Kraftwerk in New York: Pop will in den Kunsttempel
Kraftwerk treten acht Mal in Folge im New Yorker Museum of Modern Art auf. Diedrich Diederichsen fragt sich: Ist die Musealisierung der Popmusik damit abgeschlossen?
© Mike Coppola/Getty Images

Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Stefan Pfaffe sind die Roboter.
An acht aufeinanderfolgenden und längst ausverkauften Abenden wollen Kraftwerk im New Yorker Museum of Modern Art den größeren Teil ihres Back-Katalogs präsentieren, pro Abend ein Album. Damit scheint eine Entwicklung auf ihren Höhepunkt gekommen zu sein, die auf den ersten Blick nur wie die Nobilitierung der Popmusik aussieht: die Aufnahme in ein Pantheon, das ihr bisher verwehrt war. Aber war und ist ihr überhaupt noch etwas verwehrt? Warum ist das Moma als Tempel der westlichen Moderne, der Endpunkt dieser Kunst, die aus den Sümpfen des Südens und von den Straßenecken des Nordens kam? Ist das ein Erfolg? Oder ein beispielloser Niedergang?
Zunächst geht auch diese Veranstaltung davon aus, dass das Album in LP-Länge die maßgebliche Werkeinheit der Popmusik ist, obwohl in den letzten 25 Jahren eine Reihe anderer Formate damit konkurriert.
Gerade weil Retrospektiven und Wiederveröffentlichungen, Box-Sets und Deluxe-Editionen so große Mengen von Hörzeit akkumulieren, wurde eine Einheit gebraucht, auf die sich all jene einigen können, deren Kindheit und Jugend ihnen nun in einem zahlungskräftigeren Alter zurückverkauft wird.
Nach der ersten Phase der Luxus-Editionen, angereichert mit Outtakes, Instrumentalversionen und verworfenen Songs, wurde das Album in einer zweiten Stufe mit Archivaufnahmen von Tourneen, Engagements und Sessions zum neuen Objekt aufgewertet. Die Bitches-Brew-Sessions von Miles Davis etwa oder alle Konzerte einer Band in einem bestimmten Zeitraum: Die Grateful-Dead-Nachlassverwalter veröffentlichten kürzlich die gesamte Europa-Tournee von 1972 (22 Konzerte auf 73 CDs) in limitierter Auflage.
Und für den ganz feinen Plattensammler, der schon alles hat, wäre das gesamte Live-Schaffen der frühen Suicide zu empfehlen: 15 Konzerte auf nur sechs CDs. Die dunklen Elektronikpioniere wurden nämlich meist von erbosten Spießer-Punks nach 20 Minuten von der Bühne geprügelt. Auch das ist klassisch, und ich erkläre an anderer Stelle gerne, warum ich die beiden letztgenannten Produkte unverzichtbar finde. Hier geht es darum, wie man solche bombastischen, opulenten Monstren von Pop-Objekten noch steigern könnte – und wem das nützt.
Die dritte Stufe der Musealisierung war dann die Rekonstruktion eines gefeierten Studioalbums auf der Bühne. Die Beach Boys, respektive Brian Wilson fingen damit an. Von ihren Alben gab es nicht nur die ersten historisch-kritischen Werkausgaben, sondern das gebrechliche Genie mit dem chemisch getrübten Gemüt war es auch, der von kräftigen jungen Musikern unterstützt, seine Meisterwerke auf der Bühne zu rekonstruieren begann. Es ist nun auch schon über 15 Jahre her, dass er mit Pet Sounds das Berliner ICC rührte. Mit Lou Reed (Berlin) und John Cale (Paris 1919) haben sich in letzter Zeit auch rüstigere Rentner dieses aufwendigen Modells bedient.
Auch in der bildenden Kunst wird seit Jahren darüber debattiert, ob und wie man Performances und Prozess-Kunst der 60er Jahre wieder aufführen darf. Von Happening-Erfinder Allan Kaprow bis zu Moma-Dauergast Marina Abramovic haben etliche Protagonisten sich im Alter mit der Idee anfreunden können. Fluxus-Events werden neuerdings als skriptbasierte Kunst gelesen, die man jederzeit an x-beliebigen Orten aufführen kann wie eine schnöde Sonatine.
Doch Kraftwerk wollen noch ein bisschen mehr. Nicht nur Retrospektive und Reenactment, sondern dies auch an einem Ort, der Kanonisierung verspricht. Es geht natürlich nicht darum, dass das Moma die rekonstruierten Alben als Konzerte buchstäblich aufbewahrt. Milliarden Sammler machen das schon per Schwarmmuseum. Wenn der Welt etwas nie verloren gehen wird, ist es das Stück Autobahn. Nein, Kraftwerk wollen das, was die gesamte, von der Erinnerung an goldene Jahrzehnte lebende Branche eh tut – verwerten, verwerten und wieder verwerten. Und sie wollen es an einem anderen Ort fortsetzen: als bildende Kunst. Auch damit stehen sie nicht allein.








Kraftwerk - Live at Chacara do Jockey, Sao Paolo, Brazil 2009
http://goo.gl/NONg2
Die Elektro-Pioniere !
die beiträge des herrn diederichsen finde ich ja immer selbstgefällig und verblasen. aber hier hat er mal recht. musealisierung der popmusik, uim sie zu assimilieren, ist ein interessanter aspekt.
eine wunderbare Begrifflichkeit. Allerdings fragt man sich, wozu in aller Welt Kraftwerk es nötig hat, sich von etwas wie dem "Moma", dem Weltmeisterbrötchen unter den privaten Kunstpyramidalisierern, bei seiner Hausschwamm-artigen Ausbreitung in die Popkultur beholfloch zu sein. Im Vergleich zu dem gigantische Schwarm des von Herrn Diederichsen benannten Museums ist das Moma mit seiner angestaubten und peinlich auf Marktwert fixierten Oligarchensammlung doch auf dem dritten Hinterhof der Kulturindustrie. Tatsächlich schwer festzustellen, wer hier wen in kulturindustrieller Hinsicht kannibalisiert. Bleiben wird der üble Nachgeschmack (oder Kater?) eines Kultur-Co-Brandings. Der Kulturinfarkt bleibt aus, allerdings führt die Verengung der Halsschlagader zwangsläufig zum Schlaganfall.
Die Kraftwerk-Ausstellung in New York, die Hirst-Ausstellung in London, die Oehlen-Ausstellung in Bonn, aber auch das Israel Gedicht eines Günter Grass, sind die letzten Zuckungen der untergehenden westlichen Kultur. Diese Kultur räsoniert nur noch im Feuilleton. Dies ist die 'Kultur' alter Männer, die Vorstellungen von Qualität verloren haben, ihre Ideale verrieten, aber immer noch meinen mitmachen zu müssen.
... also gibt es keinen unterschied zwischen rhianna, madonna, lady xy und co.?
na ja...
an meinen vorredner die frage: welche 'kultur' haetten sie denn gerne? die morgenlaendische? na, dann lassen sie mal ganz schnell das typisch deutsche 'feierabendbier' im supermarket regal... quark³...
cheers
"Tatsächlich spricht vieles dafür, dass Popmusik ein Gefüge verschiedener visueller und auditiver Künste, performativer und propagandistischer Genres und Praxen ist, die in ihrer komplexen Verbundenheit durchaus mit postkonzeptueller Gegenwartskunst vergleichbar sind. Auch diese fügt sich schon lange nicht mehr der simplen Objekthaftigkeit,........"
Verstehen Sie eigentlich selbst noch was Sie da schreiben ?
Kraftwerk macht Musik im MOMA, weil jeder Musiker, wie übrigens jeder schöpferische Mensch, mit seinen Werken gerne auf sich aufmerksam macht.
Sei es um raus zu finden ob das Werk taugt, oder wegen den unterschiedlichsten persönlichen Motiven.
[...]
CSC
Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/ls
..... die sich nicht in simple Objekthaftigkeit fügt ?
Gerne auch sachlich:
Der Artikel ist aus meiner Sicht selbstgefällig und hat keinerlei Aussagekraft zum Thema. Was passiert in Zukunft mit der Tonkunst, wenn sich selbige mit anderen Künsten auf der gleichen Bühne präsentiert ?
War das das Thema ?
Oder was ist den das Thema dieses Artikels ?
Eine Empfehlung: erst mal spielen lassen die Jungs, selber auch hingehen, fragen was die Besucher aus den verschiedenen Disziplinen der Kunst (und der Rest von uns) dazu sagen und dann schreiben.
CSC
Wow - geht doch. 3D vom feinsten, ein echtes Erlebnis. Man konnte natürlich erwarten das Kraftwerk versteht wie man professionell eine 3D Visualisierung umsetzt. Aber es zu erleben ist halt immer doch eine andere Geschichte. Nach der Neueinspielung der Musik in digitaler Form war es nur der konsequente Schritt die grafischen Videos auf ein neues Level upzugraden. Music + Video-Non-Stop.
Kraftwerk im Museum? Die Performance des Konzertes passt perfekt in den 'Rahmen' des MoMA. Bleibt, das wenn man die Chance hatte an ein Ticket zu kommen, der Preis unschlagbar war. 25 Euro. Ich erinnere mich an Ticketpreise von 100,- für das letzte Konzert in Berlin.
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