zustände werden den meisten erspart bleiben. Und wer teilt Proustsches Leiden?

Wieso also Mogelpackung. Private Gefühle, erts recht, wenn sie denn auf Teilung stossen sind legitim. Únd auch wenn das Private als politisch erklärt wird; einen Zwang, dem Mainstream entsprechend zu künstlern, werden sie doch sicher nicht befürworten.