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In Retromania , dem meistdiskutierten Popmusikbuch des vergangenen Jahres, stellt Simon Reynolds fest, dass Pop seit der Rave-Bewegung nichts Neues hervorgebracht hat. Während diese exzessive Clubkultur noch in der Lage war, Gemüter zu erschüttern und Biografien umzustoßen, müssen sich die Popfans von heute mit dem Aufguss von schon Dagewesenem begnügen. The medium is the message , glaubt auch Reynolds, und da neue Technologien in der Popmusik auf sich warten lassen, bleiben demnach neue Botschaften aus. Reynolds kann nicht anders, als seine eigene Biografie mitzudenken, wenn er das Panorama der Popmusik von heute als leblos und wenig innovativ beschreibt. Dass Pop seinen utopischen Charakter verloren habe und sich nun in der Kunst des Konservierens erschöpfe, liegt also auch daran, dass Reynolds im kommenden Jahr 50 wird.

Nun aber hält die Jugend dagegen, verkörpert von Adam Harper. Der gehört zu der Post-Rave-Generation, hat also das prägende Erlebnis, das Reynolds bis heute in den Knochen steckt, nicht miterlebt. Glücklicherweise, möchte man sagen, denn dadurch bekommt in seinem Buch Infinite Music die Popmusik der Gegenwart die Chance, die ihr zusteht. Der Doktorand der Musikwissenschaft, Blogger und Autor von  The Wire ist überzeugt davon, dass es ausreichend neue Technologien gibt; er spricht bewusst sogar von new instruments . Eine Alternative zum Sampling beispielsweise könnte Granularsynthese sein, ein digitales Verfahren, das einen bestehenden Sound in kleine Bausteine zerlegt und diese dann neu ordnet – sofern sie nur massenkompatibler wäre und nicht nur Experten mit teurem Equipment zur Verfügung stünde.

Doch Harper geht es um mehr als eine Bestandsaufnahme – er will Musik generell neu denken und definieren und löst dafür zunächst die Differenz zwischen moderner Klassik und Pop auf. Von neuen Strömungen aus der Philosophie und der Informationswissenschaft inspiriert erkennt er "moderne" Musik nicht mehr als musikalisches Werk, aus Noten oder Melodien, sondern als Variablen, Quanten, Konfigurationen und Objekten, deren Potenz man bis zum nten Grad ausweiten kann – wodurch die Musik unendlich wird.

Infinite Music wendet sich also recht schwärmerisch einem Aspekt der gegenwärtigen (Pop-)Musik zu, den Reynolds in seiner Fixiertheit aufs Archiv schmerzlich vermissen lässt: Musik als Ereignis. Der inflationäre Gestus der Rockkritik der vergangenen dreißig Jahre – ein Stück Musik einzuordnen, indem man es mit anderen Musikstücken vergleicht und daran herumkrittelt – ist Harpers Sache nicht. Stattdessen feiert er Musik als einen andauernden Prozess der Erneuerung.

Damit das gelingt, nimmt er etwas in die klassische Musikanalyse auf, das in der Popkritik schon längst seinen angestammten Platz hat: die sogenannten non-sonic variables . Die Pose, das Event, die Performance, die Plattenhülle, der körperliche Zustand, in dem sich der Zuhörer befindet – diese Äußerlichkeiten sind für Harper ebenso musikalische Objekte wie die reine Komposition. So weigert er sich denn auch, in Musik ein fertiges Produkt zu sehen, eine Ware, die man bestimmen kann, indem man ihr fixe Charakteristika zuspricht – auch wenn die von ihm als konkrete Musik bezeichnete Popmusik der vergangenen Jahre in diese Richtung ging.

Der Gedanke einer Trennung zwischen einer musikalischen Elite, die unter erheblichem Aufwand Musik produziert, und einer großen Masse, deren einzige Aktion darin liegt, sich Musik zu kaufen und sie sich "reinzuziehen", behagt Harper ganz und gar nicht. Er möchte, dass Produktion und Rezeption gleichberechtigt nebeneinander stehen: Der Solipsismus des individuellen Hörens vorfabrizierter Popmusik soll abgeschafft werden zugunsten einer kollektiven, demokratischen und interaktiven Kommunikation in der Konstellation, wie sie beispielsweise der Club bieten kann.


Wäre Simon Reynolds also häufiger in Clubs gegangen und hätte dort beispielsweise mit Burial , Zomby oder Hudson Mohawke oder anderen von Harper geschätzten Acts musicking betrieben – diesen Begriff benutzt Harper, um seine neue Form des Musikmachens zu bezeichnen, in der Produktion und Rezeption zusammenfließen – dann hätte er kein Buch schreiben müssen, in dem er sich über den Verlust von Zukunft in der Popmusik beklagt. Denn die gibt es, die ist da. Man muss sie nur hören, fühlen, sehen oder: ertanzen. Auch Tanzen gehört nach Harper zu jener neuen Musikform, deren Flexibilität durch die Performanz des Ereignisses geprägt wird.


Doch gibt es neben den bereits erwähnten, bei Harper auftauchenden Künstlern auch eine Reihe anderer Musiker, für die die Flexibilität bestimmend ist, bei denen man sich aber auf seltsame Weise an die Impro-Sessions von Avantgarde-Musiker der siebziger Jahre erinnert fühlt. Man kann momentan gehypte Musiker wie Ariel Pink und John Maus mit dem Lo-Fi-Pionier R. Stevie Moore bei einem Live-Auftritt in New York auf YouTube bewundern und ist geschockt, wie sehr sie den Hippieshit vergangener Zeiten wieder aufleben lassen.