Musikstreaming"Da fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch"

Fünf Musiker, fünf Meinungen: Sind Streaming und illegale Downloads okay? Die Band Mostly Robot, bestehend aus Virtuosen wie Jamie Lidell und DJ Shiftee, antwortet. von 

ZEIT ONLINE: Sie alle fünf verdienen Ihr Geld mit Musik. Wird es so bleiben? Wird es ein Geschäftsmodell geben, das Musiker und Hörer gleichsam glücklich macht?

Jeremy Ellis: Ich habe vor ein paar Jahren über ein Subskriptionsmodell nachgedacht, das jetzt für viele Labels interessant wird. Bevor ihre Musik gestohlen wird, ist es für Sony oder Warner doch sinnvoller, wenn jemand 10 Dollar ausgibt und alles bekommt, was er möchte. Für 100 Dollar bekommt er vielleicht alles aus dem gesamten Katalog.

Mr. Jimmy: Und darf er es behalten?

Ellis: Natürlich! Als ich diesen Plan gemacht habe, gab der Durchschnittsamerikaner nur 15 Dollar im Jahr für Musik aus. Manche verbraten jeden Donnerstagabend in der Bar mehr als das.

DJ Shiftee: Dann sollte es als Getränke-Paket daherkommen. Du bekommst einen Gin Tonic und eine Single von T.I.

Ellis: Genau. Ich mag das Subskriptionsmodell.

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Mr. Jimmy: Mit dem Subskriptionsmodell fühlst Du Dich nicht ganz wie ein Arschloch. Ich bin auf Spotify und zahle dafür. Und ich lade nichts illegal herunter. Ich will ja auch Geld verdienen.

Jamie Lidell: Es ist komisch, wenn man nichts für Spotify bezahlt. Nichts von dieser ganzen Musik gehört einem. Sie verdunstet einfach. Das ist ein bisschen traurig.

Mr. Jimmy: Selbst wenn ich aufhörte zu bezahlen, hätte ich die Musik nicht mehr. Also haben sie dich für immer am Haken. Aber so arbeiten auch die Mobilanbieter.

Lidell: Aber wenn Du dann als Musiker Deine Tantiemen haben möchtest, glaubst Du, das funktioniert mit Spotify? Der Manager der Black Keys lässt nicht zu, dass die Band auf Spotify ist, genau aus dem Grund.

Ellis: Ich glaube, man bekommt 1 lächerliches Prozent oder so.

Lidell: Mir ist es ein Rätsel, wie sich das rechnen soll. Klingt gut für Spotify, aber nicht für den kleinen Mann.

Timothy Exile: So ist es mit Start-ups. So etwas aufzubauen ist sehr teuer und da fließt dann das Geld rein, um die Firma am Leben zu halten.

Mostly Robot

Die Band besteht aus fünf Musikern aus England und den USA, die in ihrem jeweiligen Bereich große Live-Improvisatoren und Technikvirtuosen sind. Die Berliner Technologiefirma Native Instruments hat ihnen jegliche Hard- und Software zur Verfügung gestellt, auf denen sie beim Sónar Festival erstmals öffentlich jammten. Jamie Lidell ist der Sänger der Band. Der Keyboarder Mr Jimmy sorgt für die Harmonien. Timothy Exile, Elektronikexperimentator, legt die Sounds seiner Kollegen in Schleifen. Der Drummachine-Spezialist Jeremy Elllis macht die Beats mit den Fingern und DJ Shiftee, zweimaliger DJ-Weltmeister, bringt Scratches bei. Im Konzert wird die Musik der Gruppe noch durch synchrone Visualisierungen von der Berliner Pfadfinderei unterstützt.

Ellis: Lasst uns doch mal lieber darüber sprechen, wie es für die kleinen Plattenfirmen aussieht, wie viele Techno-Labels aus Detroit. Ich habe meinen Businessplan an dem früherer Porno-Websites ausgerichtet. Du zahlst eine bestimmte Summe und sie ordnen Dich bestimmten Vorlieben zu. Das könnte man auch mit ein paar Labels machen. Jeder von uns fünf hat seine eigene Musikgruppe. Für fünf Dollar im Monat bekäme man dann die Musik von uns allen.

Lidell: Irgendwie gut, aber auch sehr traurig für den musikalischen Romantiker. Um ein haptisches Stück Musik kommt man doch nicht herum. Kassetten, LPs. Es wird heute immer so neumodisch gesagt: 'Ach, klar, wir legen einfach noch ein Vinyl drauf.' Aber wenn Du exklusiv sein willst, musst Du ultra-exklusiv sein und etwas wirklich Wunderbares machen. Das ist dieses Brooklyn-Ding. Man fährt doch nach Brooklyn, um die Einkaufsstraßen und Vodafone hinter sich zu lassen. Um Leute zu finden, die ein Handwerk beherrschen und sich über das Produkt Gedanken machen. Die es direkt verkaufen. Natürlich geht das auch im Internet sehr gut.

ZEIT ONLINE: Was halten Sie davon, wenn Künstler ihre Werke direkt verkaufen oder lizenzieren und ihre Rechte selbst vertreten?

DJ Shiftee: Ich bin DJ, also gehört es zu meinem Job, mir jede Woche Hunderte von neuen Songs zu besorgen. Legale Download-Seiten sind meine wichtigsten Musikfundi. Im digitalen Zeitalter mit seinen kurzen Aufmerksamkeitsspannen ist ein Extraklick, ein extra Kreditkartenformular, manchmal schon genug, um den Kunden zu vertreiben. Es ist schön, wenn es auf einer bestimmten Plattform im Selbstmanagement funktioniert. Aber aufstrebende Künstler profitieren sehr davon, auf Seiten wie Beatport oder iTunes vertreten zu sein.

Leserkommentare
    • TDU
    • 13. Juli 2012 10:47 Uhr

    Die Technik wurde zur Verfügung gestellt. Dem scheinen sich alle bewusst zu sein und so hört man in diesem guten Interview mal nichts von den üblichen Gut und Böse Klischees pseudopolitischer Schwätzer. Die Ernsthaften unterhalten eben mehr, wenns umdei Sache geht.

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    • negve
    • 13. Juli 2012 12:33 Uhr

    Wären diese Band schlau, würden sie die ganzen Streaming-Dienste als gigantische Marketingmaschinerie verstehen und sie auch so nutzen. Man gibt fünf Songs frei, macht mit dem Dienst einen Deal und verkauft anschliessend die Platte mit Gimmicks und einem Login für den Jahreszugang zum gesamten Archiv der Band.

    Aber nein, man verweigert sich lieber komplett und schmollt. Der arme kleine Mann ist am Haken der Streaming-Dienste. Nee, er ist eben nicht mehr am Haken der Musikindustrie und deren Plattenfirmen.

    Schaut euch doch mal an wie Björk das macht.

    Wir Konsumenten lernen eben auch dazu. Früher wurde eine gut produzierte Single ausgekoppelt und nach dem Kauf des Albums stellt man fest, dass der Rest nur Mist ist.

    Eine Leserempfehlung
  1. einen neuen Plattenspieler bei einer großen deutschen Supermarktkette gekauft. Platten fühlen sich einfach gut an und klingen gut. Im Prinzip ging es mit dem kopieren ja schon mit der CD und der Audiokasette los.

    Illegale Musikdownloads sind ein Problem, doch es gibt genügend ernsthafte Künstler, die, wie schon gesagt, ihre Musik verschenken. Jeder, der aber diese Band liebt, und dem Musik etwas wert ist, der kauft auch mal ne Platte oder geht in ein Konzert. is doch klar.

    Ich kenne zudem viele kleine Musiker und viele sind dazu übergegangen ihre Musik selbst zu produzieren. Ich kenn sagor einen Schlagzeuger der mischt das bei sich am Pc ab. Andere Kollegen haben sich mit der Band ein komplette Studio in der Garage gebaut. Dann wird versucht die Platten direkt über die Labelhomepages zu verkaufen.
    Wenn man als Band ein wenig ernsthaft versucht seine Musik zu produzieren kriegt man das schon hin. Diese Sache worüber die Herren hier reden ist eine komplett andere. Das ist der Millionenverkauf der Musikindustrie. Wenn eine Band gut ist dann wird sie ihre Fans mit Konzerten und Stickern und Platten beglücken können, die die das große Gloldgräberglück bei Soundcloud und Co suchen kriegen doch eh nix ab vom Kuchen... Hallo? War das etwa schon mal anders? Nutznießer wollen die Plattenfirmen sein und die neuen Gesetze sind ausschließlich dafür da diese riesige Marketingmaschine am Leben zu erhalten. Der kleine Künstler sieht da so oder so nix von. meine Meinung

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    • TDU
    • 13. Juli 2012 23:31 Uhr

    Sei glauben doch nicht im Ernst, dass ein Konzert eines "Million Sellers" von diesem Selbst durchgeführt werden kann. beatles udn Stones haben ihre eigen Firma geründet als sie Million Milion Seller waren.

    Glauben Sie die bekämen Kredite. Ihre Beschreibung betrifft die Kleinen. Sobald die Glück haben, sind sie bei den Großen Firmen. Schauen Sie in die Geschichte der Band "Bap". Plötzlich wollten alle Ihre Platten. Der alte Vertrieb bekam sie nicht unter die Leute also ab zur Emi.

  2. ... Musiksammlung bei eMusic.com für 2,99€/256 MB- mp3 gekauft.
    Im Abo. Es ist ein Laden in USA, aber auch deutsche Musiker können dort runter geladen werden. Ich fragte einen, ob er das selbst dort platziert- er wusste davon gar nicht...

    • TDU
    • 13. Juli 2012 23:31 Uhr

    Sei glauben doch nicht im Ernst, dass ein Konzert eines "Million Sellers" von diesem Selbst durchgeführt werden kann. beatles udn Stones haben ihre eigen Firma geründet als sie Million Milion Seller waren.

    Glauben Sie die bekämen Kredite. Ihre Beschreibung betrifft die Kleinen. Sobald die Glück haben, sind sie bei den Großen Firmen. Schauen Sie in die Geschichte der Band "Bap". Plötzlich wollten alle Ihre Platten. Der alte Vertrieb bekam sie nicht unter die Leute also ab zur Emi.

    Antwort auf "Ich hab mir jetzt..."

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