Bayreuth-PremiereEin Holländer mit coffee to go

Jubel und Buhrufe in Bayreuth: Jan Philipp Gloger will den "Fliegenden Holländer" einfach nur als Liebesgeschichte inszenieren. Das Orchester spielt farbenreich dazu. von Frederik Hanssen

Samuel Youn als Fliegender Holländer und Adrianne Pieczonka als Senta

Samuel Youn als Fliegender Holländer und Adrianne Pieczonka als Senta  |  © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

Der Regisseur Jan Philipp Gloger glaubt an die Liebe. Sogar an die von Senta und ihrem Fliegenden Holländer. Bei Richard Wagner können die beiden erst im Tode zusammenfinden. Denn der Untote hat mit anhören müssen, wie Sentas Jugendfreund Erik die Einlösung ihres ersten Heiratsversprechens einfordert. Den Holländer aber kann nur eine bedingungslos treue Ehefrau erlösen. Als er daraufhin sein Schiff in See stechen lässt, stürzt sich die junge Frau über eine Felsenklippe. So steht es im Libretto.

Am Mittwoch in Bayreuth schnallt sich Adrianne Pieczonka dagegen ihr Flügelpaar um, das sie aus Karton gebastelt hat, ergreift die Pappfackel, die sie im zweiten Aufzug wie Miss Liberty schwang, und verschmilzt mit dem Holländer in einer leidenschaftlichen Umarmung. Der Vorhang fällt, hektische Betriebsamkeit auf der Bühne des Festspielhauses, die Musik läuft weiter. Als aus dem unsichtbaren Orchestergraben die finale Erlösungsmelodie erklingt – an der Stelle, wo der Komponist notierte: "Das Meer türmt sich hoch auf und sinkt dann in einem Wirbel zurück, der Holländer und Senta, beide in verklärter Gestalt, entsteigen dem Meere" – , gibt Gloger den Blick auf die Szene wieder frei. Daland macht ein Geschäft mit dem Opfertod seiner Tochter. Statt der Ventilatoren, die seine Mitarbeiterinnen zuvor im Akkord verpackten, legen sie nun Plastikpuppen in Versandkisten. Senta und der Holländer, in Apotheose-Pose, ein abwaschbarer Aufsatz für Hochzeitstorten.

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Jan Philipp Gloger, der 31-jährige Regisseur, der auf dem Grünen Hügel seine erst dritte Oper realisiert hat, ist ein Theatermann, der hinhören kann. Zu Hause in Hagen spielte er im Posaunenchor des Christlichen Vereins Junger Männer gespielt, bevor er mit 19 im örtlichen Kulturzentrum sein Regiedebüt gab. Nach dem Studium bekam er schnell Aufträge von großen Häusern, vom Münchner Residenztheater, vom Deutschen Schauspielhaus Hamburg , seit 2011 gehört er zum Leitungsteam des Mainzer Staatstheaters. Die Sänger loben seine Professionalität, die Sicherheit, mit der er Personen führt. Gerne lässt er Gesten von der Musik auslösen – oder er zieht überraschende Schlüsse aus dem Text.

"Holländer"-Premiere
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Klicken Sie auf das Bild, um zur Fotostrecke zu gelangen!  |  © Bayreuther Festspiele/Enrico Nawrath

"Summ und brumm, du gutes Rädchen", singt der Frauenchor im Hause Dalands, "munter, munter dreh dich um!" Das lässt sich in der Tat auch als poetische Produktbeschreibung eines Ventilators lesen. Und so sieht man in Christof Hetzers unkonkret modernem Bühnenbild auch eine adrette Schar hellblau bekittelter Arbeiterinnen bei der Qualitätsprüfung und Verpackung von Luftquirlen (Kostüme: Karin Jud). Wo sich die Szene abspielt, bleibt bewusst unklar. Dem Regieteam geht es darum, den Berufsalltag in der globalisierten Warenwelt zu zeigen.

Haste was, biste was, lautet das Credo des vom Schiffsführer zum Wirtschaftskapitän mutierten Daland, den Franz-Josef Selig angemessen abstoßend als bauernschlauen, bräsigen Biedermann spielt. Aus dieser profitgierigen Welt wollen bei Gloger zwei Menschen ausbrechen: der steinreiche Fliegende Holländer – mithilfe der altmodischen Tugend Treue – und Senta, die sich daher zunächst den einzigen Mann ausgesucht hat, der hier nicht im Anzug herumläuft. Erik, den schmerbäuchigen Pferdeschwanzträger, der in Vaters Fabrik aushilft.

Schnell hat man Glogers entmystifizierenden Interpretationsansatz durchschaut – und blickt nun neidisch auf das Bühnenpersonal und seine Ventilatoren. In Bayreuth muss nun mal eben alles unbequem sein. Nicht nur die geografische Lage der Stadt, deren Abgelegenheit selbst Katharina Wagner jüngst beklagte, nicht nur die Enge in den weitgehend ungepolsterten Stuhlreihen. Nein, just zum Festspielstart bricht draußen der Hochsommer aus und die Besucher schwitzen im kaum gekühlten Festspielhaus.

Erhitzt wurden die Gemüter schon im Vorfeld der Premiere. Da war der Streit um die Vergabe der weiterhin enorm begehrten Eintrittskarten: Künftig kommen statt 40 Prozent nun 67 Prozent in den allgemein zugänglichen Verkauf. Da war die Rechnungshofrüge wegen des finanztechnischen Missmanagements, das nun wohl ein aus Köln abgeworbener Theaterverwaltungsfachmann beheben soll. Da war der Angriff des Münchner Opernchefs Nikolaus Bachler gegen die halsstarrige Haltung der Komponistenfamilie, wenn es um die Offenlegung von Archivmaterial geht. Von diesem Vorwurf sprechen sich die beiden Festspielleiterinnen selber frei, während andere Mitglieder der vier Wagner-"Stämme" weiterhin brisante Briefe der antisemitischen Winifred und ihres Gatten Siegfried verschlossen halten. Kulturstaatsminister Bernd Neumann mahnte noch einmal die "besondere Verantwortung" des Clans zur lückenlosen Aufarbeitung der NS-Zeit an. Hierzu gehöre die Zugänglichmachung aller Archive.

Leserkommentare
  1. Eine 3/4 bis 1 Stunde mit dem Zug von Nürnberg mit stündlicher Verbindung und Nürnberg selbst ist ein Bahnknotenpunkt. Und was wäre dann nicht abgelegen? Nur Städte, die sich selbst als Metropolen begreifen??? Wenn es denn Kritikern aus Hamburg, München und Berlin zu anstrengend ist, brauchen sie ja nicht mehr kommen.

    Ansonsten scheint es ja wenig Interessantes auf der Bühne gegeben zu haben, zumindest beschäftigt sich der Autor lieber mit dem Drumrum. Ich weiß auch nicht, was an Aufarbeitung noch
    so Überraschndes kommen soll. Wagners Schriften kann jeder lesen, dass Winfred Wagner Hitler schon vor 1933 unterstützte ist bekannt. Also substantiell Neues ist vom zurückgehaltenen Material kaum zu erwarten.

    Wichtiger wäre es darüber zu reden, wie es mit Bayreuth weitergehen soll. Wann bricht man endlich den Kult um Wagner und diese Monokultur!? Ohne Nicht-Wagner-Stücke, auch im Festspielhaus, wird das nicht gelingen, die Festspiele werden in ein paar jahren endgültig künstlerisch uninteressant sein. Frischer Wind muss her. Aber das Thema packt man lieber nicht an.

  2. Herr Hanssen führt dem Leser - einmal mehr - eindrucksvoll vor, wie man fast gänzlich ohne Besprechung der Inszenierung und musikalischer Besonderheiten in Deutschland Opernkritiken schreiben kann. Für die Zusammenfassung der Pressemitteilungen im Vorfeld der Premiere hätte es wahrlich keines Kritikers bedurft. Gerade im Hinblick auf die undurchsichtige Kartenvergabe in Bayreuth hätte ein positiver Beitrag geleistet werden können, indem die Pressekarte in den freien Verkauf gelangt wäre. Stattdessen bekommt man es mit einer Rohfassung zutun, die an Fehlern nicht arm ist und zudem den Eindruck erweckt, die (knappen) Einschätzungen der Stimmen und des Dirigats seien per Copy-Paste aus anderen Quellen entstanden.

    Es wäre zu wünschen, dass dem Leser einer Opernkritik mitgeteilt wird, was er - zumeist - nicht selbst gesehen hat. Und wenn er Glück und Geld genug hatte, es zu sehen, dann fragt er sich womöglich, was er da gesehen hat. Hierauf liefert Herr Hanssen mit Verlass keine Erkenntnisse.

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/jz

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