Hauntology-PopElektronische Musik erforscht ihr Unbewusstes

Derridas Begriff der "Hauntology" in den Clubs: Eine junge Musikergeneration erinnert sich an eine Kindheit vor der Spielekonsole und erwärmt Techno mit Menschlichkeit. von Felix Stephan

Der Produzent Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never kramt in seinen sonischen Erinnerungen, statt in der Plattenkiste.

Der Produzent Daniel Lopatin alias Oneohtrix Point Never kramt in seinen sonischen Erinnerungen, statt in der Plattenkiste.  |  © Shawn Brackbill

Die elektronische Musik ist auch deshalb so signifikant für unsere digitale Hypermoderne, weil sie der Vorstellung erliegt, sie könne sich ausschließlich mit sich selbst beschäftigen. Eine repetitive Musik, die von sich nicht mehr erwartet, als die Sensation zu feiern, jetzt in genau diesem Moment voll am Start zu sein, hat einen schlüssigen Bedeutungsrahmen genauso wenig nötig wie Werbespots, Videospiele und Modekollektionen. Dieses im Grunde snobistische Selbstverständnis wird – zumindest in der Musik – derzeit von der Realität eingeholt.

Sehr konzentriert war das in der vergangenen Woche beim Berliner Club Transmediale zu beobachten, der sich in diesem Jahr dem Geisterhaften in der elektronischen Musik widmete. Hauntology heißt das Phänomen im Kulturdiagnose-Sprech, wobei das ja "auch wieder nur so eine Zuschreibung" ist, wie der künstlerische Direktor der ctm, Jan Rohlf, sichtlich Kulturdiagnose-Sprech-müde zum Festivalauftakt erklärte.

Anzeige

Mit Hauntology ist eine Bewegung in der elektronischen Musik gemeint, die vor allem von Plattenfirmen wie Tri Angle , Ghost Box und Mordant betrieben wird. Der Begriff geht zurück auf Jacques Derrida , der damit ausdrücken wollte, dass Europa von den Geistern seiner Vergangenheit besessen ist und immer sein wird. Nun haben sie Besitz von den Synthesizern ergriffen, nämlich in Form von Echoeffekten, gebrochenen Rhythmen und choralhaften Gesängen. Jenseits aller konzeptuellen Ordnungsstürme scheint der Entwicklungsschritt jedoch ohnehin überfällig zu sein: Die elektronische Musik wird von der uneingestandenen Tatsache heimgesucht, dass sie vom Menschen gemacht ist.

Das signifikant Moderne am Elektronischen war immer, dass es sich als eine Form verstanden hat, die eher aus den entmenschlichten Rhythmen der Maschinen und Fabriken hervorgeht als aus den inneren Zerwürfnissen der Künstlerseele. Pioniere wie Kraftwerk und Conrad Schnitzler bezogen sich explizit auf das Moment des Automatischen, das sich Mitte des vergangenen Jahrhunderts schlichtweg nicht mehr sinnvoll als Befreiungsgeschichte erzählen ließ. Die Elektroniker der ersten Stunde versuchten diese Ästhetik des Stampfens möglichst verlustfrei ins Bild zu setzen, indem sie auf den Umweg über die Künstlerfigur verzichteten. So sinn- und ziellos wie in den Fabriken die Zylinder pumpten und die Funken sprühten – ohne Ziel, ohne Sehnsucht, kraftvoll und wild –, so klapperten auch die Beats: ohne Klimax ihrem willkürlichen Ende entgegen, immer gleich, immer gleich gut.

Heute ist Technologie kein Stahlgewitter mehr

Der gegenwärtigen Elektro-Avantgarde reicht das nicht mehr, was daran liegen mag, dass sie im Gegensatz zu den Pionieren aus der Kraftwerk-Generation das Technologische nicht mehr als nivellistisch und totalitär versteht, sondern als Traumarchitektur der eigenen, überwiegend glücklichen Kindheit. Technologie stellt sich nun nicht mehr als entfesseltes Stahlgewitter dar, sondern fungiert als Widerklang des Allzumenschlichen: Zocken am Sega-Mastersystem, PC-Fehlermeldungen, Atari-Hintergrundmusik. Während die Elektro-Großväter das kollektive Über-Ich der industrialisierten Welt als wildgewordene Maschine entwarfen, ist heute das digitale Erleben etwas zutiefst Eigenes.

Einer der Protagonisten dieser Versöhnung des Elektronischen mit dem eigenen Inneren ist Daniel Lopatin , der das Berliner Festival gleich an mehreren Tagen bespielte. Lopatins Arbeiten sind vor allem deswegen so aussagekräftig für den Paradigmenwechsel, der sich gerade vollzieht, weil er das unbehaglich Vertraute in seiner Musik nicht mit den herkömmlichen Erlkönig-artigen Verwehungsklängen aus dem Grusel-Baukasten inszeniert, mit denen sich viele Hauntology-Produzenten zufrieden geben. Stattdessen arbeitet sich der New Yorker, der als Oneohtrix Point Never auftritt, an den Sounds seiner eigenen, friedlichen neunziger-Jahre-Adoleszenz ab. Und die sind vor allem in Midi-Sprache verfasst: "Ich bin mit Videospielmusik und ihren speziellen Tönen in meinem Kopf aufgewachsen. Das wird man nie wieder los. Es ist wie ein Tattoo auf deinem Kopf", sagte er in Berlin .

Leserkommentare
  1. Alex Cortex' "Kihon".

  2. Überschrift: "Eine junge Musikergeneration erinnert sich an eine Kindheit vor der Spielekonsole"

    Daniel Lopatin: "Ich bin mit Videospielmusik und ihren speziellen Tönen in meinem Kopf aufgewachsen. Das wird man nie wieder los. Es ist wie ein Tattoo auf deinem Kopf."

    Hm?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Das "vor" ist hier nicht zeitlich gemeint.

  3. Das "vor" ist hier nicht zeitlich gemeint.

    Eine Leserempfehlung
    Antwort auf "Nur ne kurze Frage"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der Groschen ist gefallen, danke! :)

    • snm81
    • 06. Februar 2012 18:35 Uhr

    der wandel dieser gattung. bin selber mit jenen "speziellen tönen" aufgewachsen. habe auch viel zeit in und mit jener musik verbracht. (oder war das ne ganz andere?) mittlerweile ist dass gar nicht mehr meine welt- alles so tricky und experimentell und verkitscht und rosarot geworden, kommt jetzt als seriöse kunstform daher- nix mehr mit schweisstriefenden kellern, strobo, monotonen irrwitzig minimalen sounds , beton, abgefuckten gestalten... es war fast ne neue form von punk- und dann? kam der kommerz? oder das alter? vielleicht auch beides. vielleicht sind es aber auch andere generationen und es gibt keinen bedarf mehr an ganz anderem.

  4. Der Groschen ist gefallen, danke! :)

    Antwort auf "Präposition"
  5. ....Klar ... alles aus der großen weiten Welt, der Hauch der Subkultur von New York muss natürlich aufregender und neuartiger sein als alles, was so in Berlin oder sonstwo im kleinen altmodischen verspiessten Europa gemacht wird....
    Klar.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Musik | Jacques Derrida | Berlin | Europa | New York
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service