Amanda Palmer hat mehr als 600.000 Follower auf Twitter. © Shervin Lainez

ZEIT ONLINE: Frau Palmer , Sie haben von Ihren Fans einen Vorschuss von 1,2 Millionen Dollar für Ihr neues Album erhalten. Warum machen die das?

Amanda Palmer: Schwierige Frage. Um es auf eine Formel zu bringen: Die Leute vertrauen mir. Warum geben sie das ganze Geld her, noch bevor sie die Musik gehört haben? Warum geben sie mir Geld, obwohl sie vier Monate darauf warten müssen, etwas in der Hand zu halten? Sie haben mich zwölf Jahre lang beobachtet. Nur Zeit und eine gemeinsame Beziehung können so ein Vertrauen wachsen lassen.

ZEIT ONLINE: Was haben Sie für das Vertrauen getan?

Palmer: Es ist das Ergebnis vieler Jahre, in denen ich getourt bin, meine Fans getroffen habe und es ihnen leicht gemacht habe, mich zu unterstützen.

ZEIT ONLINE: Den Vorschuss haben Sie selbstständig über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter gesammelt, ohne eine Plattenfirma. Kritiker sagen, das habe nur so gut funktioniert, weil eine große Plattenfirma sie einst berühmt gemacht hat als Teil der Dresden Dolls .

Palmer: Recht haben sie.

ZEIT ONLINE: Kann Crowdfunding denn überhaupt für junge, aufstrebende, noch unbekannte Künstler funktionieren?

Palmer: Es ist nicht für jeden etwas. Aber es gibt eine Menge junger Musiker, die sehr kleine örtliche Fangruppen haben und mit Crowdfunding Großes erreichen. Und es gibt andere Künstler, die wie ich aus ihren alten Verträgen mit Major Labels geflüchtet sind, aber mit Social Media nichts am Hut haben und nicht in der Nebensaison rumfahren, ihre Fans treffen und Aufbauarbeit machen. Einige von denen haben früher Millionen Platten verkauft, wollten ein Comeback auf eigene Faust versuchen und sind dann mit Crowdfunding auf die Nase gefallen.


ZEIT ONLINE:
Im Video zu Ihrer Kickstarter-Kampagne halten sie ein Schild in die Kamera: " We are the media. " Was meinen Sie damit?

Palmer: Menschliche Individuen haben den Klammergriff der alten Medien gelockert. Künstler, Musiker und andere Kreative mussten sich an die Medien versklaven, um überhaupt irgendeine Botschaft an die Menschen senden zu können. Jetzt können wir unsere Nachrichten direkt an die Leute schicken, die sie hören wollen. Und darüber hinaus ist jeder Empfänger dieser Nachricht in der Lage, sie weiter zu verbreiten über seine eigenen Netzwerke. Also sind wir buchstäblich die Medien. Die Nachrichten liest man nicht mehr auf der Titelseite der Zeitung. Man bekommt sie über den Twitterfeed der Freunde. Das hat die Welt verändert.

ZEIT ONLINE: Also können die sogenannten alten Medien einpacken?

Palmer: Nein, sie sind immer noch sehr nützlich. Wenn sie klug sind, agieren sie als kritischer Filter. Ein schlechter Journalist sagt dir, was du denken sollst. Ein guter informiert und bildet dich, vermittelt dir einen Kontext.

ZEIT ONLINE: Kann man überhaupt noch zwischen der Online- und der Offlinewelt unterscheiden?

Amanda Palmer: Das Leben ist fundamentalerweise offline. Wir sind keine Computer, wir sind Menschen. Die wirklich erfolgreichen Künstler schaffen eine organische Einheit von ihrem menschlichen Selbst und ihrer Internetpräsenz.

ZEIT ONLINE: Sie und Ihr Ehemann, der Science-Fiction-Autor Neil Gaiman, haben beide sehr früh Social Media für sich entdeckt. Fühlen Sie sich jetzt wie Netzaktivisten, die anderen eine frohe Kunde bringen?

Palmer: Nein, ich glaube, ich muss kein Netzaktivist sein, weil das Internet nur ein Werkzeug ist. Ich benutze ein Telefon und einen Kühlschrank, aber ich muss nicht mit jedem darüber reden, wie fantastisch das ist. Ich finde es wichtiger, ein Beispiel vorzuleben. Ich muss Internet nicht bewerben, dem gehts gut.