Fotograf Harry Benson"Ich lieferte die Beatles nur bei Muhammad Ali ab"

Harry Benson hat Geschichte dokumentiert: Er fotografierte das Attentat auf Robert F. Kennedy und prägte die Ikonografie der Beatles. Sebastian Handke hat ihn getroffen. von Sebastian Handke

Der wahre fünfte Beatle: John Lennon fotografiert Harry Benson inmitten der anderen Pilzköpfe.

Der wahre fünfte Beatle: John Lennon fotografiert Harry Benson inmitten der anderen Pilzköpfe.  |  © Harry Benson

ZEIT ONLINE: Mister Benson, Ihre Fotos sind weltberühmt. Als junger Mann wollten Sie allerdings Torwart werden. Welchen Spieler der Europameisterschaft würden Sie gerne fotografieren?

Harry Benson:Ronaldo natürlich.

ZEIT ONLINE: Weil er der Schönste ist?

Benson: Weil er der Beste ist.

ZEIT ONLINE: Sie haben seit Eisenhower jeden US-Präsidenten fotografiert, gehen bei Hollywood-Größen ein und aus, waren in Bosnien , Somalia und im Irak . Ihre bekanntesten Bilder sind aber die der Beatles. Wie glücklich waren Sie, als 1964 der Anruf kam mit dem Auftrag, die Beatles auf ihren Reisen zu begleiten?

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Benson: Überhaupt nicht. Ich hatte gar keine Lust darauf. Ich sah mich als seriösen Fotojournalisten und sollte eigentlich nach Afrika fahren für eine Geschichte über die Unabhängigkeit. Wer will schon eine Rockband fotografieren?

ZEIT ONLINE: Kam es oft vor, dass Sie Aufträge annahmen, die Ihnen nicht gefielen?

Benson: Aber ja. Ich habe jeden Mist angenommen! Man weiß ja nie, ob nicht doch ein großartiges Bild dabei heraus springt. Und als ich die Beatles dann spielen hörte, am ersten Abend in Fontainebleau, ( singt ) " Close your eyes, and I'll kiss you… ", da wusste ich: Harry, Du hast Glück gehabt. Du bist am richtigen Ort. Sie waren fantastisch.

Bensons Beatles
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Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen!  |  © Harry Benson

ZEIT ONLINE: Sie spürten, dass etwas Außergewöhnliches vor sich ging?

Benson: Es war gar nicht zu übersehen. Man konnte der Beatlemania beim Entstehen regelrecht zusehen, innerhalb von vielleicht gerade mal zehn Tagen. Bei ihrem ersten Gig in Paris waren die Beatles noch eine Band, mit der man halt die Halle füllt. Doch schon am dritten Tag musste die Polizei anrücken, weil die Straßen vor der Halle überfüllt waren.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie das selbst erlebt?

Benson: Ich war meistens mittendrin, im Auto, hinter der Bühne, auf demselben Hotelflur, gelegentlich teilte ich mit George Harrison ein Zimmer. Mir wurde sogar die Unterwäsche aus dem Zimmer gestohlen!

ZEIT ONLINE: Und wie kam es zur Kissenschlacht? Das Foto gehört zu den berühmtesten Bildern des 20. Jahrhunderts.

Benson: Wir saßen nach einem Auftritt im Hotel. Es war spät. Ich hatte mitbekommen, dass die Beatles einige Tage zuvor eine ausgelassene Kissenschlacht veranstaltet hatten. Ein schönes Motiv! Aber noch fehlte die Gelegenheit. Dann kam ihr Manager Brian Epstein herein mit der Nachricht, dass I Wanna Hold Your Hand in den USA auf Platz eins gesprungen war. Einige Minuten später kam er noch einmal und sagte: "Und wir spielen in der Ed Sullivan Show ." Das war einfach unglaublich. Also sagte ich: "Wäre jetzt nicht ein guter Zeitpunkt für eine Kissenschlacht?"

ZEIT ONLINE: Und die Beatles legten einfach los?

Benson:John Lennon sagte: "Nein, nein. Wir wollen doch seriös wirken." Und die anderen stimmten zu. Aber dann verschwand er und schlich kurz darauf mit einem Kissen ins Zimmer zurück. Er schlug Paul , der es sich auf einer Couch bequem gemacht hatte, auf den Hinterkopf. Dann gab es kein Halten mehr – und es dauerte fast eine halbe Stunde.

ZEIT ONLINE: Groupies sind auf den Hotelbildern nicht zu sehen. Gab es keine?

Benson: Doch. Und Brian Epstein achtete darauf, dass weibliche Fans, die zu den Beatles durften, nicht zu jung waren. Eines Nachts allerdings platzte George Harrison auf der Suche nach Wein in das Zimmer eines Roadies. Es war voller blutjunger Mädchen! Sie waren schöner als jene, die in den Zimmern der Beatles warteten. Das gab vielleicht ein Theater… George holte die anderen drei. "Schaut nur", sagte er, "was die haben, und was wir haben!" Es war ein Problem, das auf der Stelle gelöst werden musste ( lacht ).

ZEIT ONLINE: Hatten Sie da nicht das Gefühl, den seriösen Fotojournalismus hinter sich zu lassen?

Benson: Nein. 1964 war der Beginn von etwas Besonderem. Das war wichtig. Später, als sie sich seltsam kleideten und nach Indien fuhren, hat mich das nicht mehr interessiert. Außerdem waren die Beatles für mich das Ticket in die USA. Ich blieb in den Staaten und dokumentierte die Bürgerrechtsbewegung und die Rassenunruhen.

ZEIT ONLINE: Sie begleiteten die Beatles zwei Jahre später noch einmal durch die USA.

Benson: Schon während der Tour hatte ich das Gefühl, dass sie bald nicht mehr auftreten würden. Sie wollten lieber Lieder schreiben. Und John hatte gerade diesen unglücklichen Satz fallen lassen, dass die Beatles größer seien als Jesus. Unter den Bildern gibt es eines, da sieht man Polizisten schützend vor der Bühne stehen; ein anderes zeigt Schuhe und andere Dinge, die auf die Bühne geworfen wurden. Lennon wurde getroffen. Ich bin mir sicher: An diesem Abend fasste er den Entschluss, keine Konzerte mehr zu geben. Ich sah ihn weinen nach dem Auftritt.

ZEIT ONLINE: Bei einigen Bildern hat man hat das Gefühl, Sie waren als Fotograf unsichtbar.

Benson: Es entsteht ja durchaus eine gewisse Intimität. Aber es muss immer so viel Distanz bleiben, dass man am Ende sagen kann: Wer hat behauptet, dass wir Freunde sind? Ich will nicht, dass man mich bittet, ein Bild nicht zu verwenden. Ich muss die Freiheit haben, zu tun, was ich will. Sonst ist das kein Journalismus mehr.

Leserkommentare
    • TDU
    • 26. Juni 2012 13:37 Uhr

    Eine Geschichte aus dem Leben. Wunderbar. Sowas kommt wohl nur, wenn Arbeit, Leben und Sein harmonieren.

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