Es gibt nur wenige Sängerinnen auf der Welt, die in einem weißen Ballkleid die geschwungene Show-Treppe einer Galabühne hinabschreiten und allein einem Millionenpublikum gegenübertreten können. Whitney Houston war lange Zeit die einzige. Und ihr erstes Wort war "Ich" – Ich werde dich immer lieben.

I Will Always Love You war ihr größter Hit, und wie er anfängt, sagt beinahe schon alles über die Bedeutung Whitney Houstons. Die ersten 45 Sekunden bestreitet sie allein, jeder Ton ein technisches Wagnis und zugleich das persönliche Bekenntnis einer verlassenen Seele. Erst danach setzt die Band ein, fängt die Sängerin auf, die in ihrer besten Zeit das Drama des Wunderkinds mit ihrer entfesselten Unmittelbarkeit als Leidende überstrahlen konnte. Aber immer mehr Hilfe nötig hatte, als eine Band und als Musik ihr geben konnten.

Als der Musikmanager Clive Davis sie Anfang der 80er Jahre in einem Club in Manhattan entdeckte, war er von ihrem Feuer sofort begeistert. Aber es bedurfte einer rigiden Kontrolle, bei der Davis über Jahre sämtliche Aufnahmen, Arrangements und Managemententscheidungen überwachte, um aus dem Talent den Superstar zu machen, der Houston 1985 wurde.

In der vergangenen Woche traf man Davis in einem Gartenhaus des Beverly Hilton Hotels, wie immer, wenn er in Los Angeles zu tun hat, vertieft in die Vorbereitungen seiner jährlichen Party, die er am Vorabend der Grammy-Verleihungen für "seine" Stars auszurichten pflegt. Der 79-jährige Pop-Tycoon ist ein väterlicher Freund für so viele, die ihm ihre Karriere verdanken. So umfasste die Einladungsliste auch diesmal die Namen von Michael-Jackson-Produzent Quincy Jones, von Tony Bennett, von Hip-Hop-Mogul Sean "Puffy" Combs, von Jennifer Hudson, Jackson Browne, der versammelten Pop-Aristokratie. Auch die berühmteste von Davis’ Entdeckungen, Whitney Houston, wurde erwartet. Und der Los Angeles Times erzählte Davis auf einem überladenen Sofa sitzend, dass die Party einfach ein schöner Moment für jeden sei, "um die Schwerter zu senken".

Was er meinte, sind die Schwerter des Ehrgeizes, des narzisstischen Furors, der Musiker erst zu Weltstars macht. Während die Grammy-Zeremonie am Sonntag aus ihnen wieder erbitterte Konkurrenten um die Krone machen sollte, hätte der Samstag in Davis’ Kreis der Freundschaft gewidmet sein sollen. Doch dann der Schock. Im Hilton-Foyer werden letzte Vorbereitungen für den Abend getroffen, als im vierten Stock am Samstagnachmittag der leblose Körper Houstons gefunden wird. Zwanzig Minuten versuchen Sanitäter, die 48-Jährige in ihrem Hotelzimmer wiederzubeleben. Um 15.55 Uhr wird sie für tot erklärt.

Am Vorabend hatte sie in einem Club der Stadt für einen Auftritt bei Davis’ Jahrestreffen geprobt. Es existiert ein Amateurfilm davon. Verwackelte Bilder einer Handykamera zeigen die Sängerin in einem Zustand der Auflösung . Sie singt ein Duett, aber von ihrer einst Welten bewegenden Stimme ist nur ein Krächzen zu hören. Kraftlos entgleitet ihr die Melodie. Als sie den Club später verließ, rann Blut ihr Bein herunter, und Augenzeugen berichten, dass sie jemanden anzuschreien und wild zu gestikulieren schien. Die letzten Bilder von ihr, aufgenommen vor der Tür des Tru Hollywood Night Clubs, zeigen eine Frau, die die Kontrolle über sich verloren hat.

Es war ein angekündigter Niedergang. Keine Kraft der Welt schien ihn aufhalten zu können. Drogen bestimmten seit den 90er Jahren das Leben des Stars, erst Marihuana und Kokain, danach wer weiß was alles. Ihre 1992 geschlossene Ehe mit dem R'n'B-Star Bobby Brown lieferte von Beginn an Schlagzeilen für die Boulevardpresse und hielt dennoch und etlichen Trennungen auf Zeit zum Trotz fast 15 Jahre bis zur Scheidung im Frühjahr 2007. Einen traurigen Höhepunkt erreichte die öffentliche Selbstdemontage 2005 in der Reality-Soap Being Bobby Brown : das unfreiwillig komische Sittenbild einer zerrüttete Jetset-Ehe, das vom Branchenfachblatt Hollywood Reporter als abscheulichste TV-Serie aller Zeiten gebrandmarkt wurde.

Das war vielleicht der Preis dafür, dass sie eine kulturelle Schranke überwunden hat und wie Michael Jackson Ausgangspunkt einer musikalischen Supernova war. Nach ihr musste man nicht mehr weiß sein, um Popmusik zu machen, nicht mehr schwarz für Soul. Sie selbst verwischte ihre schwarzen Wurzeln mit einer hymnischen Musik, die für alle da sein sollte. Der Preis waren ihre Drogensucht und ihre Liebe zu einem gewalttätigen Mann, der sich gern als schwarzer Underdog inszenierte.