Bobby WomackDer letzte Soul-Man kehrt zurück

Die 110. Straße liegt weit hinter ihm: Der Sänger Bobby Womack bringt nach Krankheit und Schicksalsschlägen ein neues Album heraus. Dank der Hilfe von Damon Albarn. von Jörg Wunder

Ein triumphales Comeback: Bobby Womacks neue Platte "The Bravest Man in the Universe" wird an diesem Montag vorgestellt.

Ein triumphales Comeback: Bobby Womacks neue Platte "The Bravest Man in the Universe" wird an diesem Montag vorgestellt.   |  © Jamie-James Medina

Schmerz und Trauer schwingen mit in dieser geschundenen Stimme. The Bravest Man in the Universe sind die ersten, nur von einem sanft gestrichenen Cello begleiteten Worte auf Bobby Womacks gleichnamigem Album – nach fast 20 Jahren die erste wirklich neue Platte dieses großen, in Vergessenheit geratenen Soulsängers. Womacks Klage ist der trotzige Ruf eines Überlebenden, der fast mehr ertragen hat, als in ein Menschendasein passen dürfte. Seht her, scheint diese Stimme, die wie eine zerkratzte Schallplatte klingt, zu sagen, ich bin immer noch da. All das hat mich nicht kleingekriegt.

Bobby Womack wird 1944 in Cleveland als dritter von fünf Söhnen des Stahlarbeiters Friendly Womack und seiner Frau Naomi geboren. Schon früh entdeckt der Vater, selbst Gospelsänger, das Talent seiner Söhne und schweißt sie zu einer Boygroup zusammen. Die Womack Brothers haben mit Gospel lokale Erfolge, doch erst als sich der Soul-Star Sam Cooke ihrer annimmt, bahnt sich Größeres an. Cooke schiebt die in The Valentinos umbenannte Band in Richtung des weltlichen Rhythm'n'Blues und nimmt sie Anfang der 60er unter Vertrag. Bobby wird Cookes Protegé, seine frühreife Stimme und sein versiertes Gitarrenspiel begeistern den King of Soul.

Anzeige

Doch bald nimmt das Schicksal seinen Lauf: 1963 ertrinkt der 18 Monate alte Sohn von Sam und Barbara Cooke im Pool der eigenen Villa. Das Ereignis zerrüttet die durch Affären angeschlagene Ehe vollends. Am 11. Dezember 1964 wird Sam unter ungeklärten Umständen von einer Motelbesitzerin in L.A. erschossen. Nur drei Monate später heiratet seine Frau wieder – und zwar Bobby Womack. Die skandalöse Verbindung zwischen dem 21-Jährigen und der deutlich älteren Witwe macht Womack in der Black-Music-Gemeinde unmöglich und bremst seine Karriere aus.

Statt unter eigenem Namen Platten zu veröffentlichen, geht Bobby Womack auf Tournee mit Ray Charles und James Brown, schreibt Hits für Wilson Pickett und Janis Joplin und spielt auf bahnbrechenden Platten von Aretha Franklin und Sly Stone. Sein Fleiß und sein Talent rehabilitieren ihn: Nach mehreren Labelwechseln landet er 1971 bei United Artists, wo er seine erfolgreichsten Platten veröffentlichen wird. Womack ist kein stimmgewaltiger Liebesprediger wie Al Green, kein stilbildender Revoluzzer wie Sly Stone, kein extrovertiertes Genie wie Marvin Gaye – aber von allem etwas.

Auf dem Höhepunkt seines Könnens ist Womack ein emphatischer Soul-Songwriter, begnadeter Sänger und Gitarrist. Er erntet die Früchte von 20 Jahren Arbeit, hat Hits wie Woman’s Gotta Have It, Lookin’ For A Love oder das hymnische Across 110th Street, das von Quentin Tarantino für den Film Jackie Brown ausgegraben wird. Obwohl Bobby der Star ist, stehen die Womack-Brüder in gutem Kontakt zueinander. Als Harry, der zweitjüngste, in einer Beziehungskrise steckt, bietet ihm Bobby an, in sein Apartment zu ziehen. Dort wird Harry im Frühjahr 1974 von seiner Freundin erstochen. Sie hatte Frauenunterwäsche gefunden, die einer Geliebten von Bobby gehörte. 1976 stirbt der Sohn aus Bobbys zweiter Ehe als Kleinkind. Bobby Womack gibt seinem von Drogen- und Sexexzessen geprägten Lebenswandel die Schuld an der Tragödie, wie er in seiner Biografie Midnight Mover von 2007 bekennt.


Womacks Stern verblasst in der zweiten Hälfte der Siebziger, er unternimmt unbeholfene Ausflüge Richtung Disco und Country – und kommt mit starken Platten wie The Poet zurück. In den Achtzigern gilt er in England als einer der größten Soulhelden, aber der Tod ist ihm weiter auf den Fersen: Vincent, sein Sohn aus der 1970 geschiedenen Ehe mit Barbara, nimmt sich 1986 mit 21 Jahren das Leben. Nun wird es still um den Last Soul Man, Platten mit aufgewärmten Weihnachts- oder Gospelhits sind nur matter Abglanz einstiger Größe.

Leserkommentare
  1. der mir die CD für den nächsten Einkauf auf die Liste gesetzt hat, lieben Dank -

    • csuess
    • 11. Juni 2012 15:29 Uhr
    2. Danke

    Ich freue mich auf die neue BW. „Across 110th Street“ ist für mich in den Top 10 der Soul-Klassiker.

    Besonders schön finde ich, dass solche Urgesteine auf die Hilfe jüngerer Kollegen zurückgreifen. Hier mit Damon Albern und zuletzt - und auch sehr zu empfehlen - Dr. John mit Dan Auerbach von den Black Keys. Ich hoffe, da geht in Zukunft noch was mit Aretha, Joe und den anderen ;-)

    Gruesse

    Chr Suess

    • csuess
    • 11. Juni 2012 15:38 Uhr

    ... Albarn muss es in meinem Kommentar heißen .. ;-)

    • Vapor
    • 12. Juni 2012 11:44 Uhr

    Wer das neue Album mal anhören mag, für den ist auf der offiziellen Internetseite http://www.bobbywomack.com/ ein Player installiert.

    Viel Spaß beim hören!

  2. Ich bin ein großer Fan vom Soul, Jazz und Funk der 70er und habe dieses Album mit Spannung erwartet. Leider ist die Vorfreude der Ernüchterung gewichten. Am besten finde ich noch das nur mit Akustikgitarre begleitete Stück. Diese Minimal-Electronic-Begleitung mag ja zurzeit total hip sein, bietet aber leider keinerlei musikalisch Interessantes, sondern dient allein der Untermalung von Bobby Womacks markanter Stimme. Für den Moment ist das zwar ganz nett, erfahrungsgemäß hört sich derartig produzierte Musik aber sehr schnell ab. Dabei bin ich überhaupt kein Feind elektronischer Musik. Ich bin absolut überzeugt, dass z.B. Massive Attack oder Portishead die Sache mit Bobby besser, interessanter und zeitloser gemacht hätten. Mit Sicherheit wird das Album diesen Sommer in den angesagten Berliner Bars rauf und runter gespielt werden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Sänger | Soul | Album | Musik | Popmusik
  • Die Sopranistin Simone Kermes

    Zurück zu Mozart!

    Simone Kermes gilt als die Ulknudel der Barockoper. Jetzt soll Schluss sein mit Zirkus und Lärm. Eine Begegnung mit der deutschen Sopranistin in Wien

    • Das Echo trauriger Regentropfen

      In New York spielt die Band The xx exklusive Konzerte vor 45 Gästen. Ein neues Geschäftsmodell? Eher eine Kunstinstallation auf der Suche nach Intimität im Pop.    

      • Alaa Wardi singt Khaleds Hit "Aicha" auf YouTube.

        Pop ist, wenn man trotzdem singt

        Was tun junge Musiker, die in Saudi-Arabien nicht öffentlich auftreten dürfen? Mit Glück und Talent werden sie zu weltweiten YouTube-Stars, wie der großartige Alaa Wardi.  

        • Markus Pauli (DJ), Lukas Nimschek (Sänger) und Florian Sump (Schlagzeug) sind Deine Freunde.

          Kinder können mehr vertragen

          Dutzi, Dutzi, heile Segen – welches Kind will sowas noch hören? Die Hamburger Band Deine Freunde macht echten Hip-Hop und fordert ihre wachsende Fangemeinde.  

          Service