Dietrich Fischer-Dieskau war die Ikone des Liedgesangs . Sein Tod bedeutet den Untergang einer ganzen Epoche. Im vergangenen Jahr besuchte ihn Burkhard Schäfer in in seinem Haus am Starnberger See und führte – wer hätte das ahnen können – eines der letzten Interviews mit dem großen Künstler.

ZEIT ONLINE: Herr Fischer-Dieskau, was halten Sie als einflussreichster Liedinterpret von all den Aktivitäten, die das deutsche Volkslied wieder ins öffentliche Bewusstsein bringen sollen?

Dietrich Fischer-Dieskau: Hektische Betriebsamkeit allein bringt gar nichts. All diese Aktionen sollten sich umschauen und ein Vorbild nehmen an Nationen wie Japan , Frankreich oder auch England . Dort gibt es eine große Auswahl an Volksliedschätzen, die normalerweise dann gesungen werden, wenn viele Menschen zusammenkommen. Trifft sich ein Klub oder ein Verein und wird es bei dieser Gelegenheit irgendwie musikalisch, werden dort ganz selbstverständlich auch Volkslieder gesungen.

ZEIT ONLINE: Ist die Tradition des Volksliedes in Deutschland tot?

Fischer-Dieskau: Ja. Das Volkslied lebt bei uns kaum noch im Volksmund.

ZEIT ONLINE: Liegt es vielleicht auch daran, dass dem Volkslied in Deutschland entweder der Ruch des Nationalen oder des Gesangskränzchenhaften anhaftet?

Fischer-Dieskau: Das mag sein. Dabei leidet doch noch ganz anderes Liedgut, zum Beispiel das Klavierlied als Kunstgattung. Bei großen Komponisten wie Haydn, Beethoven oder Weber finden sich wirklich lohnende Hinweise auf deren frühere Forschungsarbeit, was das Volkslied betrifft. Beethoven hat ein ganzes Jahr lang keine eigenen Kompositionen geschrieben und die Zeit dafür genutzt, mit Klaviertrios aller Nationen Volkslieder zu sammeln und wiederzugeben. Zum Teil sind da sehr schöne Lieder entstanden. Zum Teil sind sie allerdings auch nicht so wichtig.

ZEIT ONLINE: Wie beurteilen Sie die verschiedenen Versuche zeitgenössischer Komponisten, in der Gegenwartsmusik neue Liedformen zu erarbeiten?

Fischer-Dieskau: Es hat sich in der Neuzeit nicht ergeben, dass wir so überzeugende Liedproduktionen wie die aus dem vorigen Jahrhundert besitzen. Selbst Komponisten wie Aribert Reimann , der wirklich eigene Töne, eigene Formen gefunden hat, um moderne Lyrik musikalisch auszudrücken, hat damit die moderne Liedgattung nicht wieder zum Leben erweckt. Aber er weiß es auch – und die meisten, die es versucht haben, wissen es. Ich selbst habe von Aribert Reimann und anderen Komponisten sehr viele zeitgenössische Sachen uraufgeführt, aber das war eher die Befriedigung einer gewissen Neugierde und nicht, dass ich mein Bedürfnis danach stillen musste.

ZEIT ONLINE: Welche Musik haben Sie dagegen als Notwendigkeit für sich empfunden?

Fischer-Dieskau: Ich würde vielleicht sagen: Musik bis zu den Werken von Alban Berg . Seine Stücke haben Energie, Neuartigkeit im Zusammenklang mit Akkorden und sind durchaus nicht unlyrisch, wie Adorno etwa behauptet hat. Berg hatte ein kolossales Gespür für alle Musikgattungen, ob es sich nun um Konzerte handelte oder um Lieder. Lieder sind es natürlich nur wenige. Ich habe damals selber von der Familie einen Stapel von Noten erworben. Das war eine Reihe von Liedern, die der ganz junge Alban Berg zwischen 16 und 19 Jahren für seinen Bass singenden Bruder komponiert hat – die mir dann aber zum Teil überhaupt nicht erträglich waren.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich gern mit modernen Komponisten beschäftigt?

Fischer-Dieskau: Ich habe aus Einsatzfreude und Wagemut unendlich viele Uraufführungen gesungen. Viel mehr, als ich je gedacht habe – was ich anschließend gemerkt habe, als ich mich um die Daten kümmerte. Die meisten dieser Stücke haben nicht mal mehr eine einzige Wiederholung erlebt. Das ist natürlich traurig, aber wiederum auch realistisch.

ZEIT ONLINE: Im Laufe Ihres Lebens haben Sie auch viele Werke komplett aufgenommen. Sind Sie ein enzyklopädischer Mensch?

Fischer-Dieskau: Es gibt Zeiten, in denen die Sammelleidenschaft der Sänger – bei der Riesenanzahl an Liedern, die es gibt – zum Vorschein kommt. Um so etwas zu machen, muss man wirklich eine Art von Mixtur in sich beherbergen: Eine forschende, eine rein musikalische, eine literarisch interessierte – und man muss Dirigent sein wollen. Da gibt es eine ganze Reihe von Punkten.