Amerikanische RapperDiese Jungs erneuern den Hip-Hop

Die großen amerikanischen Rapper sind verstummt, jetzt kommt die nächste Generation! Sie macht einem heterogenen, intelligenten Publikum wieder Spaß an Hip-Hop. von Heiko Behr

Der 21-jährige Rapper und Produzent SpaceGhostPurrp aus Miami

Der 21-jährige Rapper und Produzent SpaceGhostPurrp aus Miami  |  © 4AD

Vor ungefähr 40 Jahren war Rock tot. Vor die Wand gefahren, in Schönheit gestorben. Emerson, Lake & Palmer, Yes oder Genesis hießen die Totengräber. Manierierte, schier endlose Gitarrensoli zogen sich wie müde Girlanden durch ihre Konzeptalben. Ein ganzes Genre taumelte seinem Untergang entgegen, verbiestert, in technischer Perfektion erstarrt. Dann kam Punk. Und fegte alles hinweg. Nun wiederholt sich die Geschichte.

Seit geraumer Zeit wird in Schleifen lamentiert, dass amerikanischer Hip-Hop tot sei . Aus, vorbei, das wisse doch wohl jeder. Wer das abstreite, habe ja nun wirklich keinerlei und so weiter. Dieser Vorwurf richtet sich an eine Handvoll Männer: Dr. Dre, The Neptunes und Timbaland hießen in den vergangenen zehn Jahren die Herrscher über die Beats. Sie hatten das Handwerk bis zur Perfektion verfeinert. Drei Minuten ihrer Kunst kosteten den jeweiligen Auftraggeber Hunderttausende von Dollar. Herrgott, Dr. Dre hatte einen Angestellten, der sich ausschließlich um den satt schmatzenden Sound der Bassdrum kümmerte.

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Den Exzess dieser Dienstleistungen konnten sich natürlich nur Rapper mit großem Apparat im Rücken leisten: Die Plattenfirmen hielten ihre Künstler auf dem Markt. Was wiederum dazu führte, dass der Sound vereinheitlichte. Alternativen fielen unter den Tisch; für die Kleinen war es schlichtweg unbezahlbar, einen Song produzieren zu lassen, der in die Charts aufsteigen konnte.

Mittlerweile bewirbt Dr. Dre vor allem Kopfhörer, Pharrell Williams entwirftt Luxusaccessoires und Timbaland irritiert mit Oben-Ohne-Fotos, die an hemmungslosen Steroidmissbrauch denken lassen. So ist in jüngster Zeit ein Machtvakuum entstanden, das Kanye West allein nicht zu füllen vermag. Nach Jahren des Dämmerns ist dies die Stunde des Nachwuchses, der seine Chance nutzt: Hip-Hop erneuert sich mit ungeheurer Energie. Aus den Kellern und Wohnzimmern heraus. Er ist momentan so stark wie seit den Goldenen Tagen der neunziger Jahre nicht mehr. Was also passiert da gerade?

Ähnlich wie im Punk vor vierzig Jahren entdeckt eine junge Generation den Dreck, das Feedback, das Schlingern, ja, die Ursprünge. Und nach einer Epoche der Verengung auf den Typus "steinreicher Ex-Drogendealer" tauchen immer mehr Gestalten auf, die einem heterogenen, intelligenten Publikum die Identifikation erleichtern.

Wie etwa Danny Brown . Typus: der irre Außenseiter. Seit fast zehn Jahren wird der 31-Jährige aus Detroit von den Großen umworben, er verweigert sich jedoch konsequent und komplett. Sein kostenloses Album XXX (2011) verschnitt absurde Komik und pornografische Detailfreude mit ungeheurer Lässigkeit und Humor. Mit Zahnlücke, asymmetrischer Frisur und Skinny Jeans erweitert er gleichzeitig die klassische Hip-Hop-Hörerschaft: Nicht zuletzt durch Danny Brown tauchen immer mehr junge Rapper in Hipster-Blogs auf. Es ist diese neue Durchlässigkeit eines bisweilen muffigen Genres, die Rappern wie ihm entgegenkommt. Browns Produzenten lassen sich von klassischem Old-School-Hip-Hop genauso inspirieren wie von englischen Breakbeats.

Ein Gegenmodell ist Joey Badass . Typus: der frühreife Abiturient. (Ist es wirklich zu spät für eine Namensänderung?) Der 17-Jährige aus Brooklyn reimt auf seinem kostenlosen Mixtape namens 1999 nicht nur über bewusst altmodische Boom-Bap-Beats, selbst seinen Slang entlehnt er den Neunzigern. Es sind Einblicke in eine Welt jenseits aller lahmen Klischees . Mitten in die Lebenswirklichkeit eines pubertierenden jungen Mannes. Badass betreibt dabei Geschichtsverarbeitung in Reimform, so konsequent, dass er fast schon als Retro-MC durchginge. Es ist ein Sound, der erst jetzt wieder möglich ist – 20 Jahre nach seiner Hoch-Zeit.

Leserkommentare
  1. Ich mag Rap (oder wie man das sonst nennt) nicht und habe nicht die geringste Ahnung von den Leuten.
    Aber der Artikel ist mit Liebe zu einer Musikform geschrieben und das macht ihn lesenswert.
    Zwei Dinge sind mir aufgefallen:
    Die neuen verschenken Ihre Musik!!?? Schonmal ein cooler und moderner Wiederspruch zum geldgeilen Goldkettchenträger der 90'er!

    Die neuen scheren sich nicht um Konventionen und Klischees!
    Das ist wohl eine der wichtigsten Änderungen. Heute ist man wohl selbst in der Jugend nicht mehr cool wenn man einen auf Gangster macht sondern einfach nur noch peinlich.
    Sobald eine Provokation zum Genre wird ist die Provokation tot.
    Und wenn jeder seine Zuhörer anpinckelt ist es am Ende nur noch das was es ist: Eklig!

    Ich freue mich auf jeden Fall über jeden Künstler der es schafft jenseits des MI-Allerlei etwas eigenes zu schaffen.

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  2. 2. Schön

    Schön dass das Thema hier auch endlich ankommt. Normalerweise liest man ja hier nur über furchtbare Dinge wie Casper oder Rick Ross.

    Eine Leserempfehlung
  3. jneiro jarel..three piece puzzle (von 2004 allerdings, aber finest underground)
    der klassiker: mf doom - zeitlos und hip hop
    und auch neu: Ma_Doom: Son Of Yvonne

    4 Leserempfehlungen
  4. Wann bitte lernen Mainstream-Medien endlich mal vernünftige Artikel über Rap-Musik (wer den Unterschied zwischen Hip Hop und Rap nicht kennt, bitte nochmal bei Wikipedia nachlesen) zu schreiben? Dieser Artikel mag in seiner Intention Rap-freundlich sein (mal abgesehen davon, dass die vorgestellten Künstler ziemlich wahllos und zum Teil auch nicht wirklich zur neuesten Generation gehören) , aber strotzt leider nur so vor Verkürzungen, Falschinterpretationen und Fehlern. Es tut mir leid, aber der Autor hat die Diskussion um die Frage, ob Hip Hop tot ist, einfach nicht verstanden. Da ist seine These, dann halt leider auch Quatsch.

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    • Sheem
    • 20. Juli 2012 13:00 Uhr

    Moin,

    wer auf guten 90s Rap steht a la Pharcyde oder ATCQ, dem seien die Clear Soul Forces ans Herz gelegt. Deren Debüt Album "Detroit Revolutions" ist auf Bandcamp gratis erhältlich, sogar als FLAC.

    Wer mit dem australischen Akzent keine Probleme hat, der sollte sich mal Drapht mit "Jimmi Recard" anhören, BOMBE!

    Ansonsten noch Madlib und Damu the Fudgemounk. Beides Garanten für richtg dicken HipHop Sound.

    Also nix wie hin da und sich an die gute alte Zeit erinnern. :)

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  5. Wir haben Gott sei Dank noch einige deutsche Rapper, (ich meine nicht diese Bushidos und Haftbefehl kids, "Azzlacks, Thugs")

    Hier ein WAHRER Genuss!

    http://www.youtube.com/wa...

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    Oje - muss jetzt wirklich der olle Samy herhalten, um die Rettung des dt. Rap zu skandieren? :D

    Mein Beitrag zur Rettung: http://www.youtube.com/wa... Kostenloses Mixtape, Daumen hoch!

    • vb187
    • 20. Juli 2012 13:53 Uhr

    DerRiese meinte den DeutschRap und da ist Samy ein gutes Beispiel.
    Genau wie KRS-One die Fahne in den Staaten hochhält, ohne sich jemals verkauft zu haben.

    ich muss gestehen, mit Samy bin ich nie warm geworden.

    Besser:
    http://youtu.be/SOEG5XYpGGY

    Auch sehr interessant:
    http://youtu.be/60fnIa53GeI

  6. 7. Samy??

    Oje - muss jetzt wirklich der olle Samy herhalten, um die Rettung des dt. Rap zu skandieren? :D

    Mein Beitrag zur Rettung: http://www.youtube.com/wa... Kostenloses Mixtape, Daumen hoch!

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    Antwort auf "Die deutsche Szene"
    • vb187
    • 20. Juli 2012 13:50 Uhr
    8. Danke

    ...für diesen Artikel.

    Zunächst erwähne ich, dass es nicht um Hip Hop, sondern um Rap geht.
    Definitiv sollte der Dank nicht an "Dr. Dre, The Neptunes und Timbaland" gehen, sondern an die Helden unter den Producern: DJ Premier, Pete Rock, RZA und El-P, aber auch Dre und weitere. Bei Neptunes und Timbaland streuben sich jedem Rap-Fan die Haare!!

    Viele inkl. mir hatten Rap und Hip Hop abgeschrieben, weil seit fast 10 Jahren scheinbar nichts mehr nachkam, wobei mir persönlich immer klar war, dass es genügend gute Artists gibt. Sie schaffen es meist aber nicht aus den USA bis zu uns. Leider! Und von dem vielen Geld, das manche Rapper reinbringen, behalten die Labels das meiste. Erst wenn sie lange erfolgreich sind, profitieren auch sie stark davon. Deswegen haben die klugen unter ihnen ihre Bekanntheit genutzt und etwas Eigenes auf die Beine gestellt (Dre, Xzibit, Snoop Dogg etc.).
    Dr. Dre hat z.B. den mit Abstand größten Teil seines Vermögens nicht mit Beats und Rap gemacht, sondern mit seinen Kopfhörern.

    Um so schöner, dass der Autor uns diese für uns teils unbekannten Artists näher gebracht hat - vielen Dank. Und auch hier erkennen wir, dass viele dieser Rapper sich an Altem orientieren (Beats/Stil...), was aber auch gut ist, denn dieser Stil ist zeitlos - daher kann man sich NWA, Big L, Jeru, Ice-T oder Group Home auch heute noch regelmäßig "reinziehen".

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Detroit | Genre | Hip-Hop | Kanye West | Timbaland | Indiana
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