ZEIT ONLINE: Mister Cook, Sie kennen das Musikgeschäft seit drei Jahrzehnten. Hat sich der Wert von Musik in dieser Zeit verändert?

Norman Cook: Ich habe noch eine goldene Ära erlebt. In den Sechzigern und Siebzigern wurden Künstler nicht unbedingt bezahlt, wurden oft geprellt. Aber etwa Anfang der Achtziger, nachdem George Michael diesen berühmten Prozess gegen Sony geführt hat, wachten wir auf und wurden bezahlt. Heute leben wir in der Ära von Internet und Downloads, in der man Musik plötzlich nicht mehr verkaufen kann und sie im Grunde verschenken muss. Für junge Künstler ist das sehr schwierig. Es ist wie im Wilden Westen, es gibt keine Regeln, und wir werden erst herausfinden, wer die Guten und wer die Bösen sind. Wir sprechen uns in fünf Jahren noch mal.

ZEIT ONLINE: Haben Sie sich früher an die Regeln gehalten? Ihre Musik als Fatboy Slim lebt von den Samples anderer.

Cook: Als ich mit Sampling angefangen habe, wusste niemand, wie man das Urheberrecht durchsetzen sollte. Wir haben einfach geschaut, womit wir davonkommen konnten. Und dann mischten sich Rechtsanwälte ein. Ich stand auf beiden Seiten des Grabens. Ich habe Leute gesampelt, wahrscheinlich ihr Urheberrecht missachtet und einige Male teuer dafür bezahlt. Und gleichsam würde ich nicht wollen, dass mich jemand um den Wert meiner Musik betrügt. Dahinter stehen eine moralische Frage und eine ökonomische Frage.

Zukunft der Musik - Star-DJ Richie Hawtin: "Jeder sollte hören und benutzen, was er will"

  ZEIT ONLINE: Gilt diese Moral noch?

Cook: Man kann Musik aus anderer Leute Musik machen. Aber wenn man damit viel Geld verdient, sollte auch der originäre Urheber etwas abbekommen. So war es zumindest. Heute bekommt niemand Geld.

ZEIT ONLINE: Was würden Sie jüngeren Musikern als Geschäftsmodell auf einem digitalen Markt empfehlen?

Cook: Verlasst Euch nicht auf Platten- oder Downloadverkäufe, um Euren Unterhalt zu bestreiten! Erstens zahlen viele gar nicht dafür. Zweitens sind die Tantiemen daran so gering, dass man davon nicht leben kann. Das Geld kommt aus dem Konzertbereich oder der Lizenzierung von Musik in Filmen, Werbespots, Computerspielen. Da kann man Tantiemen eintreiben. Tonträger sind heute nur noch die Visitenkarte.

ZEIT ONLINE: Braucht es noch Plattenfirmen oder kann sich dann jeder Musiker selbst um sein Geschäft kümmern?

Cook: Man braucht kein Label mehr, um das Studio zu bezahlen, Hunderttausende Pfund für die Albumaufnahmen auszugeben, das Album herzustellen. Man kann also den Zwischenhändler überspringen. Wenn Du Dein eigener Verleger bist, bekommst Du 100 Prozent des Gewinns. Und wenn eh alles über iTunes abgerechnet wird, wozu brauchst du dann eine Plattenfirma. Schließ' einen Vertrag direkt mit iTunes!

ZEIT ONLINE: Oder versuche Crowdfunding . Was halten Sie davon? Für 100 Pfund gibt's das Album auf allen erdenklichen Tonträgern, für 2.000 Pfund ein Konzert für den Großmutter-Club und für 5.000 Pfund einen Nackt-Gig...

Cook: Sind die Großmütter auch nackt? Das wäre 5.000 Pfund wert.

ZEIT ONLINE: Ist Crowdfunding eine Art der Prostitution?

Cook: Alles, was im Musikgeschäft passiert, ist Prostitution. Es gibt nur Zuhälter oder Huren. Wir verkaufen uns selbst und ein Erlebnis. Ob es um den Verkauf unserer Musik geht oder um das Konzert. Wir sind ein Produkt.

ZEIT ONLINE: Es geht also nur darum, sich die Kunden warmzuhalten.

Cook: Das Gute am Internet ist ja, dass man direkten Kontakt zu seinen Fans haben kann. Man ist nicht angewiesen auf das Radio oder die Werbung der Plattenfirma. Aus dieser neuen Interaktion zwischen Künstler und Publikum kann eine neue Industrie heranwachsen. Denn es sind immer noch eine Menge Zuhälter da draußen, die uns Huren verkaufen wollen.