Aber bringt uns musikalischer Hippieshit weiter?
Und auch die im Netz kursierenden Videos von Performances von Laurel Halo, dem neuen Komet am Hypnagogic-Pop-Himmel, lassen den Zuschauer etwas ratlos zurück. Sind wir wirklich schon wieder soweit, dass ein Hippiemädchen mit ihrem Instrument verschmelzen muss, damit der Popfan so etwas wie Spiritualität spürt?
Halo hat auf ihrem gerade beim Londoner Label Hyperdub veröffentlichten Debütalbum den interessanten Aspekt des Hypnagogic-Pop sehr reduziert. Popmusik als Meta-Kommentar, wie sie ihr Freund Daniel Lopatin aka Oneohtrix Point Never produziert, tritt auf Quarantine zurück zugunsten eines ausgesprochen nervigen Egotrips. Der beste Song auf diesem eher mäßigen Ambient-Album ist eindeutig Holoday, in dem Laurel Halo mit einem geloopten Disco-Sample ein bisschen Vergangenheit und Menschlichkeit in ihren düsteren, anti-menschlichen Synthie-Sound hineinsampelt. Ansonsten schallt es aus diesem Album heraus, wie man hineinruft und das ist nicht, obgleich von einigen Kritikern behauptet, eine künstlerische Umsetzung von Harpers Theorie.
Denn trotz aller Unendlichkeit, Kontingenz, wie man es zeitgeistig ausdrücken würde, macht Adam Harper eine Konstante der Popmusik stark: Stil. Nur wer es schafft, aus seinen morphenden Formen durch ein sophistikatives Spiel mit Wiederholung und Differenz so etwas wie einen Wiedererkennungseffekt zu generieren, qualifiziert sich als Komponist oder Komponistin des 21. Jahrhunderts. Den intellektualisierten Popdiskurs mit Schlagwörtern wie "asymptotische Quantifikation der Erinnerung" zu kapern, wie es die Hipsterin Halo aus Brooklyn tut, und ihn dann mit Esokitsch zu untermalen, reicht nicht ganz: Die Utopie muss sich aus dem Material entwickeln.
Es bleibt zu erfahren, wie sich Laurel Halos Musik live anfühlt, ob sie in der Performance die Intensität nachliefern kann, die ihr auf dem Tonträger fehlt. Die Möglichkeit dazu gibt es am kommenden Freitag im Berliner Berghain, wenn sie mit John Ferrara im Rahmen der Clubreihe Polymorphism auftritt.










gestern gab es hier einen Bericht über Kunst einer japanischen Künstlerin mit Punktdesign, dazu konnte mir nur Retro aus den 50ern einfallen-alles wiederholt sich und dieses Buch ist inhaltlich allen Wiederholungen auf der Spur und sortiert Original und Fälschung und verärgert natürlich die die meinen das Rad immer wieder neu erfinden zu können.
Ein guter Artikel.
Da ich das Buch bereits im Februar dieses Jahres rezensiert habe (siehe hier: http://www.groove.de/2012...), will ich nur kurz auf den Begriff musicking hinweisen, den Harper, wie von der Autorin behauptet, zwar "benutzt", aber nicht geprägt hat.
Er stammt von dem zu Unrecht marginalisierten Musikwissenschaftler Christopher Small, der die Theorie des musicking im Buch "Musicking: The Meanings of Performing and Listening" bereits 1998 ausführlich darlegte.
sorry, aber das ist ja genau 1:1 aufgewärmte techno-philo aus den 90er jahren - antihierarchisch, synthese von klang und rezeption, "demokratisierung der produktionsmittel", ende des klassischen musik(stück)begriffes und auflösung der formen, sowie ausdehnung auf außermusikalische mittel und kulturelle codes. und welcher kulturjournalist war einer der größten champs dieser ansätze? genau, simon reynolds! via wire und auch spex, der retro-halunke! dem ging es übrigens in retromania eher weniger um kunst- und nischen-avantgarde, sondern um den größeren pop-begriff und die dominanz von retro in der aktuellen kultur. aber egal, her mit leidenschaftlichen pop-utopien, auch wenn sie ein bisschen retro sind. laut forschung werden wir diesbezüglich ja immer melancholischer ...
Hinzuweisen wäre noch darauf, dass sich der “musicking”-Begriff bei Christopher Small eben nicht auf eine neue Form des Musik Machens und schon gar nicht um eine neue Form von Musik handelt. Vielmehr geht es um eine neue Art “Musik” generell zu denken, nämlich nicht als Gegenstand, sondern als Prozess. Nicht wie auch immer geartete “Werke”, seien es Gregorianische Choräle, Beethoven-Symphonien oder Techno-Tracks, stehen im Mittelpunkt, sondern die Handlungen von Personen, die ein musikalisches Ereignis erst hervorbringen. Eben deshalb die Verwendung der englischen Verbform, die auf "-ing" endet. Small bezeichnet jede Form von Musik-bezogener Aktivität als musicking, also auch das Tanzen zu oder das Reden über Musik, er denkt also Produktion und Rezeption stets zusammen.
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