BayreuthVon Narren und Nazis

Der Opernsänger Evgeny Nikitin darf wegen seiner Runen-Tätowierungen nicht in Bayreuth singen. Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Vergangenheit in Bayreuth nicht vergeht. von Udo Badelt

Und schon ist er da, der Eklat, und dabei haben die Bayreuther Festspiele noch nicht einmal begonnen. Evgeny Nikitin wird nicht den Holländer in der Eröffnungspremiere am Mittwoch singen, Ersatz Samuel Youn spingt ein –  weil erst jetzt bekannt wurde, dass sich Nikitin als junger Schlagzeuger in einer russischen Metal-Band ein Hakenkreuz hat tätowieren lassen sowie mehrere Runen, die auch von den Nazis verwendet worden waren. Ihm sei die Bedeutung der Symbole damals nicht klar gewesen, beteuert der heute 38-Jährige. Später hat er das Hakenkreuz teilweise überstechen lassen.

Abgesehen davon, dass es von reichlicher Naivität zeugt, gerade in der Sowjetunion nicht gewusst zu haben, was das Hakenkreuz bedeutet: Der Fall zeigt wieder einmal, dass die Vergangenheit in Bayreuth nicht vergeht, sie ist wie Amfortas Wunde – schwelt und schließt sich nicht. Gerade legt der Wehrmachtsausstellungs-Macher Hannes Heer wieder den Finger hinein. Er zeigt auf Schautafeln – die immerhin auf dem Gelände des Festspielhauses aufgestellt werden durften –, wie antisemitisch der Grüne Hügel schon lange vor 1933 war. Wagner selbst, jeder weiß es, war ein übler Judenhasser , erst vor wenigen Wochen ist erneut die Aufführung seiner Musik in Israel gescheitert. Und doch hat Wagner das Musiktheater revolutioniert. Darum geht es im Grunde: Um die Frage, wie sympathisch große Künstler oder Künstler überhaupt sein müssen.

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Natürlich kann man dort, wo Hitler ein- und ausging, nicht mit Hakenkreuz auftreten. Oder doch? "Wir engagieren eine Stimme. Welche Hautfarbe der Sänger hat oder was er auf der Haut trägt, überprüfen wir normalerweise nicht", sagt der Festspielsprecher Peter Emmerich. Nikitin ist ein gefragter Sänger fürs schwere deutsche Fach, daran ändert sein Tattoo nichts. Ernst Jünger war bestimmt kein Demokrat, Gottfried Benn flirtete mit den Nazis, Ezra Pound begeisterte sich für Mussolini, Knut Hamsun schrieb noch 1945 einen lobenden Nachruf auf Hitler. Pablo Picasso soll die Frauen verachtet haben, Rainer Werner Fassbinder am Set ein unerträglicher Tyrann gewesen sein. Bedeutet das irgendetwas für die Bilder, für die Filme? Mindert das ihren Wert in irgendeiner Weise? Jemand kann ein Kotzbrocken sein und doch großartige Kunst schaffen. Diesen Widerspruch muss man aushalten.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. muss man Rückgrat haben und dem skandalisierenden pc-Geschrey widerstehen können.
    Das gibts hierzulande aber bestenfalls noch hier und da und eher im Kleinen.

  2. die um etwa 80 Jahr ezurückliegende Vergangenheit wird durch solche Lappalien künstlich am Leben erhalten. Und das gezielt und gewollt.

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    • xpeten
    • 23. Juli 2012 14:18 Uhr

    das kann man ganz sicher nicht.

    • eluutz
    • 23. Juli 2012 11:10 Uhr

    Muss man das? Wird nicht heute von jedem, der öffentlich auftritt, eine einwandfreie Biografie, eine "Vorbildfunktion" erwartet? Müssen Teenie-Pop-Akteure nicht öffentlich disney-affine Moralvorstellungen leben? Verkauft sich Hip-Hop nicht besser, wenn der Interpret tatsächlich im (amerikanischen) Gefängnis war? Und müssen Firmenbosse nicht öffentlich zum Wohl ihrer Stakeholder stehen, wenn sie keine "Shitstorm" erleben wollen - inklusive Boykott-Aufrufen? Engagieren wir nicht einen Künstler - mitsamt seiner Interpretation - statt "eine[r] Stimme"?

    Fazit: der Eklat passt perfekt in den Zeitgeist. Massentauglichkeit hat offensichtlich einen hohen Preis, der eben nicht da aufhört, wo sich Möchtegerns von einen Herrn Bohlen beschimpfen lassen (müssen). Es geht weiter mit (nicht nur aber vor allem) weiblichen Künstlerinnen (auch und gerade des klassischen Theater/ Musiktheaters), die in ihren Verträgen stehen haben, dass sie sich vor Publikum auch vollständig unbekleided zeigen müssen, ob es zur Rolle passt oder nicht.

    Tja - und dann muss der Künstler - besonders ein anerkannter, berühmter - eben jede Art von (Ver)Spot(ung) über sich ergehen lassen.

    Die Besonderheit des (versteckten, teilweise übermalten) Nazi-Symbols mag hier mit dem "grünen Hügel" zu tun haben, die Aufregung als solche nicht.

    • ddde
    • 23. Juli 2012 11:12 Uhr

    wenn ich es richtig verstanden habe, dann finden Sie, dass eintatovierte Nazisymbole zwar "unsympatisch" machen, diese sollten aber kein Grund sein einem so einen Job zu verwähren?!

    Ist das Ihr ernst?

    "Vergangenheit in Bayreuth nicht vergeht, sie ist wie Amfortas Wunde" Sie ist wie Amfortas Wunde, weil es eben nicht um die Vergangenheit geht. Es ist nach wie vor ein aktuelles Problem. Gerade Gestern wurde den Breivik Morden in Norwegen gedacht. Gerade jetzt wird wegen den NSU Morden untersucht.

    Haben Sie schon mal was vom "pushing boundaries - effekt" gehört?? Wenn sich jemand ein Hakenkreuz eintatovieren lässt, dann muss er auch die Konsequenzen daüfr tragen. Mein Mitleid hält sich wahrlich in Grenzen.

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    • Fw
    • 23. Juli 2012 11:21 Uhr

    Liebe Zeit,

    ich kann Ihrem Artikel leider nicht zustimmen. Eine Jugendsünden mag es sein, wenn der Herr im Supermarkt mal etwas gestohlen hätte oder mit Alkohol am Steuer erwischt wurde. Aber ein Hakenkreuz, selbst wenn es nicht mehr allzu deutlich zu sehen ist, sowie Runen der indogermanischen Sprache auf seinem Körper zu haben, geht eindeutig einen Schritt zu weit. Ich informiere mich dann vorher, für was diese Symbole stehen. Zumal ich es ebenso nicht okay finde, dass er um "die Geschichte Bayreuth´s" nichts weiß! Ich finde die Entscheidung richtig, es gibt Dinge, die sind ein no-go, dazu gehört ein Hakenkreuz auf der Brust. Dies, liebe Zeit, müssen Sie berücksichtigen!

    • bnt
    • 23. Juli 2012 11:12 Uhr

    Ich sehe doch einen gewissen qualitativen wenn auch subjektiven Unterschied zwischen einem Tyrannen am Set und einem begeisterten Anhänger der NSDAP. Das aber nur nebenbei.
    Generell bin ich der Meinung, dass man große Künstler, Wissenschaftler und überhaupt niemanden nur nach ihrer Leistungen betrachten darf. Gerade die Kunst mag sich da einbilden, losgelöst von der Gesellschaft ihre ganz eigene wert(ungs)freie Sphäre beanpruchen zu dürfen. Viel mehr als Einbildung kann das allerdings nicht sein. Jeder Mensch und sei er noch so übermenschlich in seinen Verdiensten um was auch immer, ist immer auch Teil seiner Gesellschaft und daher sind auch alle Produkte seines Schaffens irgendwie zur Gesellschaft positioniert. Gerade der Wagnersche Pathos kann doch kaum losgelöst von zeitgenössischen nationalistischen Schreckensutopien betrachtet werden. Sicher, man kann das auch bewusst ausblenden und sich auf handwerkliche Aspekte konzentrieren, Differenzierung sollte immer Teil einer intelligenten Auseinandersetzung sein. Aber der permanente Versuch, alle möglichen Individuen zu überhöhen indem man Teilaspekte ihrer Existenz schlicht leugnet, ist doch Götzenverehrung. Und bitte, wenn man einfach nur eine Stimme engagieren will und die Person eigentlich egal ist, kann man eigentlich auch einfach einen Computer hinter die Bühne stellen und die Sache mit Playback erledigen lassen.

    • Fw
    • 23. Juli 2012 11:21 Uhr

    Liebe Zeit,

    ich kann Ihrem Artikel leider nicht zustimmen. Eine Jugendsünden mag es sein, wenn der Herr im Supermarkt mal etwas gestohlen hätte oder mit Alkohol am Steuer erwischt wurde. Aber ein Hakenkreuz, selbst wenn es nicht mehr allzu deutlich zu sehen ist, sowie Runen der indogermanischen Sprache auf seinem Körper zu haben, geht eindeutig einen Schritt zu weit. Ich informiere mich dann vorher, für was diese Symbole stehen. Zumal ich es ebenso nicht okay finde, dass er um "die Geschichte Bayreuth´s" nichts weiß! Ich finde die Entscheidung richtig, es gibt Dinge, die sind ein no-go, dazu gehört ein Hakenkreuz auf der Brust. Dies, liebe Zeit, müssen Sie berücksichtigen!

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    "Runen der indogermanischen Schrift". Das ist wohl ein Scherz. Sich eine Swastika eintätowieren zu lassen ist vollkommen idiotisch, aber wenn Sie eine fast 2000 alte Zeichengruppe diffamieren wollen, weil diese 30 jahre lang schwer missbraucht wurde, machen Sie sich lächerlich. Jede dieser Runen hat eine von der NS-Zeit vollkommen losgelöste Symbolik und Bedeutung, die absolut nichts mit jener zu tun hat. Ich bin Anarchist und trage einige Runen aufgrund ihrer Aussagen; wollen Sie das ernsthaft in irgendeiner Art und Weise verurteilen?!

  3. Gut, man ist in einer Metall-Band aktiv, ich denke da setzt man sich schon mit der Szene auseinander, so ganz arglos was Runen und Co betrifft ist man dort sicher nicht. Die Gesellschaft soll wachsam sein gegenüber Nazisymbolen und derartigen Signen, die ja von den Akteuren meist ganz bewusst eingesetzt werden.

    Natürlich ist Kunst frei und ein Künstler ist nur ein Mensch, er kann ein Frauenverachter, ein Nazi, ein Bewunderer der (manchmal fördernden) Diktatur, ein Vollidiot oder sonstwas sein. Nur weil es ein Künstler ist, entzieht er sich doch nicht mit diesem Beruf oder Label der öffentlichen Bürgerlichkeit und den Gesetzen. Ein Kotzbrocken kann gute Kunst machen, keine Frage, aber man darf den Bürger auch hinterfragen, wenn Handlungen oder Symbole nicht der Demokratie dienlich sind.

    • Glik
    • 23. Juli 2012 11:28 Uhr
    8. nervig

    vorneweg: Jegliche Tätowierung finde ich abstossend, denn das zeugt nicht gerade von viel Stil und ist halt irgendwie prollig.

    Andererseits: Der Mann ist dafür verpflichtet worden, gut zu singen. Wenn er das kann dann soll er das auch tun.
    Fischer konnte auch Minister werden, obwohl er mal Steine geworfen hatte.
    So what.

    Es nervt. Solange wir uns immer noch in solchem Kleinkram zerdiskutieren, haben wir die Vergangenheit noch nicht bewältigt. Das ist nach 70 Jahren aber längst überfällig. Und jedes Geschrei drumrum ist rückwärtsgewandt.
    Der Effekt ist damit eher ein Gegenteiliger.

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    ... kann der Kampf gegen faschistische Ideologien niemals sein, da er eben nicht BEENDET ist, wie die Geschichte in Bayreuth zeigt. Gerade in Russland hat man es mit einem Haufen durchgeknallter Faschisten zu tun, die auch mal Schwule und Oppositionelle auf offener Straße verprügeln, manchmal auch gemeinsam mit den Ordnungskräften.

    Ob der Sänger dieser Ideologie anhängt oder nicht, spielt doch jetzt keine Rolle mehr. Er war in Bayreuth mit diesen Symbolen - das ist die Meldung für die Propaganda der Rechten. Und was tut der Sänger jetzt - er haut ab und gibt den unwissenden.

    Die braune Truppen in Mecklenburg-Vorpommerns 'national befreiten Zonen' haben damit doch einen neuen Poster-Boy, den sie neben den aktuellen Bilder von AH aufhängen können.

    ist das ihr ernst glik? sie vergleichen einen demonstranten der ein paar steine wirft mit einem symbol und einer ideologie die 50 millionen menschen das leben gekostet hat? ewigen "schlussstrich forderern" wie ihnen sage ich nur, es war nicht vor 70 jahren. es war geschichtlich gesehen GESTERN! die opfer leben noch. die täter auch (wie wir grad an einem NS verbrecher sehen der in ungarn entdeckt wurde). leute wie sie reden so oft vom "schwamm drüber" das man glauben könnte sie NS zeit läge irgendwo zwischen cäsar und napoleon. NEIN. es wird keinen schlussstrich geben. nie!

    ist das ihr ernst glik? sie vergleichen einen demonstranten der ein paar steine wirft mit einem symbol und einer ideologie die 50 millionen menschen das leben gekostet hat? ewigen "schlussstrich forderern" wie ihnen sage ich nur, es war nicht vor 70 jahren. es war geschichtlich gesehen GESTERN! die opfer leben noch. die täter auch (wie wir grad an einem NS verbrecher sehen der in ungarn entdeckt wurde). leute wie sie reden so oft vom "schwamm drüber" das man glauben könnte sie NS zeit läge irgendwo zwischen cäsar und napoleon. NEIN. es wird keinen schlussstrich geben. nie!

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