Künstler bestimmen die Qualität einer Gesellschaft. Diese große These breitet die Autorin Imke Elliesen-Kliefoth in ihrem Buch Bergauf beschleunigen aus, für das sie 2009 Interviews mit Künstlern, Schriftstellern und Musikern führte. Unter anderem mit dem Schlagzeuger Michael Wertmüller, der im Grenzbereich von Neuer Musik und Jazz agiert, oft auch zusammen mit dem nach wie vor kämpferischen Free-Jazz-Saxofonisten Peter Brötzmann, der in seinen Anfangsjahren selten ohne seine Zimmermann-Arbeiterhose zu sehen war. Der Jazzmusiker als Arbeiter, direkt am Boden der Gesellschaft tätig.

Als Brötzmann im September im John-Cage-Raum der Berliner Akademie der Albert-Mangelsdorff-Preis verliehen wurde, erinnerte er an diese Jahre in Berlin Anfang der Siebziger, als Kunst noch Bedeutung hatte und anspruchsvolle, improvisierte Musik Öffentlichkeit und Publikum. Und an die Zeit, als er zusammen mit Peter Kowald, Manfred Schoof und Albert Mangelsdorff die Union deutscher Jazzmusiker gründete, um auch politisch die Situation der Musiker zu verbessern. Doch in Deutschland gebe es heute im Vergleich zu anderen Ländern zu wenig Unterstützung für den Jazz, obwohl die Szene noch nie so vielfältig und spannend gewesen sei, wie gerade jetzt.

Auf Initiative von Imke Elliesen-Kliefoth, die sich auch politisch für eine Reform der Künstlerförderung einsetzt, schrieb Brötzmann daraufhin einen offenen Brief an die Kulturbeauftragen der Parteien. Ebenfalls gab es eine "Große Anfrage" führender SPD-Politiker – darunter Siegmund Ehrmann, Peer Steinbrück und Frank Walter Steinmeier – zur Musikförderung an den Bundestag, die auf der Grundlage einer ersten Antwort der Bundesregierung am 9. Februar* zwischen 15 und 16 Uhr verhandelt und live auf Phoenix übertragen wird (Die Debatte ist auf Anfang März verschoben worden. Anm. d. Red.). Zum ersten Mal seit vielen Jahren wird der Bundestag wieder über Jazz debattieren und die Musiker wollen sich an dieser Diskussion beteiligen.

Zur Vorbereitung lud Imke Elliesen-Kliefoth zu einem "MusikArbeiterTreffen" in den Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Im kleinen Kiez-Café Niesen, in dem sonntags auch Konzerte improvisierter Musik und Jazz stattfinden, trafen sich am Montagabend die Musiker an langen Holztischen. Darunter der Saxofonist Felix Falk, einer der Mitinitiatoren des Jazz-Musiker-Aufrufs via Facebook vom 12. Dezember, den mehr als zweitausend Musiker unterzeichnet haben. Ebenfalls anwesend waren der Saxofonist Uli Kempendorff und der Pianist Marc Schmolling. Sie hatten am 7. Dezember mit dem Echtzeit-Turntableisten Ignaz Schick die Vereinigung IG Jazz Berlin gegründet, der sich mittlerweile etwa 120 Mitglieder angeschlossen haben. Die Themen im Café waren Altersarmut unter Musikern, Mindestgage und Spielstättenförderung sowie bezahlbare Probenräume und Aufnahmestudios.

Während viele der anwesenden Musiker, darunter Michael Wertmüller, vor allem zuhörten, sprach sich der Posaunist Sören Fischer für den Wert der Kunstform Jazz und bessere Arbeitsbedingungen aus. Uli Kempendorff und Felix Falk berichteten über den derzeitigen Stand. Es habe viele Gespräche mit Politikern aller Parteien gegeben, um diese erst mal für die improvisierte Musik und den nicht kommerziellen Jazz zu sensibilisieren. Der Gitarrist Olaf Rupp sprach sich für eine Förderstruktur aus, die auch die Kleinteiligkeit der Szene berücksichtigt. Das derzeit im Aufbau befindliche Music-Board sei dafür ebenso wenig geeignet wie die Club-Commission, der es am allerwenigsten um Spielorte für Jazz und improvisierte Musik gehe.

Die Bassisten Jan Roder und Johannes Fink verglichen die Bedingungen in Deutschland mit denen in Holland, Frankreich oder Ungarn. Dort zeige sich der gesellschaftliche Stellenwert des Jazz in der Förderung von Jazzhäusern mit Bühnen, Proberäumen und Aufnahmestudios, sowie in einem monatlichen Grundgehalt und einer Renten- und Arbeitslosenversicherung für die Musiker. Das diene der sozialen Absicherung, denn derzeit gebe es gerade unter Musikern eine hohe Altersarmut. Dazu kämen die zunehmend prekären Bedingungen, unter denen kreative Musik entstehe. Die bestehende Künstlersozialkasse KSK sei da eine große Hilfe.