Als Beyoncé Knowles ihr süßes, schwüles Love to love you, baby in die Kamera säuselte, war sie 22 Jahre alt und hatte gerade ihre Kinderstube namens Destiny's Child verlassen. Sie war jetzt allein unterwegs, hatte ihr Solodebüt veröffentlicht und wollte mit Naughty Girl zeigen, was sie von ihrem Vorbild Donna Summer gelernt hatte: Sei eine Sexkönigin und die Menschen werden dich verehren.

Zwischen der Reminiszenz und dem Original liegen 28 Jahre, in denen sich sowohl das Showgeschäft als auch das Selbstbewusstsein der Frau gewandelt haben. Was Beyoncé 2003 längst verinnerlicht hatte, nämlich mit der Darstellung des eigenen Begehrens ebensolches zu erwecken, war für Donna Summer 1975 die größte Überwindung. In diesem Sommer wurde Love to love you, baby ihr erster großer Hit und legte sich wie ein Fluch über ihr Leben.

Donna Summer, die am 31. Dezember 1948 als LaDonna Adrian Gaines in die Gemeinde strenger Christen in Boston geboren worden war, galt plötzlich als Sex-Ikone. Sie fand sich wieder in einer Person, die auf der Bühne stöhnte, deren Hauch durch alle Discos hallte. Nummer 1 der US-Charts! In München liefen die Telefone heiß.

Großer Erfolg mit Giorgio Moroder

Als Sängerin im Hippie-Musical Hair war sie 1968 hier gelandet, hatte den südtiroler Disco-Produzenten Hansjörg Moroder kennengelernt und mit ihm ein paar Songs aufgenommen. " Love to love you, baby begann als Scherz", erzählte er später im Interview. "Sie kam mit dem Titel an und fragte, ob wir nicht einen Song draus machen wollen. Ich schmiss alle aus dem Studio, dimmte das Licht, sodass sie mich nicht mehr sehen und ich sie gerade noch erkennen konnte. Nach 15, 20 Minuten waren wir fertig."

Bloß ein Spaß, dachte sich Donna Summer. Moroder aber schickte das Tonband zu Casablanca Records , und so wurde ein Welthit, was eigentlich nie das Dunkel der Gesangskabine hatte verlassen sollen. Ein in der Urfassung fast 17-minütiger, benebelnder Klangorgasmus, Ravels Bolero in einem absolut neuartigen Synthesizer-Disco-Sound.

Die 26-jährige Summer war schockiert über den Erfolg, ihre Scham überwog alle Freude: "Sie kauften mir dieses hübsche Kleid und ich sang Love to love you, baby , tanzte ein wenig dazu und für mich war es, als würde ich eine Rolle spielen, weil ich nicht wusste, wer ich sein sollte." Aus Unsicherheit wurde Autoaggression, die 1976 in einen Selbstmordversuch mündete: "Man ist ein Produkt. Manchmal wünschte ich mir, dass ich tot wäre."

Sie überwand die Krise dank ihres Glaubens, konnte sich aber nicht von ihrem Sex-Image befreien. Sie fühlte sich von Beratern, Managern und Produzenten in eine Form gepresst, die ihrem Naturell überhaupt nicht entsprach. Es funktionierte doch so gut! Es folgte 1977 der Technovorläufer I Feel Love , 1979 brachte die Disco-Göttin Hot Stuff unters tanzende Publikum. Zwölf Hits in zweieinhalb Jahren, Sex sells hieß ihre Lektion.

Ende der Siebziger hatte sie genug und trennte sich von Casablanca Records. Bevor sie als eine von unzähligen Gospelsängerinnen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwand, thematisierte sie 1983 noch einmal ihre Unmündigkeit, die sexuelle Fremdbestimmung, die moderne Sklavinnenhaltung in dem großen Hit She Works Hard For The Money . Was heute gern als Hymne der alleinerziehenden Mütter interpretiert wird, ist doch vielmehr ein autobiografischer Song über die Rolle der Frau im Showgeschäft. Lächle, wenn das Glöckchen klingelt! Donna Summer fragt darin implizit: Können Frauen in dieser Branche jemals frei sein?

Es dauerte nicht lang, da platzten sie tatsächlich in die männerbestimmten Inszenierungen, die naughty g irls . Sie zeigten und nahmen sich, was sie wollten. Von Madonna über Cyndi Lauper bis zu Beyoncé – sie alle haben der unglücklichen Donna Summer viel zu verdanken, die nun im Alter von 63 Jahren in Florida an Krebs verstorben ist.