Vor ungefähr 40 Jahren war Rock tot. Vor die Wand gefahren, in Schönheit gestorben. Emerson, Lake & Palmer, Yes oder Genesis hießen die Totengräber. Manierierte, schier endlose Gitarrensoli zogen sich wie müde Girlanden durch ihre Konzeptalben. Ein ganzes Genre taumelte seinem Untergang entgegen, verbiestert, in technischer Perfektion erstarrt. Dann kam Punk. Und fegte alles hinweg. Nun wiederholt sich die Geschichte.

Seit geraumer Zeit wird in Schleifen lamentiert, dass amerikanischer Hip-Hop tot sei . Aus, vorbei, das wisse doch wohl jeder. Wer das abstreite, habe ja nun wirklich keinerlei und so weiter. Dieser Vorwurf richtet sich an eine Handvoll Männer: Dr. Dre, The Neptunes und Timbaland hießen in den vergangenen zehn Jahren die Herrscher über die Beats. Sie hatten das Handwerk bis zur Perfektion verfeinert. Drei Minuten ihrer Kunst kosteten den jeweiligen Auftraggeber Hunderttausende von Dollar. Herrgott, Dr. Dre hatte einen Angestellten, der sich ausschließlich um den satt schmatzenden Sound der Bassdrum kümmerte.

Den Exzess dieser Dienstleistungen konnten sich natürlich nur Rapper mit großem Apparat im Rücken leisten: Die Plattenfirmen hielten ihre Künstler auf dem Markt. Was wiederum dazu führte, dass der Sound vereinheitlichte. Alternativen fielen unter den Tisch; für die Kleinen war es schlichtweg unbezahlbar, einen Song produzieren zu lassen, der in die Charts aufsteigen konnte.

Mittlerweile bewirbt Dr. Dre vor allem Kopfhörer, Pharrell Williams entwirftt Luxusaccessoires und Timbaland irritiert mit Oben-Ohne-Fotos, die an hemmungslosen Steroidmissbrauch denken lassen. So ist in jüngster Zeit ein Machtvakuum entstanden, das Kanye West allein nicht zu füllen vermag. Nach Jahren des Dämmerns ist dies die Stunde des Nachwuchses, der seine Chance nutzt: Hip-Hop erneuert sich mit ungeheurer Energie. Aus den Kellern und Wohnzimmern heraus. Er ist momentan so stark wie seit den Goldenen Tagen der neunziger Jahre nicht mehr. Was also passiert da gerade?

Ähnlich wie im Punk vor vierzig Jahren entdeckt eine junge Generation den Dreck, das Feedback, das Schlingern, ja, die Ursprünge. Und nach einer Epoche der Verengung auf den Typus "steinreicher Ex-Drogendealer" tauchen immer mehr Gestalten auf, die einem heterogenen, intelligenten Publikum die Identifikation erleichtern.

Wie etwa Danny Brown . Typus: der irre Außenseiter. Seit fast zehn Jahren wird der 31-Jährige aus Detroit von den Großen umworben, er verweigert sich jedoch konsequent und komplett. Sein kostenloses Album XXX (2011) verschnitt absurde Komik und pornografische Detailfreude mit ungeheurer Lässigkeit und Humor. Mit Zahnlücke, asymmetrischer Frisur und Skinny Jeans erweitert er gleichzeitig die klassische Hip-Hop-Hörerschaft: Nicht zuletzt durch Danny Brown tauchen immer mehr junge Rapper in Hipster-Blogs auf. Es ist diese neue Durchlässigkeit eines bisweilen muffigen Genres, die Rappern wie ihm entgegenkommt. Browns Produzenten lassen sich von klassischem Old-School-Hip-Hop genauso inspirieren wie von englischen Breakbeats.

Ein Gegenmodell ist Joey Badass . Typus: der frühreife Abiturient. (Ist es wirklich zu spät für eine Namensänderung?) Der 17-Jährige aus Brooklyn reimt auf seinem kostenlosen Mixtape namens 1999 nicht nur über bewusst altmodische Boom-Bap-Beats, selbst seinen Slang entlehnt er den Neunzigern. Es sind Einblicke in eine Welt jenseits aller lahmen Klischees . Mitten in die Lebenswirklichkeit eines pubertierenden jungen Mannes. Badass betreibt dabei Geschichtsverarbeitung in Reimform, so konsequent, dass er fast schon als Retro-MC durchginge. Es ist ein Sound, der erst jetzt wieder möglich ist – 20 Jahre nach seiner Hoch-Zeit.