Deutschland schickt zum Eurovision Song Contest in Baku einen Industriemechaniker aus dem Westerwald und hofft auf ein braves Fest. Doch was ist da los? Unwohlsein im Fernsehsessel: Schon drei Monate vor dem Finale ist die Aufregung groß. Man hört von Menschenrechtsverletzungen, Scharmützeln mit Nachbarstaaten, Diktatur, Rassismus, Antisemitismus. Hey, es geht doch nur um Schlager!

Nur? Der Schlager als unpolitische Weltfluchtmusik, das war schon immer ein Missverständnis. Von Gastarbeiterheimweh ( Griechischer Wein ) über Ökobewegung ( Mein Freund, der Baum ) bis Wirtschaftskrisen ( Bruttosozialprodukt ) spiegeln auch triviale Reime die Welt. Der Grand Prix Eurovision de la Chanson spielte stets eine besondere Rolle: Seit 1956 trafen sich im Wettbewerb Musiker aus Ländern, die kurz vorher noch Krieg geführt hatten.

Immer wieder wurde der ESC – ähnlich wie Olympische Spiele – zum Instrument für politische Signale. 1969 boykottierte Österreich aus Protest gegen die Franco-Diktatur den Wettbewerb in Madrid . Zweimal, 1977 und 2005, wollten arabische Länder teilnehmen, zogen aber zurück, weil auch Israel im Wettbewerb war. 2009 wollte Georgien mit dem Song We Don't Wanna Put In in Moskau den russischen Präsidenten verhohnepipeln, musste aber draußen bleiben.

1976 ging Griechenland mit einer patriotischen Hymne auf das zwei Jahre zuvor von den Türken besetzte Zypern ins Rennen. Dass Deutschland 1979 ausgerechnet nach Israel eine als Barbaren verkleidete Band schickte, die Zeilen sang wie Sie trugen Angst und Schrecken in jedes Land , fand nicht jeder geschmackvoll – Dschinghis Khan kamen trotzdem gut an. Vielleicht war Nicoles Ein bisschen Frieden von 1982 die Buße für diesen Affront.

Aber es stimmt schon, der 57. Eurovision Song Contest in Baku wird zu einem der politischsten . Das beginnt beim Austragungsland Aserbaidschan : Präsident Ilcham Alijew führt autoritär eine korrupte Regierung . Um die ESC-Halle zu bauen, seien Dutzende Familien vertrieben worden, schreibt Human Rights Watch (HRW). Eine bunte Fete mit großem Schwulenanteil mag man sich in diesem Polizeistaat nicht so recht vorstellen, auch wenn die Aserbaidschaner einem eher liberalen Islam anhängen. Baku sei der falsche Ort für eine unbeschwerte Party, findet HRW.

Der Meinung sind auch viele in Armenien , das mit Aserbaidschan seit dem Krieg um die abtrünnige Region Berg-Karabach Anfang der Neunziger in brüchigem Waffenstillstand lebt. Vor Kurzem starb an der Grenze ein Armenier, angeblich von einem aserbaidschanischen Scharfschützen getötet. Jetzt stehen in Eriwan die Zeichen auf ESC-Boykott. Schon 2009 sollen laut BBC 43 aserbaidschanische Bürger, die im Televoting für den armenischen Wettbewerbsbeitrag gestimmt hatten, von der Polizei eindringlich befragt worden sein.

In Weißrussland entschied Staatschef Alexander Lukaschenko höchstselbst, wer nach Baku reisen darf. Die Boygroup Litesound hatte in der Vorausscheidung in Minsk Jury und Publikum auf ihrer Seite, doch im SMS-Voting gewann die beim Regime beliebte Alena Lanskaja , von Lukaschenko kurz zuvor als "verdiente Sängerin" ausgezeichnet. Der Verdacht wurde laut (jedenfalls so laut, wie das in Europas letzter Diktatur geht), der Diktator habe daran gedreht. Als die Internetforen überliefen vor Kritik, reagierte Lukaschenko, kündigte eine Strafe für den Kulturminister an und schickt nun doch Litesound nach Baku.