Zu Pfingsten ist Karneval der Kulturen, das weiß jeder Berliner. Man feiert die Völkerverständigung, denn mit der Entsendung des heiligen Geistes wurde die babylonische Sprachverwirrung aufgehoben. Diesmal fand zeitgleich auch noch der größte Karneval der Kulturen im Fernsehen statt, gemeinhin Eurovision Song Contest genannt. 120 Millionen Menschen verfolgten im Finale, mit welcher Botschaft 26 Länder ihre Abgesandten auf die Showbühne in Bakus Kristallpalast schickten. Am Ende gewann die Aussage, die von den meisten verstanden wurde.

Loreen aus Schweden spricht die Sprache der globalisierten Feierkultur. Ihr Song Euphoria trifft denselben Nerv wie die Tanzhallenhits aus der Feder David Guettas, die seit rund drei Jahren aus allen Boxentürmen schallen. Mit brachialen Synthesizer-Bässen und R'n'B-orientiertem Frauengesang lassen sich die Massen begeistern. Von London to Ibiza, Straight to L.A. , wie Jennifer Lopez es ausdrückte – und jetzt auch von Stockholm bis nach Baku. Der Siegersong war nicht der einzige im Wettbewerb, der sich dieser Stilistik bediente, aber darin am konsequentesten.

Loreens Produzent Thomas G:son , ein schwedischer Ralph Siegel , hat alle nationalen Idiome ignoriert und sich dem globalen musikalischen Slang angepasst. Seine Protagonistin zeigt sich ätherisch, mysteriös, unzähmbar, arabeuropäisch, ihre modische Urbanität wird nur dadurch gebrochen, dass sie barfuß auftritt. Und schon sind wir wieder am Strand. Ja, es müsste mit dem Teufel zugehen, wenn Euphoria kein Sommerhit wird.


Alle tanzen zum selben Beat. Das ist einerseits ein schönes Bild, andererseits doch nur Ergebnis marktstrategischer Konformität, wie sie die Unterhaltungsindustrie anstrebt. Denn was dieser Eurovision Song Contest in Aserbaidschan auch gezeigt hat: Show sieht jetzt überall gleich aus. Großarenenbombast, Pyrotechnik, spiegelglatte Bühnenbilder, schicke Kleider, unfallfreie Übertragungstechnik auch im östlichsten Zipfel Europas . Wer das Geld hat, kauft sich einen deutschen Architekten und holt sich Stefan Raabs Produktionsfirma Brainpool ins Haus, damit die Sendung glanzvoll und reibungslos über die Bühne geht.

Alles sauber in Aserbaidschan?

Hätte man nicht in den vergangenen Monaten so viel über Menschenrechtsverletzungen und antidemokratische Zustände in Aserbaidschan erfahren, bliebe einem das Land nach der Fernsehshow als perfekter Gastgeber in Erinnerung: modern, aufgeschlossen, politisch korrekt. Kurze Einspielfilme präsentierten vielfältige Folklore und landschaftliches Idyll als Postkartenmotive. Oh, wie schön ist Aserbaidschan, und alles sauber wie bei uns zu Haus'.

Doch nicht? Nur Anke Engelke wagte es, während der Punktevergabe darauf hinzuweisen: "Heute Abend konnte niemand für sein eigenes Land abstimmen. Aber es ist gut, wählen zu können. Und es ist gut, eine Wahl zu haben. Viel Glück auf Deiner Reise, Aserbaidschan! Europa schaut auf Dich."

Der Eurovision Song Contest ist zu einem milliardenteuren Eventkonzept geworden, das nationale Eigentümlichkeiten in ein One-Size-Fits-All -Korsett zwingt. Folklore steht nicht mehr für sich (wir erinnern uns an sonderbare Darbietungen ehemaliger Ostblockstaaten in vergangenen Jahren), sondern erscheint stets eingepasst in einen nivellierenden Kontext. Bezeichnend, dass die russischen Babuschki nicht etwa mit einem volksliedhaften Beitrag auf dem zweiten Platz landeten, sondern mit einem Disco-Trash-Song, der die udmurtische Tradition auf eine museale Kuriosität reduzierte.

Und bei aller Internationalität vergisst der Weltbürger vor dem Fernseher schon mal, warum er eigentlich eingeschaltet hat: Patriotismus? Och, nö. Roman Lob als deutscher Vertreter fiel nicht weiter auf. Nett, harmlos, solide, achter Platz, das Lena-Fieber ist vorüber.

Bis ihm das nächste Wundertalent vor die Füße fällt, verkauft Deutschland Großmannsarchitektur und Showkonzepte an willige Nachbarn im globalen Dorf. Denn Geld spricht überall dieselbe Sprache.