UrheberrechtsstreitVerheddert in Frank Zappas Bart

Die Witwe Frank Zappas hat die Veranstalter des deutschen Festivals Zappanale verklagt. Es wird über Prinzipielles gestritten: künstlerische Freiheit und Interpretation. von Joachim Hentschel

Festivalbesucher auf der Zappanale in Bad Doberan

Festivalbesucher auf der Zappanale in Bad Doberan  |  © Klaus-Dietmar Gabbert dpa/lmv

Erinnert sich noch jemand an Daniel Küblböck ? Der kleine, bebrillte Bayer wurde nicht nur von Dieter Bohlen bei Deutschland sucht den Superstar öfter mit einem Frosch verglichen – im Herbst 2005 bekam er auch riesigen Stunk mit den Erben des verstorbenen Rocksängers Rio Reiser . Küblböck hatte damals seine eigene Version von Reisers Song König von Deutschland auf den Markt gebracht. An sich ist das legal, solange man Tantiemen an den Verwertungsverein Gema überweist. Problem nur: Er hatte den Liedtext verändert. Was ja naheliegt bei einem Satire-Song aus den achtziger Jahren – statt "Helmut Kohl" sang er "Angela Merkel", statt "Robert Lembke" " Sex And The City ", und so weiter.

Solche inhaltlichen Eingriffe gestattet das Urheberrecht allerdings nur, wenn man sie sich von den Rechteinhabern des Stücks absegnen lässt – und das hatten Küblböcks Leute nicht gemacht. Der Musikverlag und Reisers Familie stoppten den CD-Verkauf, zur Schadensbegrenzung musste der Sänger dann doch den Originaltext singen. Wohlgemerkt: Andere, die rechtzeitig gefragt hatten, durften König von Deutschland durchaus umtexten. Wie die Teenie-Popper Echt, die Punks von WIZO. Sogar der Media Markt für eine Werbekampagne.

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Kein neues, dafür ein umso anschaulicheres Beispiel für eine sehr aktuelle Kreativen-Problematik. Seit Wochen rauscht ja die Diskussion um Urheberrecht, Musikpiraterie und Presse-Leistungsschutz durch die Medien – noch komplexer wird die Angelegenheit allerdings, wenn überhaupt nicht eins zu eins kopiert wird. Wenn sich scheinbar alle an die Regeln halten und es trotzdem kracht. Weil es dann nämlich auf einmal um die Frage geht, wo künstlerische Interpretationsfreiheit anfängt und wo sie endet. Wie viel davon man als Musiker oder Designer genießen darf. Und wie viel man den anderen zugestehen muss.

Missbrauch der Zappa-Corporate-Identity

Ein solcher Fall machte kürzlich Schlagzeilen : Am 31. Mai wies der Bundesgerichtshof in Karlsruhe eine Revision des amerikanischen Zappa Family Trust zurück. Die Witwe des 1993 verstorbenen Rock-Avantgardisten Frank Zappa hatte die Klage eingereicht – es ging darum, den Veranstaltern des Zappanale-Festivals in Bad Doberan nachzuweisen, dass sie das Markenrecht verletzt hatten. Die Organisatoren sollen mit dem Namen ihrer Veranstaltung sowie ihrem Emblem, das einen stilisierten Bart des Künstlers zeigt, zwei essenzielle Merkmale der internationalen Zappa-Corporate-Identity missbraucht und sinnentstellt haben.

Gail Zappa

Gail Zappa  |  © Soeren Stache dpa/lnw

Die Gefahr, Außenstehende könnten das mecklenburgische Musikfestival und das Sortiment seines Souvenir-Shops für offizielle Produkte des Künstlerclans halten, sei zu groß – so argumentiert Gail Zappa, die 67-jährige Witwe. Schon zwei Jahre zuvor hatte das Oberlandesgericht Düsseldorf allerdings geurteilt, dass die Klägerin selbst gar keinen Anspruch mehr auf die Marke Zappa habe. Begründung lautete damals, sie habe es versäumt, mit eigenen Produkten auf dem deutschen Markt präsent zu sein. Die genauen Argumente, warum nun auch die Revision in Karlsruhe abgewiesen wurde, sind unbekannt – die Urteilsbegründung wurde noch nicht verschickt, bis zum Herbst kann das dauern.

Zappas Witwe ist empört über das Urteil

Während des Telefongesprächs zum Thema ist Gail Zappa noch immer reichlich aufgebracht. Man stecke wohl mit den Zappanale-Leuten unter einer Decke, vermutet sie bei bestimmten Nachfragen. Und betont, dass das BGH-Urteil nicht nur für Deutschland einen schwarzen Tag bedeute, sondern für alle Kreativen weltweit: "Jeder Staat der Erde weiß, wie gefährlich ihm Menschen mit eigenen Ideen werden können. Und reagiert entsprechend auf sie." Frank Zappa , den sie 1967 geheiratet hatte, war sein Leben lang Freigeist und erbitterter Gesellschaftskritiker gewesen.

Künstler und Urheberrecht

Die Debatte über die Reform des Urheberrechts beschäftigt Politiker, Kulturschaffende und Nutzer. Ihr Ausgang wird Auswirkungen auf die Kultur und das freie Internet haben. In unserer Serie Künstler und Urheberrecht gehen wir gemeinsam mit Gastautoren der Frage nach, wie die Wertschöpfungsketten im Kulturbetrieb funktionieren, wie sie sich durch die digitale Revolution verändert haben und wie eine Reform des Urheberrechts aussehen könnte. Wir freuen uns auf Ihre Gastbeiträge unter zeit.de/leserartikel

Alle Beiträge der Serie

Bisher erschienen:

Urheberrecht: Das Ringen um eine Reform

Wie funktioniert der Musikmarkt?

Filesharing: "Urheberrecht darf im Alltag keine Rolle spielen"

Streaming-Portale: Billiger als kaufen, besser als klauen

Mark Splinter: Des Künstlers Waffe gegen Ausbeutung

Conrad Fritzsch: Wir müssen die Spielregeln ändern

Wer hat die Rechte an Filmen?

Miguel E. Riveros Silva: Youtube ist nicht das Internet

Wolfgang Tischer: Lassen Sie mich durch, ich bin Urheber!

Gerd Billen: Die digitale Revolution verlangt neue Antworten

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Kultur des Tauschens: Das Geld findet dich immer

Bildende Kunst: Aus dem Museum ins Netz

Fatboy Slim: "Verlasst Euch nicht auf Download-Verkäufe!"

Streaming, Sampling, Urheberrecht: Musiker zur Debatte

Musikstreaming: "Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Urheberrecht: Wann ist geistiges Eigentum gerecht?

DJ Richie Hawtin: "Kreativität muss so schnell sein dürfen, wie sie will"

Von der Existenz des deutschen Zappa-Hommage-Festivals, das 1990 zum ersten Mal stattfand, habe sie schon lange gewusst. "Solche Briefe bekomme ich jeden Tag. Da wollen in Minnesota ein paar Leute einen Grillabend machen, Franks Musik dabei feiern und ihre Freunde einladen. Nichts dagegen. So klang das damals auch." Heute kommen zur jährlichen Zappanale rund 8.000 Besucher, es werden Andenken, CDs und DVDs verkauft. 2002 ließen die Organisatoren selbst den Namen ihrer Veranstaltung als Marke eintragen – und da schrillten in Los Angeles die Alarmglocken. "Ich musste Franks Namen schützen", sagt die Witwe. "Und mein Eigentumsrecht."

Leserkommentare
    • cvnde
    • 14. Juni 2012 12:49 Uhr
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    ..es geht nur um den schnöden Mammon.

  1. ...wenn Zappa das wüsste, er würde sich im Grab umdrehen.

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    ...Zappa dreht sich bestimmt im Grab um.
    Er ist eine der Stimmen die in der Urheberdiskussion so fehlen, dass es fast weh tut.

    PS. Ich hätte ihm auch gegönnt, dass er seine(!) Idee des "phonographic record merchandising" von Musik via "direct digital-to-digital transfer" noch erlebt hätte.
    Der Mann war seiner Zeit so was von voraus...

  2. ...Zappa dreht sich bestimmt im Grab um.
    Er ist eine der Stimmen die in der Urheberdiskussion so fehlen, dass es fast weh tut.

    PS. Ich hätte ihm auch gegönnt, dass er seine(!) Idee des "phonographic record merchandising" von Musik via "direct digital-to-digital transfer" noch erlebt hätte.
    Der Mann war seiner Zeit so was von voraus...

    Antwort auf "Oh Gott..."
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    • Karl63
    • 14. Juni 2012 14:42 Uhr

    Was würde Frank Zappa wohl über die Konservativen in Amerika und speziell die "Tea Party" denken? Wenn ich bedenke, was da alles im Vorwahlkampf zur Nominierung des Republikanischen Präsidentschaftskandidaten in die hiesigen Medien Einzug fand, dann vermisse ich bisweilen eine Stimme, die den eigenen Landsleuten derart bissig einen (Zerr?) Spiegel vorhält.

  3. Der Untertitel suggeriert, dass Gail Zappa (jetzt gerade eben) die Zappanale-Veranstalter verklagt hat. Mein erster Gedanke war "Schon wieder?". Es später im Text steht, dass einfach nur die Revision eines früheren Urteils endgültig abgeschmettert wurde. Das mit der Revision würde ich mir im Untertitel wünschen, damit nicht noch andere Leser in kurzfristige Schockstarre verfallen.

    • xpeten
    • 14. Juni 2012 13:09 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke. Die Redaktion/kvk

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    • xpeten
    • 14. Juni 2012 18:03 Uhr

    hat leider zur Löschung meines Beitrages geführt ("bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl", liebe/r kvk: bitte in Zappa - Discographie einarbeiten, viele Grüße und danke)

    Ich hatte nämlich seiner holden Gattin genau dies ans Herz gelegt, wenn sie, wie sie sich ausdrückt, wirklich den Namen Zappa "schützen" möchte.

    Aber "We are only in it for the money" hätte wohl auch gepasst.

  4. ..es geht nur um den schnöden Mammon.

  5. Gail Zappa hat sich leider in mehr als einer Hinsicht als eine denkbar schlechte Nachlassverwalterin erwiesen.

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    • Karl63
    • 14. Juni 2012 14:50 Uhr

    ist doch ganz eindeutig eine Form der Werbung für die Musik von Frank Zappa, die seine Erben nichts kostet.
    Der ganze Streit passt aber durchaus in eine Ära, wo ein nicht enden wollender Konzentrationsprozess der Musikindustrie (auch) dazu geführt hat, dass man permanent versucht die Erfolge von einst gewinnbringend neu zu vermarkten.

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