Musiker zur DebatteStreaming, Sampling, Urheberrecht

Wie denken progressive Popmusiker über die Zukunft der Musikbranche? In Barcelona trafen wir Fatboy Slim, Mostly Robot und Richie Hawtin zum Video-Interview. von 

Das Sónar Festival in Barcelona ist Europas größtes Treffen für elektronische Musik. Es kommen 80.000 Menschen zusammen. Da wird viel gefeiert, aber es bietet sich auch sehr gut an, um ein Stimmungsbild einzuholen. Ich wollte wissen, wie die Künstler über die aktuelle Urheberrechtsdebatte denken und welche Perspektiven sie für die Musikbranche sehen. Besonders die Meinungen von Musikern, die außerhalb Deutschlands arbeiten, sind interessant, weil sie den Blick auf die deutsche Insellösungschärfen können, die wir mit einer sehr starken Gema haben. Ich habe den Big-Beat-Veteran Fatboy Slim, den Techno-DJ Richie Hawtin und die neue Allstar-Band Mostly Robot getroffen. Die erste Frage war ein Steilpass: Wer hat schon mal illegal Musik heruntergeladen?

Jeremy Ellis: Klar, hab ich das schon mal gemacht. Und da ist man dann hin- und hergerissen. Wir alle haben Tonnen von Vinyl. Und viele meiner Platten habe ich im 1-Dollar-Laden gekauft. Meine ganze Earth-Wind-And-Fire-Sammlung hab ich natürlich nicht neu gekauft, ich war damals noch nicht mal auf der Welt. Also ich hab das bereits gebraucht gekauft und jetzt gehört mir diese ganze Musik. Oder vielleicht hast du den vollen Preis für eine CD bezahlt und fragst Dich dann: Soll ich mir das Ganze noch mal online kaufen? Das ist eine gute Entschuldigung, um dich besser dabei zu fühlen, wenn du einen Haufen Musik klaust. Aber ehrlich, ich hab mir das schon vor langer Zeit abgewöhnt.

DJ Shiftee: Ich bin DJ, also gehört es zu meinem Job, mir jede Woche Hunderte von neuen Songs zu besorgen. Ich brauche unbedingt neue Musik. Wenn Künstler nicht auf einer dieser Websites wie Beatport oder iTunes sind, haben sie einen großen Nachteil. Für mich sind das die wichtigsten Musikfundi. Mir wurde es zu zeitaufwändig, illegal Musik herunterzuladen. Ich brauche einen guten Song in guter Qualität ohne komische Stimmen drüber, keinen Radiomitschnitt, nicht beschädigt. Für mich ist es einfach viel effizienter, auf eine Website zu gehen und für die 320kBit/s-Mp3 zu bezahlen.

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Fatboy Slim: Ich stand auf beiden Seiten des Zauns. Ich habe Leute gesampelt und wahrscheinlich ihr Urheberrecht missachtet und einige Male hab ich teuer dafür bezahlt. Gleichsam würde ich nicht wollen, dass mich jemand um den Wert meiner Musik betrügt. Dahinter stehen eine moralische Frage und eine ökonomische Frage.

Richie Hawtin: In unserer Welt ist der Konsument auch ein Produzent, z.B. ein Remixer. Ich meine damit nicht nur, dass Leute einen Song anhören oder ein Video ansehen. Es sollte ein System eingeführt werden, dass den Leuten ermöglicht, zuzuhören, teilzuhaben, zu remixen, auseinanderzunehmen. Das ist wie mit Andy Warhol und einiger seiner berühmtesten Bilder. Er hat Marilyn Monroes Bild genommen und Siebdrucke davon gemacht. Das muss mit Musik passieren! In 50 Jahren kann sich Kreativität hoffentlich so schnell fortbewegen, wie sie will.

Eine Alternative zum Download ist sicherlich das Streaming-Format. Seit einigen Monaten gibt es Spotify auch in Deutschland. Man zahlt eine Abo-Gebühr und hat dann werbefreien Zugang zur Musik. Ob sich das für die Künstler wirklich lohnt, ist fraglich. Den praktischen Allzeitkonsum von Musik haben Streaming- und Subskriptionsangebote sicherlich befeuert.

Ellis: Ich mag das Subskriptionsmodell.

Mr Jimmy: Mit dem Subskriptionsmodell fühlst Du Dich nicht wie ein totales Arschloch. Ich bin auf Spotify und zahle dafür. Und ich lade nichts illegal herunter. Ich will ja auch Geld verdienen.

Jamie Lidell: Es ist komisch, wenn Du für Spotify nichts bezahlst. Nichts von dieser ganzen Musik gehört Dir. Sie verdunstet einfach. Das ist ein bisschen traurig.

Mr Jimmy: Selbst wenn ich aufhörte, zu bezahlen, hätte ich es nicht mehr. Also haben sie dich für immer am Haken. Aber so arbeiten auch die Mobilanbieter.

Lidell: Ok. Aber wenn Du dann als Musiker Deine Tantiemen haben möchtest, glaubst Du, das funktioniert mit Spotify? Der Manager der Black Keys lässt nicht zu, dass die Band auf Spotify ist, genau aus dem Grund.

Ellis: Ich glaube, man bekommt lächerliche ein Prozent oder so.

Lidell: Mir ist es ein Rätsel, wie sich das rechnen soll.

Timothy Exile: Viel kommt da im Moment noch nicht zurück.

Lidell: Klingt gut für Spotify, aber nicht für den kleinen Mann.

Exile: So ist es mit Startups. So etwas aufzubauen ist sehr teuer und da fließt dann das Geld rein, um die Firma am Leben zu halten.

Da schließt sich die Frage an, wie Musiker eigentlich noch Geld verdienen können. Die wenigsten leben von ihren Tonträgerverkäufen.

Lidell: Es verschiebt sich alles in Richtung Publishing. Das bedeutet fast, dass die Studioaufnahme weniger wert ist als die Verlagsrechte.

Mr Jimmy: So ist es in Nashville , wo ich wohne. Eine große Stadt der Songwriter und der Urheberrechte. Als ich anfing, hat mir jeder gesagt: Nur im Publishing kannst du Geld machen.

Fatboy Slim: Verlasst Euch nicht auf Platten- oder Downloadverkäufe für Euren Unterhalt! Erstens zahlen viele gar nicht dafür. Zweitens sind die Tantiemen heute so gering, davon kann man nicht leben. Das Geld, das man mit dem Schreiben und Aufführen von Musik verdienen kann, kommt aus dem Konzertbereich oder der Lizenzierung in Filmen, Werbespots, Computerspielen. Da ist Geld zu holen, da kann man Tantiemen eintreiben. Tonträger sind heute nur noch die Visitenkarte.

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