MusikförderungBayreuth gegen Bebop

44 Millionen Euro Musikförderung sind zu verteilen. Der Bundestag debattierte: Warum ist Wagners Bayreuth mehr wert als Mangelsdorffs Jazz und progressive Klangforschung?

Wenn Bach, Wagner und Bigband streiten: Die Trompete eint sie alle.

Wenn Bach, Wagner und Bigband streiten: Die Trompete eint sie alle.

Singende Politiker und leere Ränge – so sieht es aus, wenn im Bundestag die lang erwartete Debatte zur Musikförderung verhandelt wird. Neben den wenigen anwesenden Parlamentariern hatten sich auch einige Musiker eingefunden, die oben von den Besucherplätzen zusahen. Es ist der große Moment nach dem öffentlichen Musikeraufruf auf Facebook für eine angemessene Jazzförderung und mehr als ein Jahr nach der Großen Anfrage der SPD und ihres Kultur- und Jazzbeauftragten Siegmund Ehrmann.

44 Millionen Euro Fördergeld sind zu verteilen, davon entfallen 11 Millionen auf deutsche Rundfunk-Orchester und -Chöre. Ein Überbleibsel aus dem Rundfunk-Überleitungsvertrag nach der Wiedervereinigung, als der in der DDR zentral geschaltete Rundfunk in die Hoheit der einzelnen Bundesländer zurückgeführt werden sollte, in der Hoffnung, das Vertrauen der Bevölkerung in lokale Radiosender zurückzugewinnen. Ein ehrenwertes und wichtiges Projekt. Da die Kulturhoheit in Deutschland jedoch bei den Ländern liegt und der Bund seine Kulturmittel, wie Kulturstaatsminister Neumann erneut betonte, als Anschubfinanzierung für die Länder begreift, stellt sich die Frage, ob die Länder nicht durch ihre Rundfunkgebühren in der Lage sind, ihre Orchester und Chöre selbst zu finanzieren. Auch über einen Länderausgleich könnte in diesem Zusammenhang nachgedacht werden, da etwa der WDR über deutlich höhere Mittel verfügt, als der RBB oder der MDR.

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Bleiben also noch 33 Millionen. Ein Posten, über den gern und viel gestritten wird, ist die Finanzierung der Wagner-Festspiele in Bayreuth mit 2,3 Millionen Euro. Warum Wagner in dieser Höhe?, fragen sich viele. Warum nicht Bach, Beethoven oder, zeitgemäßer, ein Wolfgang Rihm oder der Jazzmusiker Albert Mangelsdorff?

Von den verbleibenden rund 30 Millionen wird mit einem großen Teil vor allem die sogenannte Laienmusik gefördert. Jeder soll Zugang zu Musik haben. Dabei steht jedoch Projekten wie Jedem Kind ein Instrument die Realität gegenüber, dass Musikschulen aus Finanzierungsnöten keine Kinder mehr aufnehmen können oder gleich ganz geschlossen werden.

In seinem Vortrag lobt der SPD-Beauftragte Siegmund Ehrmann den Einsatz der Bundesregierung, kritisiert aber, dass es keine klaren Ziele gebe, keine konkreten Kriterien und insgesamt keine Transparenz in der Förderpolitik. Er fordert eine Klärung des Begriffs "gesamtstaatliche Relevanz", von dem die Bundesförderung geleitet ist.

Damit gibt sich Agnes Krumwiede, die kulturpolitische Sprecherin und Jazzbeauftragte der Grünen, nicht zufrieden. Der Bund habe kein Konzept, die Wagner-Festspiele hätten sich zur "Götterdämmerung" entwickelt. Bei einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 11.500 Euro sei Altersarmut unter Musikern vorhersehbar, die Bundesregierung habe ganze Berufsgruppen offenbar vergessen. Auch die Lage von Instrumental- und Musiklehrern, die wesentlich zur musikalischen Bildung und Musikvermittlung in Deutschland beitragen, sei prekär. Durch das Auslaufen des Förderprojekts Netzwerk Neue Musik klaffe außerdem jetzt eine große Lücke im Bereich der zeitgenössischen Klassik. Krumwiede fordert Mindestlöhne, auch im Kulturbereich, gleichberechtigte Spielstätten für alle Genres und einen ausgewogenen Frauenanteil.

Der CDU/CSU Abgeordnete Wolfgang Börnsen beginnt seinen Vortrag mit einem tatsächlich ernst gemeinten Lied und der Feststellung, die Förderung der Bundesregierung sei vorbildlich, obwohl es offenbar doch einige Baustellen gebe, darunter auch die Bedingungen des Jazz. Luc Jochimsen, kulturpolitische Sprecherin der Linken, mahnt ebenfalls die prekären Bedingungen der Musiker an. Die Musikförderung durch den Bund spiegele Glanz und Elend. Von den 44 Millionen gingen gerade 1,5 Millionen an die Initiative Musik und davon letztlich nur 230.000 Euro an den Jazz.

Christoph Poland von der CDU/CSU verweist auf Napoleon, der bereits Musik als förderungswürdig erkannt habe, da sie "gut für die Seele" sei, zieht eine positive Bilanz der Bundesförderung am Beispiel der Unterstützung für die "mitteldeutsche Barockmusik". Im Gegensatz zu allen anderen Rednern erhält er nicht einmal von seiner eigenen Fraktion Zwischenbeifall.

Leser-Kommentare
  1. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Jazz und Klassische Musik als das Nonplus-Ultra and förderungswerter Musik ist.

    Rock/Metal und guter Hip-Hop sind nichtmal in die Überlegungen eingeflossen, obwohl dort auch enormes Potential steckt.
    Schade eigentlich.

    8 Leser-Empfehlungen
  2. ist für mich, welche Themen sich nicht eignen, eine Schleichwerbung für Facebook unterzubringen.

    Hier stehen unsere Medien geschlossen und einig zusammen und zeigen, dass unser soziales Netz made in the USA höchst unterstützungsbedürftig ist.

    Hätten wir das gleiche Engagement bei der Förderung der Musik, dann müssten nicht Bayreuth gegen Berlin, Jazz gegen Hip-Hop oder Musikschüler gegen Berufsmusiker ausgespielt werden.

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  3. Rock/Metal und guter Hip Hop fördern, ich glaube nicht. Die Förderung ist notwendig weil es entweder kaum Aufführungsstätten gibt, keine angemessenen Gehälter, keine Plattenfirmen die überhaupt je was aufnehmen was in Richtung Jazz geht, weil ohne Subventionen die Kultur, das Wesen der Musik nicht mehr ausreichend gepflegt oder weiterentwickelt werden kann. Ich sehe Metalbands in Stadien, bei Festivals und Co. ebenso Hip Hop Acts, es gibt große angesagte Festivals in dieser Richtung. Kennen Sie ein großes Jazzfestival was auch noch bei Sendern wie ZDF_Kultur gezeigt wird? Da müssen Sie schon BR Alpha zur Morgenstunde anschalten um mal eine Wiederholung vom Burghausener Festival zu sehen, selbst die ist dann mehrere Jahre alt. Kennen Sie große Radiostationen die regelmäßig Jazz bringen? Es gibt praktisch nur einen größeren Sender. Hip Hop hat eine viel größere Akzeptanz, ebenso Metal. Förderung ist dafür da, Musikrichtungen das Überleben zu sichern. Metal, Hip Hop nagen wohl eher nicht am Hungertuch. Und ja ich weiß, es gibt auch die ganzen Undergroundleute, aber die gibts überall und auch sie hätten es verdient in den Mainstream zu gelangen, wenn sie es denn wollten.

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    Also Google ergibt bei Eingabe und kleiner Recherche eine beachtenswerte Anzahl an Musikverlagen und Festivals in Deutschland, darunter Münster,Berlin und Viersen.
    Auch kann ich aus dem FF gleich 2 Radiosender aufzählen bei denen regelmäßig Jazz gespielt wird, Metal/Rock Sender gibt es dagegen gar nicht.

    Und auch Rock/Metalbands sind nicht die besten Verdiener, wenn sie nicht bei wirklich namhaften Labels beschäftigt sind. Ebenso ist für viele Hip-Hopper das Rappen immer noch nur ein Hobby und kein Lohnenswerter Beruf.

    Ich sage nicht, dass Jazz nicht förderungswert ist.Ich denke nur, dass Metal und Hip Hop es auch sind.

    Also Google ergibt bei Eingabe und kleiner Recherche eine beachtenswerte Anzahl an Musikverlagen und Festivals in Deutschland, darunter Münster,Berlin und Viersen.
    Auch kann ich aus dem FF gleich 2 Radiosender aufzählen bei denen regelmäßig Jazz gespielt wird, Metal/Rock Sender gibt es dagegen gar nicht.

    Und auch Rock/Metalbands sind nicht die besten Verdiener, wenn sie nicht bei wirklich namhaften Labels beschäftigt sind. Ebenso ist für viele Hip-Hopper das Rappen immer noch nur ein Hobby und kein Lohnenswerter Beruf.

    Ich sage nicht, dass Jazz nicht förderungswert ist.Ich denke nur, dass Metal und Hip Hop es auch sind.

  4. Also Google ergibt bei Eingabe und kleiner Recherche eine beachtenswerte Anzahl an Musikverlagen und Festivals in Deutschland, darunter Münster,Berlin und Viersen.
    Auch kann ich aus dem FF gleich 2 Radiosender aufzählen bei denen regelmäßig Jazz gespielt wird, Metal/Rock Sender gibt es dagegen gar nicht.

    Und auch Rock/Metalbands sind nicht die besten Verdiener, wenn sie nicht bei wirklich namhaften Labels beschäftigt sind. Ebenso ist für viele Hip-Hopper das Rappen immer noch nur ein Hobby und kein Lohnenswerter Beruf.

    Ich sage nicht, dass Jazz nicht förderungswert ist.Ich denke nur, dass Metal und Hip Hop es auch sind.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Hip Hop Förderung?"
    • deDude
    • 09.03.2012 um 12:37 Uhr

    direkt an die Hungerleider von Sony Music und Co. überweisen. Die fördern nämlich nicht nur Musik, sondern auch Abmahnanwälte etc.

  5. aber ausgerechnet Bayreuth ist schon sehr speziell und wäre bei Volksabstimmungen nicht konsensfähig.
    Wie wär's denn mal mit Mahler 8. in der Stuttgarter Liederhalle. Stuttgart verfügt über 2 Spitzenchöre (Bach-Akademie & Frieder Bernius).
    ME wird Mahler 8 kaum aufgeführt, weil sie sehr viele Musiker, Chöre und Solisten erfordert. Das könnte man doch mal fördern.

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    Es steht doch sogar im Artikel, warum gerade Bayreuth eine herausgehobene Förderung erhält: Nämlich weil es überregionale, ja weltweite Strahlkraft hat. Gerade weil die Bayreuther Festspiele "sehr speziell" sind, werden sie gefördert. Ganz unabhängig von der Frage wie man zur Biogasanlage und zum Rattengrin steht. Es gibt am Grünen Hügel sicher Dinge, die verändert werden müssen, insbesondere die undurchsichtige Kartenvergabe, aber generell sind Festspielhaus und Festspiele förderungswürdig.
    Und in einer Volksabstimmung konsensfähig im Sinne einer absoluten Mehrheit wäre höchstwahrscheinlich keine einzige Kunstform.
    Unabhängig davon wäre ein Pflichtdurchlauf (oder besser 2) durch den Ring des Nibelungen für jeden Bundesbürger angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ("Wie ich der Liebe abgesagt,// alles, was lebt, soll ihr entsagen!// Mit Golde gekirrt,//nach Gold nur sollt ihr noch gieren!") vielleicht doch wünschenswert.

    aber gerade das "Spezielle" an Beyreuth sind die Wagner- nachfahren. Und eben diese haben mE nicht das "Wagnersche" gepachtet. Gerade heute hab ich "Rheingold" Karajan, Berliner Philharmoniker '68 DG, angehört und kann erneut feststellen: nichts gegen Wagner, aber nicht unbedingt in Bayreuth.

    Es steht doch sogar im Artikel, warum gerade Bayreuth eine herausgehobene Förderung erhält: Nämlich weil es überregionale, ja weltweite Strahlkraft hat. Gerade weil die Bayreuther Festspiele "sehr speziell" sind, werden sie gefördert. Ganz unabhängig von der Frage wie man zur Biogasanlage und zum Rattengrin steht. Es gibt am Grünen Hügel sicher Dinge, die verändert werden müssen, insbesondere die undurchsichtige Kartenvergabe, aber generell sind Festspielhaus und Festspiele förderungswürdig.
    Und in einer Volksabstimmung konsensfähig im Sinne einer absoluten Mehrheit wäre höchstwahrscheinlich keine einzige Kunstform.
    Unabhängig davon wäre ein Pflichtdurchlauf (oder besser 2) durch den Ring des Nibelungen für jeden Bundesbürger angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ("Wie ich der Liebe abgesagt,// alles, was lebt, soll ihr entsagen!// Mit Golde gekirrt,//nach Gold nur sollt ihr noch gieren!") vielleicht doch wünschenswert.

    aber gerade das "Spezielle" an Beyreuth sind die Wagner- nachfahren. Und eben diese haben mE nicht das "Wagnersche" gepachtet. Gerade heute hab ich "Rheingold" Karajan, Berliner Philharmoniker '68 DG, angehört und kann erneut feststellen: nichts gegen Wagner, aber nicht unbedingt in Bayreuth.

  6. Gefördert werden sollte nach meinem laienhaften Verständnis in erster Linie die Musikausbildung. Ich denke die Heranführung von jungen Menschen an Musik, gleich welcher Art - aber auch das Vermitteln eines tieferen Verständnisses ist förderwürdig.

  7. Es steht doch sogar im Artikel, warum gerade Bayreuth eine herausgehobene Förderung erhält: Nämlich weil es überregionale, ja weltweite Strahlkraft hat. Gerade weil die Bayreuther Festspiele "sehr speziell" sind, werden sie gefördert. Ganz unabhängig von der Frage wie man zur Biogasanlage und zum Rattengrin steht. Es gibt am Grünen Hügel sicher Dinge, die verändert werden müssen, insbesondere die undurchsichtige Kartenvergabe, aber generell sind Festspielhaus und Festspiele förderungswürdig.
    Und in einer Volksabstimmung konsensfähig im Sinne einer absoluten Mehrheit wäre höchstwahrscheinlich keine einzige Kunstform.
    Unabhängig davon wäre ein Pflichtdurchlauf (oder besser 2) durch den Ring des Nibelungen für jeden Bundesbürger angesichts aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen ("Wie ich der Liebe abgesagt,// alles, was lebt, soll ihr entsagen!// Mit Golde gekirrt,//nach Gold nur sollt ihr noch gieren!") vielleicht doch wünschenswert.

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