PopgeschichteIch bin ein Verlierer, Baby!

Wer sich wie Kraftklub als Loser inszeniert, ist oft auf direktem Weg zum Poperfolg. Nirvana, Beck, Al Green oder Tom Waits haben es vorgemacht. von Christian Jooß-Bernau

Felix Brummer und seine Band kokettieren mit dem Verlierer-Image.

Felix Brummer und seine Band kokettieren mit dem Verlierer-Image.  |  © Tim Kloecker

Wie müde Gewinner sehen Karl und Felix an diesem Münchner Morgen aus. Ihr Kraftklub-Album steht ganz oben in den Charts. Mit Ironie zum Sieg . "Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer, Baby", singen sie , während die Gitarren fröhlich ballern. Beschwert sich hier die ostdeutsche Provinz über jahrzehntelange Zurücksetzung? Man kann den Verlierer, der sich so euphorisch depriviert an die Brust schlägt, auch als aktuelles Aufscheinen einen Figur sehen, die in den unterschiedlichsten Facetten als Traditionsstrang durch die Geschichte der Popmusik zu ihren Anfängen führt. Der Zurückgesetzte, dem nichts mehr helfen kann, er ist in dieser Musik zu allen Zeiten gut aufgehoben gewesen.

Einen altersbedingt ersten Einblick in die Vorläufer haben auch Kraftklub . Unmissverständlich zitiert ihr Textmoment Becks Song Loser . Jene kryptische Hymne der Slacker-Generation, in der Beck Hansen nach eigenen Aussagen seine Unfähigkeit zu rappen thematisiert. Losgelöst von seiner Entstehungsgeschichte, diente der Song der amorphen Masse der Generation X dazu, die eigene Coolness in ausgestellter Versagerpose zu feiern.

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Das ging natürlich noch eine Spur härter und direkter. Die massentaugliche Symbiose aus Teenage-Angst, Langeweile und Gelächter über eine von Unterhaltungsprogrammen sedierte Generation hieß Nirvana. Der Loser war hier ein Existenzialist in der Überversorgung, der sich in seiner vermeintlich gut gepolsterten Seelenpein nicht einmal selbst sympathisch sein konnte und zwei Auswege sah: Sarkasmus und Selbstzerstörung.

Beck allerdings hatte schon im Gitarrenriff seines Songs eine viel ältere Geschichte des Verlierers anklingen lassen: Son Houses Death Letter Blues , ein in diversen Variationen und Mutationen in der Musikgeschichte des Delta Blues vorrätiges Stück. Hier bekommt der heiratsbereite Sänger einen Brief. Und er findet sich wieder vor dem Totenbett seiner Braut. Auch wenn ihm manche erzählen, dass der worried blues nicht schlecht sei, so sei dies doch das schlimmste Gefühl, das er jemals hatte. Singt's, faltet die Hände und läuft weg, ohne dem metaphysischen Scheitern seiner Liebe entkommen zu können. Der Tag des Jüngsten Gerichts bleibt als letzte, jenseitige Rettung. Lässt man die neuzeitlichen Spielereien der Ironie beiseite, erscheint hinter diesem Blues-Verlierer die christliche Erlösungsbotschaft.

In der schwärzesten Stunde des Menschen ist die Rettung nahe. Wie man das Tal der Tränen bibelkonform nutzt, zeigte Thomas A. Dorsey 1937 mit seinem ursprünglich für Mahalia Jackson geschriebenen Gospel Peace In The Valley . Hier wird der Herr den Sänger, der sich selber the creature that I am nennt, an die Hand nehmen. Und der Löwe wird sich zum Lamm legen. Dass sich dieser Gospel so gut für weiße Interpreten wie Elvis und Johnny Cash eignete, liegt daran, dass der Verlierer hier schon ganz allgemein als sündiger Mensch auftaucht. Auch wenn die Grenze zum Spiritual verschwimmt, kennt die Urform der afroamerikanischen Erlösungshoffnung natürlich den Verlierer als Geknechteten, der, in Analogie zum Auszug Moses' aus Ägypten , aus der ganz realen Situation der Sklaverei befreit wird.

Dass in der Bilderwelt der Bibel nicht nur die religiöse Hoffnung blühen muss, beweist der traditionelle Folksong: Down In The Valley . Der Verlierer dieses Liedes lässt den Kopf hängen. Er sitzt in Birmingham im Gefängnis. Als er allerdings die himmlischen Engel anruft, tut er das nicht, um um Erlösung von seiner Schuld zu flehen. Er ruft sie auf als Zeugen für seine Liebe zu einem Mädchen. Einen Brief soll die Geliebte ihm schicken, hinunter in die Dunkelheit seiner Zelle.

In dem Moment, in dem der gepriesene Lord des Gospel zum angebeteten Baby des Soul wird, ist der Weg dann endgültig frei für das weite Feld der Love-Loser, die den Moment des Verlustes der Liebe in ihren Songs für immer anhalten. How Can You Mend A Broken Heart , fragte Al Green stellvertretend für alle. Und die richtige Antwort, nicht nur in diesem Falle, ist: gar nicht. Man kann den Regen ja auch nicht am Fallen, die Sonne nicht am Scheinen hindern. Gott hat sich zwischen diesen Naturgesetzen der Liebe als Erlöser aufgelöst. Alles, was dem liebeskranken Verlierer zu tun bleibt, ist: zu singen. Und dass er im Moment des Singens auch gern in seinem schönen Schmerz aufgeht, ist nur so eine Vermutung.

Leserkommentare
  1. ein paar Songs von den Jungs auf Youtube angehört und kann nur sagen: Boah ... sind die sch...lecht! Die tun nicht so als wären sie Losser, die sind es.

    Anm.: Bitte äußern Sie Ihre Kritik sachlich und konstruktiv. Danke. Die Redaktion/ag

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    Und deshalb haben die Jungs ein extrem erfolgreiches Debütalbum? Klingt wirklich nach Versagern...

  2. 2. Warum?

    Und deshalb haben die Jungs ein extrem erfolgreiches Debütalbum? Klingt wirklich nach Versagern...

    Antwort auf "Habe mir ..."
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    • FabMax
    • 12. März 2012 16:00 Uhr

    ... versteht nicht unbedingt etwas von seinem Handwerk, zumindest, was Unterhaltungsprodukte angeht.

  3. Wann soll sich Tom Waits bitteschön als Verlierer inszeniert haben? Er singt allenfalls von Leuten, die in unserer Gesellschaft gerne mal zu Verlierern gemacht werden bzw. wurden, oder die auch tatsächlich etwas verloren haben, was aber darum alleine noch nicht ihre Identität bestimmen müsste. Waits als Verliererdarsteller abzustempeln, bloß weil er sich mit seinem Auftreten nicht in gängige Erfolgreichenklischees pressen lässt, erscheint mir arg oberflächlich. Dass er auch hier wieder nahezu auf seine Rollenfiguren der 1970er reduziert wird, dass "Blood Money" ohne Begründung als im Wesentlichen eine Verlängerung dessen abgestempelt wird, ohne auf die Werke in den dazwischenliegenden Jahrzehnten einzugehen, erhärtet hier den Verdacht des gedankenlosen Reproduzierens eines von außen zugeschriebenen image, das mit dem tatsächlichen Werk des Künstlers nicht viel zu tun hat und einer vorurteilsfreien Beschäftigung damit auch kaum standhalten dürfte.

    • Eipi
    • 12. März 2012 15:24 Uhr

    Muss ja nicht Berlin sein. Gibt ja noch andere schöne Städte.

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    provinziel wenn sie nicht mal merken das sie für Berlin jede andere gehypte Metropole einsetzten können

  4. provinziel wenn sie nicht mal merken das sie für Berlin jede andere gehypte Metropole einsetzten können

    • FabMax
    • 12. März 2012 16:00 Uhr

    ... versteht nicht unbedingt etwas von seinem Handwerk, zumindest, was Unterhaltungsprodukte angeht.

    Antwort auf "Warum?"
  5. Ich habe gerade ein paar Lieder von denen auf youtube gehört. Ich glaube, Herr Jooß-Bernau brauchte einfach nur ein Artikel-Thema. Looser-tum habe ich ehrlich gesagt nicht herausgehört, ich habe es eher als Versuch wahrgenommen, das Lebensgefühl der in den Neunzigern großgewordenen Jugendlichen musikalisch zu verarbeiten. Nicht mehr und nicht weniger. Wirkt recht solide, aber über Geschmack lässt sich ja streiten.

    • Dr.FF
    • 12. März 2012 23:08 Uhr

    Es gibt (fast) nichts Erheiternderes als "Großes Föjetong" über paar nette Jungs, die ein bißchen Musik machen und Spaß dabei haben.

    Wer diese ratlos-eifrigen, pseudo-philosophischen Klimmzüge liest, könnte meinen, Max Weber habe sich mit einem neuen bahnbrechenden Werk aus dem Jenseits zurückmeldet, das nun gehörig "rezensiert" werden müsse.

    Kürzlich schrieb hier einer messerscharf, das "Berlin" von "Kraftklub" gebe es in Wirklichkeit gar nicht, und überhaupt.

    Vielleicht sollte er auch den "Eagles" gelegentlich mitteilen, daß ihr "Hotel California" so ja gar nicht existiert... ;-)

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