Richie Hawtin ist beim Sónar Festival in Barcelona aufgetreten. © Sónar Festival

ZEIT ONLINE: Mister Hawtin, wie wird Musik in 50 Jahren verkauft?

Richie Hawtin: In 50 Jahren kann es viele Wege geben, Musik zu verkaufen. Vielleicht ist es aber auch die falsche Art, darüber nachzudenken. Musik ist in digitalen Medien so allgegenwärtig, vielleicht ist die Idee des physischen Verkaufs überholt.

ZEIT ONLINE: Sie glauben nicht mehr an Musik als haptisches Gut?

Hawtin: Ich muss ein Stück Musik nicht kaufen und besitzen bis ans Ende meines Lebens. Heute verstehe ich Dinge, die ich mit 24 nicht verstanden habe. Und gleichzeitig gibt es immer noch Dinge aus meiner Jugend, mit denen ich heute noch verbunden bin. Also muss es einen Weg der nutzungsbasierten Monetarisierung geben. Ich hoffe, dass Technologie uns so etwas ermöglicht.

ZEIT ONLINE: Wie genau stellen Sie sich das vor?

Hawtin: Es sollte keine physische Transaktion geben. Jeder sollte frei sein, zu hören und zu benutzen, was immer er möchte. Durch Informationstechnologie ist ohnehin schon alles mit Metadaten versehen, jeder Song hat einen ISRC-Code . Wenn man Technik einsetzt, um diese Spuren zu beobachten, könnte man für jeden speziellen Fall einen fairen Preis berechnen.

ZEIT ONLINE: Vorausgesetzt, die Datenschützer machen das mit.

Zukunft der Musik - Star-DJ Richie Hawtin: "Jeder sollte hören und benutzen, was er will"

Hawtin: Wir bewegen uns auf eine Gesellschaft zu, die jederzeit im Datenaustausch ist. Wir müssen uns soweit entwickeln, dass wir noch nicht mal mehr darüber sprechen, dass wir connected sind. Sondern: Alles ist da, alles ist sofort zur Hand.

ZEIT ONLINE: Als DJ wünschen Sie sich sicherlich ein Nutzungsrecht, das über das Hören hinausgeht.

Hawtin: In unserer Welt ist der Konsument auch ein Produzent, z.B. ein Remixer. Es sollte ein System eingeführt werden, das den Leuten ermöglicht, zuzuhören, teilzuhaben, zu remixen, auseinanderzunehmen. Andy Warhol hat Marilyn Monroes Bild genommen und Siebdrucke davon gemacht. Das muss mit Musik passieren! In 50 Jahren kann sich Kreativität hoffentlich so schnell fortbewegen, wie sie will.

ZEIT ONLINE: Was bremst Ihre Kreativität?

Hawtin: Angenommen, ich wollte eine neue Mix-CD machen und kann sie nicht herausbringen, weil mich die Lizenzierung des Materials mehr kosten würde, als ich als Preis für das Produkt verlangen könnte. In welcher Welt leben wir, wenn uns nicht gestattet ist, kreativ zu sein?

ZEIT ONLINE: Zweitnutzung scheint ein schwieriges Geschäftsmodell zu sein. Was tun Sie, um als Künstler eine Anhängerschaft zu begeistern? Stille Knöpfchendreher will keiner mehr sehen, oder?

Hawtin: Der Fortschritt der Technik hat uns Entertainer und Kreative herausgefordert. Vor zehn oder 20 Jahren bestand ein Teil unserer Kreativität allein darin, zwei Platten zu finden, die kein anderer hatte, und sie irgendwie zusammenzusetzen. Heute hat jeder dasselbe Material. Jeder kann zu Beatport oder iTunes gehen und dieselben Informationen bekommen, die ich auf der Bühne habe. Heute geht es darum, wie ich diese Informationen bearbeite, sie mische, abstimme und moduliere, sodass sie zu meinem kreativen Prozess werden.