Instrumentenbau-Studie : Stradivari-Geigen fallen im Blindtest durch

Seit Jahrhunderten suchen Forscher nach dem Geheimnis der italienischen Meistergeigen. Aber gibt es überhaupt eins? Eine neue Studie entlarvt den Mythos vom Zauberklang.
Diese Stradivari-Violine namens "Ex Nachez" von 1716 wurde 2003 in London für rund 1.150.000 Euro versteigert. © Miguel Villagran/dpa

Eine Stradivari zählt unter Profimusikern zu den unbeliebtesten Geigen – zumindest, wenn die Musiker nicht wissen, dass sie gerade darauf spielen. Im Blindversuch bevorzugten sie meist neuere Geigen, berichten Wissenschaftler in den Proceedings der US-Nationalen Akademie der Wissenschaften. Die Instrumente italienischer Meister wie Antonio Stradivari oder Guarneri del Gesù schnitten in der Bewertung der Musiker keineswegs besser ab: Die Musiker konnten anhand des Klangs nicht zwischen alten und neuen Instrumenten unterscheiden.

Die beiden Geigenbauer lebten im 18. Jahrhundert. Sie gelten als die berühmtesten Meister des "Goldenen Zeitalters des Geigenbaus", das etwa von 1550 bis 1750 dauerte, schreiben die Forscher um Claudia Fritz von der Universität von Paris. Fast alle berühmten Geiger seit dem frühen 19. Jahrhundert spielten eine Stradivari- oder Guarneri-Geige.

Viele Musiker behaupten, am Klang des Instruments sofort erkennen zu können, ob es sich um eine neue oder eine alte Geige handelt. Es gibt zahlreiche Vermutungen zur vermeintlich überragenden Qualität alter Geigen, die von der Verwendung eines speziellen Lacks bis zu den Auswirkungen der kleinen Eiszeit auf das Holz reichen.

Fritz und ihre Mitarbeiter ließen nun 21 erfahrene Geiger auf insgesamt sechs Geigen spielen – in einem abgedunkelten Hotelzimmer und mit Schweißerbrillen vor den Augen. Drei der Geigen waren wenige Tage bis Jahre alt, drei waren alte Meister-Geigen: zwei Stradivaris und eine Guarneri.

Die Musiker sollten die Qualität der Geigen nach typischen Kategorien beurteilen, etwa nach Tonfarbe und Spielbarkeit. Sie sollten auch entscheiden, welche der Geigen sie am ehesten und welche gar nicht mit nach Hause nehmen würden. Zudem sollten sie beurteilen, welche von jeweils zwei nacheinander gespielten Geigen die bessere ist.

In den Tests zeigte sich, dass die Musiker die Geigen im Grunde nicht auseinanderhalten konnten, also die alten nicht von den neuen unterscheiden. Die neuen Instrumente schnitten sogar besser ab. So entschieden sich zum Beispiel nur acht der 21 Musiker dafür, eine alte Geige mit nach Hause zu nehmen, 13 wählten eine neue. Eine der beiden Stradivaris wurde in beiden Tests gar als das schlechteste Instrument bewertet.

Statt nach dem Geheimnis der italienischen Geigenbauer zu suchen, sollte in Zukunft besser untersucht werden, wie Musiker überhaupt Instrumente bewerten, schreiben die Wissenschaftler. Es solle geprüft werden, auf welche Merkmale sie besonders Wert legen und wie diese mit messbaren Eigenschaften des Instruments zusammenhängen – egal, ob alt oder neu.

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Kommentare

59 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Immer die bösen Daten.

Hätten Sie die Frage umgekehrt auch gestellt, wenn die alten Geigen 'gewonnen' hätten?

Ich vermute, hier läuft es, wie bei anderen lieb gewordenen Mythen auch, halt einfach nach dem Muster ab, dass beim ersten, zweiten, dritten ... sechsten Test, in dem die Neuen 'gewinnen', gefragt wird, welcher Faktor denn diesmal wohl vergessen wurde. Gewinnt im siebten Test die Alte, dann allerdings ist alles klar...

Das ist ja nicht schlimm. So manche kleinen Mythen bereichern die Phantasie und das Leben.

Schöne Sache

Natürlich hat whateveryouthink (Kommentar 1) nicht unrecht; die Signifikanz dieses Tests ist nicht allzu groß.

Davon abgesehen: Angenommen, diese Tests bewahrheiten sich in weiteren Experimenten, so könnte dies doch vielleicht ein wenig frischen Wind in den Intrumentenbau bringen. Insbesondere Streichinstrumente haben sich im Laufe der Zeit weder in Form noch vom Material her verändert (so scheint´s zumindest dem geigespielenden Laien).
Dies mag nun daran liegen, daß man irgendwann der Perfektion recht nahe gekommen sein kann; aber man sollte nicht vergessen, daß seit Stradivari neue Materialien, Bearbeitungsweisen und Berechnungsmöglichkeiten hinzugekommen sind.

Mich würde schon mal interessieren, wie eine Geige aus diversen Kunststoffen oder sonstwelchen Materialien klingt. Vielleicht kämen ja ganz andere Klangerlebnisse zu stande?

Auch sind doch die gewünschten Klangeigenschaften einer guten Geige recht klar definiert und akustische Eigenschaften vieler Arbeitsmaterialien gut durchgemessen. Wäre doch schön, wenn man für 50€ eine Kunststoffgeige herstellen könnte, die wie eine Stradivari (oder noch besser) klingt.

Dummerweise bin ich weder Geigenbauer noch Akustiker, aber ich würde mir definitiv wünschen, daß man in diese Richtung ein wenig experimentiert.

neue Formen werden schon ausprobiert

zumindest für Bratschen.

http://www.instrumenten-s...
http://www.batesline.com/...

Aber Geigenbau ist nach wie vor sehr traditionalistisch, und im Gespräch mit einem Geigenbauer konnte er mir nicht sagen, warum der Steg so und nicht anders geformt ist, war halt schon immer so. Und das, obwohl dieses kleine Stück Holz den Klang von der Saite auf den Korpus überträgt, und jedes der Löcher das Übertragungsverhalten stark beeinflussen muss. Experimentiert wird wohl eher selten...

Solche Blind-Tests -

noch besser: Doppelblind-Tests - sollten sehr viel öfter gemacht werden.
Einen habe ich noch in Erinnerung: den Bier-Test.
Da kam heraus, dass die billigsten Biere oft die besten sind, besser als die meisten "Premium-"Biere. (Werbegelüge)
Oder man stelle sich vor, in einem Museum oder in einer Galerie hingen Bilder ohne Künstlernamen. Eine Katastrophe für all die Opportunisten und Ahnungslosen, die die "Qualität" eines Kunstwerks (?) vor allem danach beurteilen, wer gerade "angesagt ist".
Oder man würde CDU-Anhängern eine Rede eines LINKEN vorlesen und ihnen sagen, der Redner sei von der CDU.
Da tun sich Abgründe auf.

Ein Kunstwerk

definiert sich eben zu einem großen Teil über seine historische Eibettung und Bedeutsamkeit. Meinen Sie, jeder versteht was es mit dem "Schwarzes Quadrat auf weißem Grund" von Kasimir Malewitsch auf sich hat, welches seinen Sinn erst dann entfalten kann, wenn man es so wie er an die Zimmerdecke hängt, und zwar dort wo sonst in Russland die Ikonen hängen. Kunst geht nicht ohne Zusammenhang, hingegen ist der Klang eines Instruments für sich schon ein bedeutender Wert.

Unter Geigenbauern...

... dürfte der Test kaum überraschen. Ist doch der Geigen-, allgemein Streichinstrumentenbau seit Stradivari und Co erheblichem Wandel unterzogen worden. Zur Erreichung eines stärkeren Tones wurde:

- der Hals länger und stärker nach unten gewinkelt, womit der Saitendruck auf die Decke erhöht wurde.
- Der Bassbalken entsprechend verstärkt
- Das Material der Saiten gegenüber Darm sehr viel stärker (Umspinnung, Kunststoffe, Stahl)

Es gibt wahrscheinlich keine Geige der alten Meister, die nicht entsprechend umgebaut wurde. Außerdem sind die Bögen heute derart, dass mit sehr viel mehr Kraft gespielt und auch ein erheblich kräftigerer Ton heraus geholt werden kann.

Berufsmusiker wissen dies auch alles. Daher dürfte sie der Test auch nicht überraschen. Jedoch leben besonders Solisten und Konzertmeister großer Orchester besonders vom Mythos der alten Meister: Der spielt Stradivari und ist damit mehr Wert.

Zur Validierung muss man nur die Vita von Anne Sophie Muter und Kolleg(inn)en oder auch nur ihre Plattencover lesen.