Sängerin Joan Baez : "Sie protestieren, singen, lächeln Polizisten ins Gesicht"

Joan Baez ist eine Ikone der Protestmusik. Heute unterstützt sie Occupy, 2008 war es noch Barack Obama. Warum er sie enttäuscht hat, erklärt sie im Interview.
Die Sängerin Joan Baez © Moderne Welt

ZEIT ONLINE: Mrs. Baez , Sie kommen in Zeiten der globalen Finanzkrise nach Deutschland. Weltweit protestieren Menschen. In Frankfurt hat die Polizei vor Kurzem das Occupy-Camp geräumt . Sie selbst haben im November für die Occupy-Demonstranten in New York gesungen. Was fasziniert Sie an der Bewegung?

Joan Baez: Occupy hat Potenzial. Nach 40 Jahren sind junge Menschen wieder bereit, mit ihrem Engagement Risiken einzugehen. Sie protestieren, singen, lächeln Polizisten ins Gesicht, gehen für ihre Überzeugung notfalls aber auch ins Gefängnis. Allein das ist ein großer Sieg. Das Thema selbst ist natürlich komplex. Es war schon eine Riesenaufgabe, überhaupt mit dem Protest anzufangen.

ZEIT ONLINE: Sie gelten als die Ikone des Protestsongs. Seit den frühen sechziger Jahren engagieren Sie sich politisch, haben gegen die Rassentrennung, den Vietnamkrieg und später gegen George W. Bush demonstriert. Macht der Dauerprotest nicht irgendwann müde?

Baez: Ich war schon immer politischer eingestellt als die meisten anderen Musiker, die ich kenne. Aber ich will mir da selbst nichts vormachen. In den sechziger und siebziger Jahren war ich andauernd unterwegs, habe kaum Zeit mit meiner Familie verbracht. Das hole ich jetzt nach. Ich lebe mit meiner Mutter zusammen. Sie ist gerade 99 geworden.

ZEIT ONLINE: Dennoch haben Sie nicht aufgehört, sich zu engagieren.

Joan Baez

Mit gerade mal 18 Jahren hatte Joan Baez ihren ersten Auftritt beim Newport-Folkfestival 1959. Drei Jahre später schaffte es die Tochter eines Mexikaners und einer Schottin auf das Cover des Time-Magazins. Baez war die Erste, die Songs des bis dahin unbekannten Bob Dylan öffentlich spielte. Einige Zeit waren die beiden auch privat zusammen. Die Sängerin engagiert sich bis heute politisch. Ihr bisher letztes Album Day After Tomorrow erschien 2008. Vom 31. Mai an spielt sie mehrere Konzerte in Deutschland. Baez lebt mit ihrer Mutter in der Nähe von San Francisco.

Baez: Im Rahmen meiner Möglichkeiten. Zum Glück habe ich ein Publikum, das mir zuhört. Bei Konzerten sind es schon mal ein paar tausend Menschen. Ich rede dann nicht über Politik, aber den Leuten ist klar, was ich denke.

ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich bei den heutigen Protesten an die Zeit erinnert, als Sie jung waren und damit begannen, für Ihre politischen Überzeugungen einzutreten?

Baez: Seit dieser Zeit haben sich so viele Dinge verändert. Heute gibt es das Internet. Wir sitzen vor dem Computer und können uns organisieren.

ZEIT ONLINE: Sie twittern sogar und haben eine Facebook-Seite .

Baez: Ach, das macht alles meine Assistentin. Mich interessiert das überhaupt nicht. Meinen Computer brauche ich in erster Linie zur Bildbearbeitung, weil ich gern fotografiere und Collagen aus Fotos und meinen Bildern mache.

ZEIT ONLINE: Vor allem sind Sie aber nach wie vor Musikerin. Warum lassen die meisten Ihrer Kollegen jedes politische Engagement vermissen? Als Sie mit der Musik anfingen, war das anders.

Baez: Die Sechziger waren einfach eine einzigartige Ära. Das darf man nicht vergessen. Man kann den Geist dieser Zeit nicht einfach wieder zum Leben erwecken. Das heißt aber nicht, dass Musiker heutzutage keine politischen Songs schreiben können. Steve Earle ist das beste Beispiel. Er drückt seine Überzeugungen politisch und musikalisch am klarsten aus.

ZEIT ONLINE: In den Sechzigern und Siebzigern gab es politische Hymnen wie Blowin' in the Wind und Imagine . Warum gibt es die heute nicht mehr?

Baez: Es gibt schon Musiker, die ihr Herz politisch am rechten Fleck haben. Das Problem ist: Haben sie auch Talent? Ich sehe gegenwärtig niemanden, der so brillant ist wie Bob Dylan . Er ist unerreicht.

ZEIT ONLINE: Im November wird in den USA ein neuer Präsident gewählt. 2008 haben Sie sich in einem offenen Brief vehement für Barack Obama eingesetzt , ihn sogar mit Martin Luther King verglichen. Hat er gehalten, was Sie sich von ihm versprochen haben?

Baez:Obama hat viele Ideen, genau wie einst Jimmy Carter . Er konnte es kaum erwarten, ins Weiße Haus einzuziehen, um sie umzusetzen. Es ist bittere Ironie, dass ihm die Hände gebunden waren, als er es endlich geschafft hatte. Wäre Obama nicht Präsident geworden, sondern hätte wie Martin Luther King eine politische Bewegung angeführt, dann wäre er vielleicht um einiges erfolgreicher gewesen. Jetzt verbringt er 24 Stunden am Tag damit, sich mit der Blockade-Haltung der Republikaner herumzuschlagen.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

(Ent)Täuschung

Bei Obama bin ich mir nach wie vor nicht sicher, wie viel an ihm echt ist. In den VSA kommt niemand der nicht in den einschlägigen Netzwerken vertreten ist an diese Position, bzw nicht ohne dass deren Einfluss gesichert ist. Obama ist mehr eine Ikone, als eine realpolitische Figur. Er war es von Anfang an, und hat sich nicht davon emanzipiert. Anders als gedacht, ist Obama schon kein Vorbild mehr. Occupy ist eine sachliche, realorientierte Bewegung. Wir fordern Nachhaltigkeit auf allen Ebenen ein, und zwar nicht blos zum Schein.
Der Schein genügt nicht, und deswegen genügt auch Obama nicht.

"anständig bleiben"

Ich mag ihre Musik, und ich denke ich teile auch die meisten ihrer politischen Einstellungen,

aber

sie macht es sich ein wenig einfach mit der beurteilunge des Politischen. Die Kunst hat es einfach, Kompromisse müssen kaum eingegangen werden. Diametral dagegen die Politik. Kompromisse sind das Wesen jeder Politik. Von daher muss dem Künstler jeder Politiker als fad, als beeinflussbar, als wenig standhaft erscheinen.

Ich kann mir gut vorstellen, warum Obama lieber die Nähe zu seinen Beratern sucht, und nicht Intellektuelle, Künstler und Friedensnobelpreisträger um sich schart. Natürlich können diese Impulse setzen, aber die Verantwortung für die Umsetzung verbleibt bei der Administration. Da gibt es die Mühen der Ebene, Detailfragen, Taktieren und manchmal auch das taktische Aufgeben von bestimmten Positionen um an anderer Stelle Erfolge zu erzielen. Und um wirklich einen Wandel erreichen zu können, bedarf es ganz viel Zeit, manchmal müssen erst die Richter des Obersten Gerichts wegsterben, um grundlegende Akzente setzen zu können.

Das Spiel ist immer das gleiche: Künstler setzen euphorische Hoffnungen auf einzelne Politiker, und nach einiger Zeit wenden sie sich enttäuscht ab.
Ich neige dazu den Künstlern dafür die Schuld zu geben und eher nicht der Politik. Die Politik ist wie sie ist: Komplex und widerstreitend. Dagegen ist die Kunst "naiv", und könnte es besser wissen. Allein dann fällt es vielleicht schwerer "anständig" zu bleiben!?

Berater

"Ich kann mir gut vorstellen, warum Obama lieber die Nähe zu seinen Beratern sucht, und nicht Intellektuelle, Künstler und Friedensnobelpreisträger um sich schart."

Obamas von ihm selbst ernannte Berater sind solche Leute hier:
http://www.salon.com/2012...

Ist er wirklich gezwungen, folternde Lügner zu seinen Beratern zu machen?

"Und um wirklich einen Wandel erreichen zu können, bedarf es ganz viel Zeit, manchmal müssen erst die Richter des Obersten Gerichts wegsterben, um grundlegende Akzente setzen zu können."

Ich halte diese sehr weit verbreitete Position für falsch und gefährlich. Kein konservativer Richter hat Obama dazu gezwungen, das Prinzip der extrajudicial detention um den Aspekt des extrajudicial killing zu erweitern, seinen Drohnenkrieg massiv auszudehnen oder eine zuvor nie da gewesene Verfolgung von Whistleblowern zu entfachen. Damit hat er jedoch in der Tat grundlegende Akzente gesetzt.

Die Geschichte vom "guten" Präsidenten, der von den "bösen" Republikanern davon abgehalten wird, Gutes zu tun, ist eine Dolchstoßlegende, die die Amerikaner durchschauen müssen, um ihr durch und durch krankes politisches System reformieren zu können. Ich wünsche Joan Baez und den vielen anderen Wohlmeinenden dabei von Herzen Erfolg.

Ihre Sicht der Dinge ist sehr blauäugig

und vollkommen falsch.

Obama hat alle Positionen 'taktisch' aufgegeben und keine Erfolge erzielt. Und kommen Sie mir nicht mit dem Beispiel der Obamacare (der einzige Gewinner hier war ja wieder mal die Versicherungsbanche und 'Single payer' Option wurde vom Tisch genommen, bevor die Verhandlungen ueberhaupt begannen und die Republikaner Obama dazu 'gezwungen' haben, Ärzteschaft- und Krankenhausvertreter wurden ueberhaupt erst nicht eingeladen, ebensowenig die Vertreter der Patient interest groups.)

Kompromisse hat der Mann keine geschlossen, er hat immer nur aufgegeben und zwar immer bevor eine Aufgabe zwingend war.

Intellektuele machen es sich nicht einfach mit ihren Wünschen und Forderungen. Es ist eher so, dass es sich die Politik einfach macht mit ihrem sofortigen Vom-Tisch-Wischen von solchen Forderungen, mit dem Hinweis, dies oder jenes wäre aus diesem oder jenem Grund nicht möglich. Interessanterweise ist fast alles möglich, wenn die Politik es so will.

Die letzten vier Jahre lassen zwei Schlüsse zu: Entweder ist der Mann komplett unfähig und hätte überhaupt nicht erst Präsident werden sollen oder er hat während seines Wahlkampfes brillant gelogen. Ich tendiere zum letzteren. Der Mann hat Bush Jr 'outbushed' und das will was heißen.

Wären die Republikaner mittlerweile nicht komplett irrsinnig geworden, könnte man überhaupt nicht mehr sagen, dass der Mann keiner von ihnen ist.

Leider scheinen Apologeten wie Sie unbelehrbar.