Popfigur Madonna : Blut auf der Tanzfläche

Madonna ist der erste Pop-Vampir. Sie tanzt mit übermenschlicher Energie durchs Musikgeschehen, zehrt von den Lebenden und den Toten. Christian Jooß hat ihr nachgespürt.
Die Vampirkönigin beim Super Bowl, Februar 2012 © Win McNamee/Getty Images

Böses Mädchen! Madonnas neues Video Girl Gone Wild macht YouTube nervös. In schöner Vorhersehbarkeit wird auf dem Boulevard diskutiert, wie peinlich Hotpants an einer 53-Jährigen sind. Erregung als Suggestivfrage. Fest steht: Sie sind so peinlich, dass Madonnas pathologisches Problem mit dem Älterwerden nicht mehr zu leugnen ist. Seit Jahren sorgt sie damit für Gesprächskontinuität.

Ihre Ästhetik ist einzigartig. Kein großer Popkünstler vor ihr hat sich die Zeit auf diese umfassende Weise gefügig gemacht. Michael Jackson wollte das innere Kind am Leben halten und demontierte sich dabei auf schaurige Weise, bis der Tod ihn selig sprach. Die Rolling Stones altern stetig, trotz Mick Jaggers jugendlicher Tanzbegeisterung, weil ihre Gesichter nicht lügen können. Die Figur Madonna hingegen bleibt in der ganzen Komplexität ihrer Oberfläche im Blick der Kameras makellos. Paparazzi-Fotos ihrer Hände zählen da nicht; sie zeigen die Privatperson, Frau Ciccone. Gerade in einer Umgebung, in der die Modifikation des Körpers mittels Spritze, Skalpell und Silikon zur Norm wird, ist Madonna eine Provokation. Die Perfektion, die ihrer Figur innewohnt, geht über die normalmenschlichen Möglichkeiten hinaus.

" Every record sounds the same, you gotta step into my world " – bei aller Ironie ist diese Zeile aus Give Me All Your Luvin' eine programmatische Ansage. Im Madonna-Kunst-Kosmos ist Fortschritt nicht mehr von Interesse. Nicht weil Madonna rückschrittlich wäre, sondern weil Zeit nicht mehr verstreicht. Besonders ihre Musikvideos bezeugen das. In Momenten erinnert Girl Gone Wild an den Clip zu Human Nature von 1995. In beiden Fällen gibt es Szenen, in denen die Kamera rückwärts läuft, während der Beat die Zeit abhakt und sich beide neutralisieren. Madonna unterwirft nicht nur Zeit, sondern auch Raum. In beiden Clips bewegt sie sich in einer Box. Die Kamera allerdings ist um 90 Grad geneigt. Und so scheint Madonna an den Wänden zu haften, als hätte sie übermenschliche Kräfte. Wir erinnern uns dunkel: Bram Stokers Dracula überwand nachts die Gesetze der Schwerkraft und des Alters, stieg aus dem Fenster des Schlosses und lief wie eine Eidechse an der Mauer hinab.


In Frozen von 1998 gibt es das schwarze Tuch, das Madonna in der blaumetallischen Wüstenszenerie umspielt. Während die Melodie voran gleitet, weht das Tuch rückwärts in Zeitlupe, den Naturgesetzen entgegen. Mehr noch, es kann zerfallen und sich in einen Rabenschwarm auflösen, kann sich zur Gestalt eines schwarzen Hundes formen. In der Nacht transzendiert der Körper seine Grenze. Wenn es eine Seele gibt, so kann sie sich in anderen Wesen materialisieren. Während sich die Madonnagestalt in die Luft hebt, rasen Gestirne und Wolken im Zeitraffer über das Firmament. Über den Wüstenboden fließt schwarze Flüssigkeit zurück in die liegende Sängerin. Und wie in Girl Gone Wild gibt es nicht nur eine Madonna, sondern in diesem Falle eine Dreieinigkeit kauernder Madonnengestalten.


Madonna ist nicht von dieser Welt. Mit Ray of Light ging noch im selben Jahr die Sonne auf. Im Zeitraffer begann New York zu rasen, zogen Autos Leuchtspuren über Highways, schossen Menschenmassen durch U-Bahnhöfe, jagte ein Hamster im Rad. Madonna tanzte und sang vor dieser Lebenskulisse im eigenen Beat des Songs, entkoppelt von der Menschenzeit. Im letzten Glosen der Abendsonne hat das Toben für Momente ein Ende. Und am Ende des Videos findet Madonna tatsächlich noch zu synchronen Bewegungen mit den Menschenwesen. In der Kunstlichtumgebung einer Tanzfläche, die an sich ein Ort außerhalb der Zeit ist, weil sie in jeder Nacht unverändert neu ersteht.

Geschichte besteht für Madonna aus ikonografischen Bildern und Tönen, in denen der Betrachter das Überzeitliche ahnt. Cyndi Laupers Mädchen, die nur Spaß haben wollen, sind die letzten in dieser Reihe. Davor waren es die Flötentöne aus ABBAs Gimme Gimme Gimme . Immer wieder anwesend als heiliges Sexsymbol ist Marilyn Monroe .

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Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Warum suchen wir die Fehler am Bild?

Wieso nicht das Bild der Kunstfigur akzeptieren, ihr Respekt zollen, weil dieses Bild seit vielen Jahren in Form von Videos, Auftritten und Vernetzung funktioniert?

Ich finde sie beeindruckend und die Privatperson interessiert mich dabei nicht im Ansatz. Mir sind auch ihre Ärzte gleichgültig, die das Gesicht bearbeiten, wie übrigens bei fast jedem, den wir medial wahrnehmen können und mir sind auch die Fotos ihrer Hände gleichgültig, denn mit Verfall, Alter, Vergänglichkeit kann man sich in anderen Zusammenhängen beschäftigen.

Ich finde es unnötig, sich an diesem Aspekt von Madonna abzuarbeiten.

Ich konnte mich noch nie für Madonnas Kunst erwärmen.

Ihre flache Stimme und die dazu passende Musik konnten mir nie im mindesten unter die Haut gehen. Und Glamour-Horror-Sex-Shows widern mich mit Ihrer faschistoiden Dumpfheit schon von Haus aus an. Ich fand sie alle mehr als überflüssig, die Britneys, Christinas und Gagas. Und am peinlichsten finde ich dabei auf Video-Mitschnitten immer das rasend begeisterte, bewundernde Herdenvieh -Publikum. Zwischenzeitlich habe ich Madonna einmal wegen ihrer (vermeintlichen?)Klugheit und inneren Abstandsfähigkeit bewundert,da es einmal so aussah, als ob sie sich immer neu erfinden könne.
Aber heute habe ich den Eindruck, als ob sie nur noch den Plan ihrer krankhaften Eitelkeit plus den Vorgaben der Manager erfüllt, die versuchen, genau auszurechnen, welche Reize in Form von Musik, Stimme und Visualität dem Massenpublikum vorgesetzt werden müssen, um die Madonna-Maschine weiter ihre erwünschte Wirkung tun zu lassen.

trivialhagiographie

" bedrohlich ist das nicht nur für die kommende Generation, die bloß den platz hat, den madonna ihr einräumt" Selten so ein unterwürfiges Statement gegenüber ihrer Hoheit "Göttin Isis", die doch nur eine Schlagersängerin ist, zur Kenntnis genommen. Mythoskonstruktion par excellence.