Russischer Hip-Hop : Mit Nachrichten-Rap gegen Putin

Eine russische Agentur sendet regierungskritische Nachrichten in Form von Rapvideos. Können sie eine Revolution auslösen, wie die Musik von El Général in Tunesien?
Der russische Nachrichtenrapper DinoMC47 im Studio der Agentur Ria Novosti © Youtube/Screenshot ZEIT ONLINE

"Sind wir ne Supermacht oder ein Rohstoffpimmel?" rappt DinoMC47 in die Kamera von Rapinfo . Das sind "Nachrichten, wie Du sie noch nie gesehen hast", heißt es auf der Facebook-Seite der Rapper . Und tatsächlich, Rapinfo ist kritisch, spricht aus, was viele denken und pflegt dazu noch die von vielen Russen so verehrte Vulgärsprache. Die Videos zu den Reimen sind eine Mischung aus Nachrichtensendung und Musik-Clip. Bilder von Politikern fliegen durchs Bild, Comicfiguren tanzen.

Sommer 2011, Rapinfo hat gerade seine erste Folge veröffentlicht, das Passagierschiff Bulgaria sinkt auf der Wolga, 122 Menschen sterben. Rapinfo berichtet über die Katastrophe : "Die alte Stärke der UdSSR ist einfach ein Mythos / Nichts geht und fährt mehr / Sie können nicht mal ein kleines Schiff aus zehn Metern Tiefe bergen / Bulgaria ist leider kein Einzelfall, alles ist in so einer Verfassung / Man nutzt seine Stellung aus, und wird nicht zur Verantwortung gezogen."

Man muss nicht zwischen den Zeilen lesen, um die Kritik der Musiker zu verstehen: Rapinfo lästert über das "Tandem" Putin und Medwedew, die nur ein riesiges Spektakel inszeniert hätten, um die Macht zu übergeben. Die Rapper finden das zum Heulen. Sie beklagen die Korruption, auch im Kleinen. Alle Theater- oder Ballett-Eintrittsvorstellungen sind ausverkauft, weil die wichtigen Leute die Karten schon geschenkt bekommen hätten.

Nachdem im Dezember 2011 so viele Wahlfälschungen dokumentiert wurden wie noch nie , hat sich eine neue Anti-Putin-Front der digitalen Mittelschicht gebildet. Digital, weil diesmal über Twitter, Facebook, Live-Journal und das russische Facebook-Äquivalent Wkontaktje jeder Nutzer die Welt über jeden falschen Stimmzettel informiert hat. Junge Menschen vernetzen sich auch in Putins gelenkter Demokratie. Die russischen Eliten haben es immer schwerer, sich dagegen zu wehren.


Sind diese Rapvideos, was Russlands oppositionelles Sammelsurium braucht, um eine Russische Revolution 2012 zu starten, wenn am 4. März Putin zum neuen alten Präsidenten Russlands bestimmt wird? Ist DinoMC47 von Rapinfo das, was El Général für Tunesien war? Der Untergrund-Hip-Hopper mit dem bürgerlichen Namen Hamad Ben Amor hatte über die ausweglose Situation der Jugendlichen in Tunesien gerappt und war damit zum musikalischen Wegbereiter der Revolution geworden.

Nein, sagt die junge Journalistin Maria. Sie ist Anfang zwanzig, studiert an der Moskauer Lomonossow Universität und schreibt unter anderem für die Moskauer Deutsche Zeitung. Maria ist begeistert von Rapinfo, obwohl sie eigentlich kein großer Rap-Fan ist: "Aber das finde ich richtig toll! Es ist kritisch und oppositionell!" Ändern wird es wohl dennoch nichts, sagt sie. "Wenn die Regierung Massenproteste ignoriert, wie können dann fast unbekannte Rapvideos irgendetwas ändern? Regierungskritik aus dem Internet bleibt normalerweise auch dort, in Russland beachtet das niemand." Auf Wkontaktje hat Rapinfo knapp 50.000 Follower, Russland hat 142 Millionen Einwohner, in Moskau leben elf Millionen Menschen.

Albert ist Musiker und arbeitet als Jurist in Moskau. So etwas wie Rapinfo hat er noch nie gesehen. "Ich hasse Rap eigentlich wirklich, aber das ist ganz schön cool, das mag ich. Nur komisch, dass Ria Novosti so etwas finanziert, die sind doch staatlich." Ria Novosti ist die größte Nachrichtenagentur Russlands, finanziert mit staatlichen Geldern. Tatsächlich ist die Agentur der Hauptakteur hinter Rapinfo, fünf Redakteure und die beiden Rapper bilden das Team. Die Macher von Rapinfo sind also nicht irgendwelche oppositionellen Wortakrobaten, die Putin ins politische Nirvana rappen wollen – das Projekt ist eine gut geplante Kampagne.

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Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Unbedingt

Ich dachte, hinter dem Kürzel DinoMC47 verbirgt sich eine im Wostok-See gefundene Mikrobe, die sogleich den autoritären Charakter der russischen Wostok-Station und Russlands erkannte.

Ansonsten würde ich die Frage nach dem Revolutionsauslöser "Rap-Video" unbedingt mit JA beantworten, weil das einfach schon so oft passiert ist.

Revolution wohin denn?

Entschuldigung, aber dieses dauernde Revolutionsgelabere ist einfach lächerlich. Was wollen die Russen denn, die da in Moskau demonstrieren? Sie wollen den Status Quo + mehr Mitbestimmung. Ein klassisch bourgeoiser Protest einer aufstrebenden Mittelschicht.

Eine Revolution hingegen will mehr, sie will die Einbeziehung auch der gesellschaftlichen Gruppen, die sich nicht an ihr beteiligen. Das sehe ich in Russland derzeit nicht. Und ebensowenig sehe ich, dass Russen heute eine "Revolution" wollen. Davon hat man nämlich auch erst mal genug.

Man diskutiert in Russland derzeit allerdings ernsthaft die Wiedereinführung des Zaren. Darüber wird bei uns nicht berichtet. Warum nicht? Passt wohl nicht ins Bild und unser evolutives Geschichtsverständnis?

Friends of...

Die Obama-Administration bastelt zur Zeit an der Einrichtung eines weltweiten Twitter-Zirkels unter dem Namen "Friends of Syria", in der Hoffnung, mit diesem Vehikel eine Volksbewegung à la Tunesien und Ägypten loszutreten. Quelle: Kam heute morgen in den Nachrichten von BR5.

Aber das hat sicher nichts mit dieser "regierungskritischen Agentur" zu tun, ganz sicher nicht.

Keine Revolution, Zar noch weniger

Die Russen wollen keine Revolution. Man frage mal nach, die Antworten sind eindeutig. Sie gehen auf die Straße, weil sie einfach nicht weiter von den Kremlbossen und seinen Adlaten betrogen, beschummelt und über den Tisch gezogen werden wollen. Man hat die Nase gestrichen voll, ewig für dumm verkauft und nach Belieben rumgeschubst zu werden. Von einem „bourgeoiser Protest einer aufstrebenden Mittelschicht“ zu sprechen ist allerdings Humbug. Diese Feststellung ist etwa so zutreffend wie das Revolutionsgeschwätz.

Quatsch ist auch, in Russland würde über die Wiedereinführung des Zaren diskutiert. Es wird mit gehörigem Sarkasmus herumgereicht, Putin benehme sich wie ein Zar – oder noch schlimmer. Es gibt ein paar Sonderlinge, die wieder einen Zar möchten. Aber die sind etwa so bedeutend wie die K&K Monarchisten in Österreich. Ewiggestrige mit über hundert Jahren Rückstand.