Pianistin Valentina LisitsaDie Werbemasche mit Justin Bieber

Lustig, wie Plattenfirmen Musiker mit dem Hinweis vermarkten, sie hätten es bislang ganz ohne Plattenfirma geschafft. Valentina Lisitsa dürfte die erste Pianistin sein.

Die 39-jährige Pianistin Valentina Lisitsa aus der Ukraine

Die 39-jährige Pianistin Valentina Lisitsa aus der Ukraine

Seit einigen Wochen erscheinen massenweise Artikel über ein "Internet-Phänomen", einen "Youtube-Star" namens Valentina Lisitsa. Die Pianistin werde gern als Justin Bieber der Klassik bezeichnet, heißt es darin fast immer. Ach, ja? Und wer bezeichnet sie gern so?

Ihre Plattenfirma. Auf Klassik Akzente, einer Website des Universal-Konzerns, stand am 15. Juni, ihr YouTube-Kanal habe 53.500 Abonnenten: "Dimensionen, die an Popstar Justin Bieber erinnern, dessen globale Erfolgsgeschichte ebenfalls auf Youtube begann." Seither geistert die Referenz durch die Weltpresse, on- und offline.

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"Known as the Justin Bieber of classical music", schreiben BBC Online und Sydney Morning Herald, "La Justin Bieber de la music classique", schreibt Europe1, "Valentina Lisitsa được coi là Justin Bieber của âm nhạc cổ điển", schreibt Xaluan (was womöglich auch heißen könnte, "Valentina Lisitsa und Justin Bieber haben nichts, aber auch gar nichts gemeinsam" – kann jemand da draußen Vietnamesisch?).

Es sieht nicht so aus, als sei ein maßgebliches Medium (dieses hier eingeschlossen) von selbst auf die klassische Justine Bieber gestoßen: Alle verwenden den Begriff erst, seit Klassik Akzente Lisitsas Konzert in der Royal Albert Hall damit bewarb. Inzwischen hat es stattgefunden, ist auf CD gebrannt und bei Decca, im Universal-Konzern, erschienen. Für die Musikerin, die laut Rheinpfalz "wegen ihres Karriereschubs durch YouTube (…) gern als 'Justin Bieber der klassischen Musik' bezeichnet wird", ist dieses Album und die von ihrer Plattenfirma erwirkte Medienpräsenz der wahre Karriereschub.


Facebook-Freunde
und Twitter-Follower der Pianistin durften mitbestimmen, was sie in London spielen würde. Dabei konnte kein Programm herauskommen, das neue Horizonte eröffnen würde: eine schwere Mondscheinsonate, Chopin-Nocturnes, Liszts Liebestraum, eine flotte Für Elise, ein bisschen Skrjabin und Rachmaninow, um die beachtliche Fingerfertigkeit der Ukrainerin auszustellen.

Lisitsa, 1973 in Kiew geboren, bekam mit drei Jahren ersten Klavierunterricht und spielte mit vier ihr erstes Konzert. Sie ergatterte einen Platz an der Lysenko-Musikschule für begabte Kinder, studierte später am Konservatorium in Kiew unter Ludmilla Tsvierko. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann Alexei Kuznetsoff kennen, mit dem sie 1991 einen wichtigen Wettbewerb für Klavierduos gewann. Seit 1992 lebt das Paar in den USA. Die Pianistin beschreibt das als Ausbruch aus einem rigiden, wettbewerbsorientierten System. Eigentlich wollte sie Schachprofi werden, sagt sie im Booklet zur CD, habe sich aber dummerweise stets für die schönen, nicht für die effizienten Züge entschieden.

Dafür arbeitet sie dann doch recht effizient. Sie hat Alben und drei DVDs auf eigene Faust herausgebracht, in der Carnegie Hall, im Wiener Musikverein und mit dem Stardirigenten Lorin Maazel gespielt. In der Universal-Familie tauchte sie im Herbst 2011 als Klavierpartnerin von Hilary Hahn mit Sonaten für Violine und Klavier von Charles Ives bei der Deutschen Grammophon auf.

"Wenn ein großer Musikstar geboren wird, läuft eine riesige PR-Maschine an", sagt Valentina Lisitsa, "plötzlich sieht man dieses eine Gesicht auf Musik-Magazinen und überall, und dann fangen die Leute an, Sachen zu kaufen, auf denen dieser Name steht". Genau das passiert jetzt. Dabei will die Pianistin doch beschreiben, dass sie anders ist: "Bei mir war es genau das Gegenteil: Es kam von unten – die Leute brachten mich hoch, weil sie es wollten – und das mögen sie eben."

Leserkommentare
    • Hagmar
    • 16.07.2012 um 11:19 Uhr
    2 Leserempfehlungen
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    ...schön wie man beim Leser schon fundiertes Fachwissen über (ich vermute mal) USA-Mediengeschehnisse voraussetzt, während man bei wissenschaftlichen Artikeln bei Adam und Eva zum erklären anfängt...

    ...schön wie man beim Leser schon fundiertes Fachwissen über (ich vermute mal) USA-Mediengeschehnisse voraussetzt, während man bei wissenschaftlichen Artikeln bei Adam und Eva zum erklären anfängt...

  1. ... spielen!

  2. ...schön wie man beim Leser schon fundiertes Fachwissen über (ich vermute mal) USA-Mediengeschehnisse voraussetzt, während man bei wissenschaftlichen Artikeln bei Adam und Eva zum erklären anfängt...

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    • 15thMD
    • 27.07.2012 um 21:50 Uhr

    Man kann voraussetzen, dass Künstler mit Top-Platzierungen 7, 21, 3 in den deutschen Alben-Charts der letzten 3 Jahre, bekannt sind. Oder war ihr Beitrag, wie der erste, ironisch gemeint?

    • 15thMD
    • 27.07.2012 um 21:50 Uhr

    Man kann voraussetzen, dass Künstler mit Top-Platzierungen 7, 21, 3 in den deutschen Alben-Charts der letzten 3 Jahre, bekannt sind. Oder war ihr Beitrag, wie der erste, ironisch gemeint?

  3. ...mit einem, was?, 18 jährigen Mädchen zu vergleichen ist nicht unbedingt fair.
    Und ja, sie kann spielen...

    2 Leserempfehlungen
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    • JuGeLe
    • 16.07.2012 um 15:34 Uhr

    Bieber ist ein Junge. Aber ja, Sie haben Recht. Seltsamer Vergleich...

    • JuGeLe
    • 16.07.2012 um 15:34 Uhr

    Bieber ist ein Junge. Aber ja, Sie haben Recht. Seltsamer Vergleich...

    • eeee
    • 16.07.2012 um 12:17 Uhr

    Schopeng und Liebesträume, dachte ich im ersten Absatz, und siehe da ... Demnächst im Musikantenstadl

  4. Da steht, dass Valentina Lisitsa als Justin Bieber der Klassik angesehen wird.

  5. Liebe Zeitonline-Redaktion,
    wenn Sie von einem wahrem "Star" am Klavier, mit einem Werdegang à la Justin Bieber berichten wollen. Also ohne Label und nur der Unterstützung seiner Fans auf dem Weg nach oben ist, sollten sie sich dringend Kyle Landry widmen.

    Eckdaten: 118.219 Abonnenten!
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    • blobb
    • 22.07.2012 um 19:55 Uhr

    Der besagte Pianist macht lediglich öffentlichwirksame Musik wie etwa Filmmusik und irgendwelches neoromatisches geklingel. Das kann jeder ausgebildete Pianist Improvisieren. Gute beispiele in wesentlich beeindruckenderem Format sind etwa "Harry" (http://www.youtube.com/wa...) oder "Jarrod Radnich". Die kommen auch auf sehr hohe Klickzahlen. Tatsächlich geht es hier aber um klassische Musik und die ist bei ihrem Pianisten nicht zu finden. Und hier von einem "Star" zu reden der bestenfalls durchschnittlich Klavier spielt ist wohl leicht übertrieben. Dass man mit Gamemusik, Filmmusik, und paar Disneysongs mehr Klicksbekommt ist nicht besonderes aufregend

    • blobb
    • 22.07.2012 um 19:55 Uhr

    Der besagte Pianist macht lediglich öffentlichwirksame Musik wie etwa Filmmusik und irgendwelches neoromatisches geklingel. Das kann jeder ausgebildete Pianist Improvisieren. Gute beispiele in wesentlich beeindruckenderem Format sind etwa "Harry" (http://www.youtube.com/wa...) oder "Jarrod Radnich". Die kommen auch auf sehr hohe Klickzahlen. Tatsächlich geht es hier aber um klassische Musik und die ist bei ihrem Pianisten nicht zu finden. Und hier von einem "Star" zu reden der bestenfalls durchschnittlich Klavier spielt ist wohl leicht übertrieben. Dass man mit Gamemusik, Filmmusik, und paar Disneysongs mehr Klicksbekommt ist nicht besonderes aufregend

    • JuGeLe
    • 16.07.2012 um 15:34 Uhr
    8. Junge

    Bieber ist ein Junge. Aber ja, Sie haben Recht. Seltsamer Vergleich...

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