ShowgeschäftEhret den Fake-Pop!

Lana Del Rey wird für ihre Künstlichkeit kritisiert. Ist Madonna schuld an dieser Skepsis gegenüber inszeniertem Pop? Ein Plädoyer für bühnenreife Allmachtsfantasien von Christian Jooß-Bernau

Madonna während ihrer "Sticky and Sweet" Tour 2009

Madonna während ihrer "Sticky and Sweet" Tour 2009  |  © Marko Djokovic/AFP/Getty Images

Aufreizende Schläfrigkeit, träge Locken, ein Blick der Lolitalangeweile durch überlange Kunstwimpern. Und dann auch noch diese Lippen, die kein Schönheitschirurg voller entworfen hätte! Nach der ganzen Aufregung, die Lana Del Rey seit vergangenem Herbst erzeugt hat, ist ihr Debütalbum jetzt tatsächlich auf den Redaktionsschreibtischen gelandet. Und abseits der musikalischen Bewertung von Born To Die schwingt doch in vielen Rezensionen ein Tenor, der sich in etwa so zusammenfassen lässt: Gut und gut gemacht sind zwei verschiedene Dinge. Wenn es einen Einwand gegen die Kunstnamenfigur Lana Del Rey gibt, dann doch den, dass man Manager am Werke ahnt, die aus diversen Einzelteilen, aus Filmvorlagen, Kunstnägeln, Stimme und Lippen, ein Wesen zusammengesetzt haben, das maximale Poptraumerfüllung bringen soll.

Diese rezensionsimmanente Kritik an Marketingmachenschaften und Imagekonstruktionen offenbart eine recht biedere Haltung gegenüber der Traumfabrik Pop. Im Unterschied zu Hollywood nämlich muss die sich für ihre Illusionen immer entschuldigen. Und so betont Lana Del Rey, geborene Elizabeth Grant, in Interviews brav das Selbstgemachte und genetisch Gegebene. Weil ein Popsong eben nur dann zum emotionalen Konsum freigegeben wird, wenn dahinter ein Künstler mit nachvollziehbarer Biografie sichtbar wird.

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Unlängst erschien an dieser Stelle Felix Stephans Artikel Authentischer Pop, was war das noch? , in dem stand, die Kategorie der Authentizität spiele keine Rolle mehr, weil mittlerweile jeder Hörer durch die Selbstinszenierung in sozialen Medien eine Kompetenz erworben hat, die ihn ganz selbstverständlich mit der Inszenierung der Popstars umgehen lässt. Diese Annahme überschätzt die ästhetische Kompetenz des durchschnittlichen Rezipienten allerdings gewaltig. Wer sich im emotionalen Spiel der Musik nicht offensiv als Schauspielerexistenz zu erkennen gibt, wie David Bowie , Alice Cooper oder Lady Gaga , hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wobei über Letztere gerade erst ein Bildband erschienen ist, der den Blick auf das ungeschminkte Wesen hinter der Figur verspricht. Der Drang zur Demaskierung von Popstars hat etwas Zwanghaftes.

Schon die Beatles unterlagen Managementkorrekturen

Dabei wäre es doch reizvoll, die Produktionsbedingungen von Popfiguren einmal als Teil ihrer Kunst zu begreifen, statt ständig nach Möglichkeiten zu suchen, sie auszublenden. Das Gemachte hat sie immer schon begleitet. Die Girl-Bands der Fünfziger gingen durch Benimmkurse, die ihnen das Damenhafte anerziehen sollten. Brian Epstein verordnete den Beatles strengstes Schweigen über Freundinnen und Ehefrauen. Diese Managementkorrekturen trugen dazu bei, die Liverpooler zur Projektionsfläche für Teenagerträume zu machen. Wer sich dagegen als Beatles-Fan authentisch empört in Stellung bringt, der muss schon wieder zwischen der Qualität der Musik an sich und dem Image unterscheiden.

Es ist höchst interessant, wie solch ein – im Branchensprech gesagt – Gesamtpaket geschnürt und verkauft wird. In der Entfernung von der Realität liegt der Kick. Pop hat eben auch manchmal die Aufgabe, uns das Unmöglichgeglaubte als Emanation eines physischen Wesens auf der Bühne erscheinen zu lassen.

Elvis "the Pelvis" wurde zum King im weißen Karateanzug, der sich vor seinem Publikum materialisierte, um als göttergleicher Showmaster eine Rock'n'Roll-Revue abzuliefern, die nur noch als Erinnerung etwas mit der Jugendrevolte zu schaffen hatte. Aber war das ein ästhetischer Makel? Eher deprimierend sind die Einblicke in den royalen Haushalt in Graceland, die einen Mann zeigen, den das Image gefangen hält. Der als Ausdruck einer in die eigene Lebenswirklichkeit umgeschlagenen Hybris eine Audienz bei Nixon erhält. Hier franst das Image in die Niederungen des Realpolitischen aus und man wünscht sich den Unnahbaren zurück, der das Logo TCB auf sein Flugzeug pinseln ließ – Taking Care of Business . Pop als Allmachtsfantasie.

Leserkommentare
  1. ... ist meiner Meinung nach überflüssig, POP ist seinem Wesen nach künstlich und bedient sich diverser Mainstream- Glättungsmechanismen, um etwas zu kreieren was jeder mag, aber aus Gründen mangelnder Authentizität keiner wirklich und ehrlich lieben kann.

    Das ist aber ein Anspruch den POP nicht erfüllen muss, POP ist wie POPCORN Kino, er bietet eine gute Zeit, Unterhaltung und manchmal das Trugbild von Authentizität.

    Im Endeffekt ist doch entscheidend wie sich die Musik subjektiv anfühlt bzw. anhört und nicht ob dort Menschen im heimischen Keller mit selbstgebauten Instrumenten unabhängig Musik kreiert haben, solche Musik kann man genau so schätzen.

    Authenzität ist ein Anspruch, aber kein zwingendes Qualitätsmerkmal von Musik.

  2. Das "Problem" bei Lana Del Rey ist ja nicht, dass sie "konstruiert" ist, sondern dass sie vorzugeben scheint, es nicht zu sein. Wenn ich mich richtig erinnern kann, wurde sie im letzten Jahr ganz klar so lanciert - "echte white-trash-Vergangenheit", "im Trailerpark aufgewachsen", etc. etc.

    Wenn Frau Del Rey einfach singen würde, ohne dass man dazu noch ein durchschaubares Hintergrundpaket mitgeliefert bekommt, wäre es weniger beleidigend für die Intelligenz des Rezipienten.

    Abgesehen davon wird Authentizität und das spielen mit ihr und/oder dem Fake immer zum Pop gehören. Pop ist nämlich nicht "reine Musik", sondern immer untrennbar mit dem Sänger oder der Sängerin verbunden, und damit auch mit dem persönlichen/sozialen Hintergrund und Werdegang. Allerdings gibt es da Künstler, die weitaus intelligenter und unterhaltender mit der Spannung zwischen Authentizität und Fake spielen, z.B. Die Antwoord.

    • S7ephan
    • 02. Februar 2012 12:24 Uhr

    ...Lana Del Rey? War die mal im Dschungelcamp?

  3. pop definiert sich doch aus seiner eigenen künstlichkeit heraus, daher versteh eich die ganze aufregung nicht, bzw die diskussion :)
    was ist denn mit den andren musikrichtungen? ich sag nur "rammstein", und co. ist da nichts künstlich, nein? ;)

    mir ist im grunde völlig wurst, ob ein künstler vorgibt, "echt" zu sein oder was auch immer, im falle von lana liebe ich einfach ihre musik, und diese stimme...
    punkt :)

  4. es ist einfach schlecht. teilweise wirds aber halt auch echt peinlich, wenn z.b. eine "pink" sich als punk stilisiert und eines ihrer album auch noch "pink's not dead" nennt dann steigt mir echt die fremdschamesröte ins gesicht.

  5. dass nicht nur die Figur Del Rey künstlich wirkt, sondern auch die Musik dazu. Nur weil "Video Games" ein toller Hit war muss man den Song ja nicht teilen und auf Albenlänge strecken.

    • Puka
    • 02. Februar 2012 13:14 Uhr

    Pop ist sicherlich nicht authentisch, so prätentiös wie die Klassik-Szene, Musiker und Hörer, ist es allerdings nicht. Darüber würde ich gerne mal einen Artikel lesen, denn es ist einfach die Populärkultur zu kritisieren, das ist modern und erlaubt, aber die 'angebliche' Hochkultur in Frage zu stellen, trauen sich wenige.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    Redaktion

    Interessanter Vorschlag! Vielen Dank. Ich würde noch gern Ihren Ansatz besser verstehen. Geht es Ihnen darum, dass Klassik sich mittlerweile auch aufrüscht und die Marketingstrategien des Pop übernimmt? (http://www.zeit.de/online...)
    Oder meinen Sie die tradierte Behauptung künstlerischer E-rnsthaftigkeit? (Romantische Künstlerideale, Konzertkleidung, sitzendes Publikum, Applausordnung, keine Genussmittel während des Musikgenusses...) Was sind Ihre Beobachtungen dazu?
    Wir sind gespannt! Herzliche Grüße aus der Redaktion.

  6. schauspieler und musiker
    mit gefälschter vita
    bei denen auch sonst wirklich gar nichts echt war
    sowas gab es schon in der antike
    und es ist nie nie nie verschwunden
    warum auch
    es geht um kultur
    da werden ilusionen aufgebaut um die langweilige realität des menschlichen lebens; schlafen, essen, reproduktion(und beschaffung der mittel dazu), nicht ganz so trostlos wirken zu lassen.
    es ist nur dazu da unseren verstand, der einem manchmal den puren kunstgenus mit fragen nach hintergrundinformationen oder genörgel über die nicht moralisch vertretbaren eigenschaften des darbietenden den kustgenus verhageln kann, mit auf die reise in eine schönere(oder aufregendere - da sind geschmäcker und angebote verschieden) realität zu nehmen.
    nahrung fürs herz
    selbsterhaltung der phantasie
    um nur einige komplet künstliche bilder zu bemühen.
    für die menschliche kultur so wichtig wie ansonst nurnoch drogen.

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