Homophobie im Rap"Mit schwulem Publikum kann man reich werden"

Mykki Blanco ist Transvestit und rappt. Sie ist die neue Queen des Hip-Hop, die Geschlechterrollen infrage stellt. Johannes Thumfart hat sie im New Yorker East Village getroffen. von 

Mykki Blanco wurde als Michael David Quattlebaum Junior geboren.

Mykki Blanco wurde als Michael David Quattlebaum Junior geboren.  |  © Pressefoto

ZEIT ONLINE: Hat Hip-Hop ein Homophobie-Problem?

Mykki Blanco: Hip-Hop ist homophob, aber ich werde mich dem Hip-Hop-Bashing der weißen schwulen Mittelklasse-Mafia nicht anschließen. Erstens betrifft es mich als Künstler nicht wirklich, weil ich nur an liberalen Orten wie in New York und an der Westküste auftrete. Zweitens liegt das Problem natürlich nicht im Hip-Hop, sondern darin, dass die Mehrheit der Schwarzen in den USA einfach unterprivilegiert und daher konservativ ist. Man muss wieder lernen, in Klassen zu denken, wie das etwa bell hooks in ihrem Buch Where We Stand: Class Matters fordert.

Anzeige

ZEIT ONLINE: Ich dachte, die Mehrheit der Afroamerikaner wählt die Demokraten.

Blanco: Das stimmt. Aber als Obama kürzlich seine Unterstützung für die Homosexuellenehe verkündete, rannten nachher trotzdem 80 Prozent der schwarzen Pastoren in ihre Kirchen und verdammten das. Weil Schwarze immer noch ärmer und daher auch weniger gebildet sind als der Durchschnitt der Bevölkerung, gibt es eine Tendenz, sich nach dem zu richten, was die Kirchen an Orientierung bieten. Und das ist leider homophob.

ZEIT ONLINE: Und Hip-Hop ist Teil davon?

Blanco: Sicherlich. Die schwarze Identität beinhaltet, christlich zu sein. Und das spielt auch im Hip-Hop eine große Rolle. Ich wollte damit noch nie etwas zu tun haben, war immer Teil der alternativen schwarzen Kultur, die leider nur wenig wahrgenommen wird. Punk ist mir wichtig, ich will mein eigenes Ding machen wie Leute wie Alice Cooper , Missy Elliott und Björk . Im Grunde mache ich Hip-Hop als Performancekunst, das habe ich auch an der New School in New York studiert.


ZEIT ONLINE:
Im Hip-Hop hat sich seit Lil Bs Album I'm Gay und den Crossdressing-Experimenten von Nicki Minaj viel getan, was Geschlechterrollen betrifft.

Blanco: Das ist nicht richtig. Der Witz ist ja gerade, dass Lil' B nicht schwul ist und Nicki Minaj nicht lesbisch. Seit dem Erfolg von Lady Gaga haben einfach ein paar Leute geschnallt, dass man mit schwulem Publikum immer noch reich werden kann. Das ist der Grund für das, was gerade passiert. Wichtiger für Schwulenrechte in den USA ist, dass Jay-Z die Linie Obamas unterstützen will. Er macht das eben nicht, um sich als Künstler interessanter zu machen, sondern als ein enorm erfolgreicher Geschäftsmann, der in den Projects aufgewachsen ist, sich nach ganz oben gekämpft hat und die seltene Chance hatte, seine Positionen zu überdenken. So etwas respektiert man in der schwarzen Gemeinde.

ZEIT ONLINE: Wann hat Ihr eigener Rollenwechsel stattgefunden?

Blanco: Vor einem Jahr, als ich begonnen habe, Musik zu machen. Zuerst habe ich mich nur für Auftritte als Frau angezogen, dann auch privat. Ich schlafe mit Männern als Frau. Andererseits gibt es mich auch als Michael. Das hängt von meiner Tageslaune ab.

ZEIT ONLINE: Sie waren in der italienischen Vogue , der Elle und in Andy Warhols Interview Magazine . Sind Sie ein It-Girl?

Leserkommentare
  1. Bitte posten...

  2. Unter HipHop stelle ich mir was anderes vor, als "Head Is A Stone".

  3. 3. Wieso

    schaffen es, wenn es um Rap geht, immer nur die - ich nenne sie mal so - grellsten Erscheinungen ins Ressort? Es gibt tonnenweise gute, frische acts mit attitude. Zur Sprache kommen Rick Ross, Nikki ..... und diese Dame (Kompliment?). Was elektronische Musik / Indie angeht stellt die Redaktion gefühlt andere Ansprüche. Ist das nur mein persönlicher Eindruck?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • dëfr
    • 20. Juni 2012 15:21 Uhr

    da muss ich leider zustimmen, ziemlich einseitige und nicht gerade repräsentative artikel was das angeht.

    Redaktion

    Liebe Leser, ich freue mich, dass Sie Hip-Hop auf ZEIT ONLINE vermissen, denn das zeigt ja, dass Interesse am Thema vorhanden ist.
    Dass wir an Indie- und elektronische Musik andere Maßstäbe ansetzen, möchte ich allerdings zurückweisen. Vielmehr legen wir an unsere Autoren in allen Musikgenres dieselben (!) Maßstäbe an, und es gibt wenige, die Hip-Hop einem allgemein interessierten Publikum in angemessener Textqualität nahe bringen können. Wer sich jetzt angesprochen fühlt, soll sich gern mit Arbeitsproben melden.
    Des Weiteren sollte man bei Mykki Blanco nicht in erster Linie von "grell" sprechen. Hier geht es (wie wohl auch der Schwerpunkt des Interviews verdeutlicht) vor allem um Gender-Konstruktionen im Hip-Hop. Blanco verkörpert eine (sexuelle) Minderheit, deren Perspektive auf das Genre höchst interessant und horizonterweiternd sein kann.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

    • dëfr
    • 20. Juni 2012 15:21 Uhr

    da muss ich leider zustimmen, ziemlich einseitige und nicht gerade repräsentative artikel was das angeht.

    Antwort auf "Wieso"
    • snoek
    • 20. Juni 2012 15:40 Uhr
    5. .....

    "Mit schwulem Publikum kann man reich werden"

    Aber ganz sicher nicht mit dieser Art von Musik. Ich finde es etwas übertrieben ein youtube Video mit nicht mal 34.000 Klicks als enormen Erfolg zu bezeichnen. Vielleicht ist Blanco ja sehr bescheiden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Ffm74
    • 20. Juni 2012 15:45 Uhr

    Man könnte einen toten Hering filmen und bekäme schon mehr Klicks auf youtube.

    • Ffm74
    • 20. Juni 2012 15:45 Uhr

    Man könnte einen toten Hering filmen und bekäme schon mehr Klicks auf youtube.

    Antwort auf "....."
  4. bitte übersetzt doch nicht immer "gay" pauschal mit "schwul" ("Schwulenrechte"),bzw. benutzt nicht "schwul" als Synonym für die gesamte LGBT-community.

  5. Redaktion

    Liebe Leser, ich freue mich, dass Sie Hip-Hop auf ZEIT ONLINE vermissen, denn das zeigt ja, dass Interesse am Thema vorhanden ist.
    Dass wir an Indie- und elektronische Musik andere Maßstäbe ansetzen, möchte ich allerdings zurückweisen. Vielmehr legen wir an unsere Autoren in allen Musikgenres dieselben (!) Maßstäbe an, und es gibt wenige, die Hip-Hop einem allgemein interessierten Publikum in angemessener Textqualität nahe bringen können. Wer sich jetzt angesprochen fühlt, soll sich gern mit Arbeitsproben melden.
    Des Weiteren sollte man bei Mykki Blanco nicht in erster Linie von "grell" sprechen. Hier geht es (wie wohl auch der Schwerpunkt des Interviews verdeutlicht) vor allem um Gender-Konstruktionen im Hip-Hop. Blanco verkörpert eine (sexuelle) Minderheit, deren Perspektive auf das Genre höchst interessant und horizonterweiternd sein kann.

    Beste Grüße aus der Redaktion.

    Antwort auf "Wieso"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Publikum | Alice Cooper | Björk | Hip-Hop | Jay-Z | Künstler
  • Traum oder harte Realität? Beyoncé in ihrem Dokumentarfilm "Life Is But A Dream"

    Die fleißigen Königinnen

    Beyoncé, Lana Del Rey und Taylor Swift sind die erfolgreichsten Popstars unserer Zeit. Sie zeigen uns, was es bedeutet, heute eine Frau zu sein. Wollen wir ihnen glauben?

    • PeterLicht zeigt sich nicht. Nur auf der Bühne sehen die Leute sein Gesicht.

      Tod, ach der Langweiler!

      Leben, Wahrheit, Zukunft, Freiheit, Liebe: Alles beginnt zu schillern. PeterLicht renoviert in seinem Buch und Live-Album "Lob der Realität" die Kapitalismuskritik.

      • Man mag's kaum glauben: Prince Rogers Nelson ist 56 Jahre alt.

        Freiheit allen Körpersäften!

        Nach jahrelangem Unabhängigkeitskampf veröffentlicht Prince gleich zwei Alben beim Warner-Konzern. Wer einmal Popkönig war, gibt sich eben ungern mit weniger zufrieden.

        • Die Inszenierungen des Regisseurs Calixto Bieito sind den Gegnern des Regietheaters ein plastisches Feindbild. Hier eine Szene aus der Händel-Oper "Der Triumph von Zeit und Enttäuschung" 2011 in Stuttgart

          Jeder Rollkoffer bringt uns weiter

          Geht das schon wieder los? Ein Musikwissenschaftler geißelt, was er für Regietheater in der Oper hält. Dabei ist jede noch so moderne Inszenierung besser als Stillstand.

          Service