Madonna während ihrer "Sticky and Sweet" Tour 2009 © Marko Djokovic/AFP/Getty Images

Aufreizende Schläfrigkeit, träge Locken, ein Blick der Lolitalangeweile durch überlange Kunstwimpern. Und dann auch noch diese Lippen, die kein Schönheitschirurg voller entworfen hätte! Nach der ganzen Aufregung, die Lana Del Rey seit vergangenem Herbst erzeugt hat, ist ihr Debütalbum jetzt tatsächlich auf den Redaktionsschreibtischen gelandet. Und abseits der musikalischen Bewertung von Born To Die schwingt doch in vielen Rezensionen ein Tenor, der sich in etwa so zusammenfassen lässt: Gut und gut gemacht sind zwei verschiedene Dinge. Wenn es einen Einwand gegen die Kunstnamenfigur Lana Del Rey gibt, dann doch den, dass man Manager am Werke ahnt, die aus diversen Einzelteilen, aus Filmvorlagen, Kunstnägeln, Stimme und Lippen, ein Wesen zusammengesetzt haben, das maximale Poptraumerfüllung bringen soll.

Diese rezensionsimmanente Kritik an Marketingmachenschaften und Imagekonstruktionen offenbart eine recht biedere Haltung gegenüber der Traumfabrik Pop. Im Unterschied zu Hollywood nämlich muss die sich für ihre Illusionen immer entschuldigen. Und so betont Lana Del Rey, geborene Elizabeth Grant, in Interviews brav das Selbstgemachte und genetisch Gegebene. Weil ein Popsong eben nur dann zum emotionalen Konsum freigegeben wird, wenn dahinter ein Künstler mit nachvollziehbarer Biografie sichtbar wird.

Unlängst erschien an dieser Stelle Felix Stephans Artikel Authentischer Pop, was war das noch? , in dem stand, die Kategorie der Authentizität spiele keine Rolle mehr, weil mittlerweile jeder Hörer durch die Selbstinszenierung in sozialen Medien eine Kompetenz erworben hat, die ihn ganz selbstverständlich mit der Inszenierung der Popstars umgehen lässt. Diese Annahme überschätzt die ästhetische Kompetenz des durchschnittlichen Rezipienten allerdings gewaltig. Wer sich im emotionalen Spiel der Musik nicht offensiv als Schauspielerexistenz zu erkennen gibt, wie David Bowie , Alice Cooper oder Lady Gaga , hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. Wobei über Letztere gerade erst ein Bildband erschienen ist, der den Blick auf das ungeschminkte Wesen hinter der Figur verspricht. Der Drang zur Demaskierung von Popstars hat etwas Zwanghaftes.

Schon die Beatles unterlagen Managementkorrekturen

Dabei wäre es doch reizvoll, die Produktionsbedingungen von Popfiguren einmal als Teil ihrer Kunst zu begreifen, statt ständig nach Möglichkeiten zu suchen, sie auszublenden. Das Gemachte hat sie immer schon begleitet. Die Girl-Bands der Fünfziger gingen durch Benimmkurse, die ihnen das Damenhafte anerziehen sollten. Brian Epstein verordnete den Beatles strengstes Schweigen über Freundinnen und Ehefrauen. Diese Managementkorrekturen trugen dazu bei, die Liverpooler zur Projektionsfläche für Teenagerträume zu machen. Wer sich dagegen als Beatles-Fan authentisch empört in Stellung bringt, der muss schon wieder zwischen der Qualität der Musik an sich und dem Image unterscheiden.

Es ist höchst interessant, wie solch ein – im Branchensprech gesagt – Gesamtpaket geschnürt und verkauft wird. In der Entfernung von der Realität liegt der Kick. Pop hat eben auch manchmal die Aufgabe, uns das Unmöglichgeglaubte als Emanation eines physischen Wesens auf der Bühne erscheinen zu lassen.

Elvis "the Pelvis" wurde zum King im weißen Karateanzug, der sich vor seinem Publikum materialisierte, um als göttergleicher Showmaster eine Rock'n'Roll-Revue abzuliefern, die nur noch als Erinnerung etwas mit der Jugendrevolte zu schaffen hatte. Aber war das ein ästhetischer Makel? Eher deprimierend sind die Einblicke in den royalen Haushalt in Graceland, die einen Mann zeigen, den das Image gefangen hält. Der als Ausdruck einer in die eigene Lebenswirklichkeit umgeschlagenen Hybris eine Audienz bei Nixon erhält. Hier franst das Image in die Niederungen des Realpolitischen aus und man wünscht sich den Unnahbaren zurück, der das Logo TCB auf sein Flugzeug pinseln ließ – Taking Care of Business . Pop als Allmachtsfantasie.