Ein Leichtmatrose in Quarantäne: Tobias Jundt alias Kaiser Bonaparte © Melissa Hostetler

ZEIT ONLINE: Herr Jundt, Sie sind Kaiser und Chef der Band Bonaparte. Wie regiert sich so ein bunter Haufen?

Tobias Jundt: Mit einem Zauberstab! Ein demokratischer Gemüsegarten im Schwebezustand unter Dauerobservation des Souveräns.

ZEIT ONLINE: Seit sechs Jahren ziehen Sie mit dieser Entourage aus Tänzern und Musikern durch die Konzerthallen der Welt. Ihre Strategie scheint erfolgreich zu sein.

Jundt: Wir hatten sehr lange Zeit keinen Roadie und haben noch immer keinen Manager. Aber mittlerweile ist der Kahn zu einem familiären Ozeandampfer mit Crew herangewachsen, der den Eisbergen trotzt.

ZEIT ONLINE: Hat das mit dem Wechsel vom kleinen Label Staatsakt zu Warner zu tun?

Jundt: Warner nimmt die Platte, wenn sie fertig ist, und bringt sie mit seinem Pferdewagen auf den Markt. Staatsakt ist nach wie vor unser Label, aber wir wollten neue Wege gehen und deshalb kümmert sich Warner nun um den Vertrieb und hilft bei der Vermarktung.

ZEIT ONLINE: Und Bonaparte kann sich auf die aufwändigen Liveshows konzentrieren.

Jundt: Die Konzerte halten die Maschine am Laufen und sind unser Lebenselixier. Wir leben für den Live-Moment. Mit CD-Verkauf haben wir ohnehin nie Geld gemacht. Alles, was reinkam, ging wieder in die Promotion oder in schöne farbige Vinyl-Auflagen.

ZEIT ONLINE: Angesichts Ihrer großen internationalen Fangemeinde ist das erstaunlich. Und traurig.

Jundt: Traurig und schön zugleich. In Russland besitzt keiner im Publikum diese CD, denn es gibt sie da ja gar nicht. Wir sind Idealisten. Wir machen das, weil wir seit dem Kindergarten wissen, dass wir ein bisschen komisch sind und nach etwas gesucht haben, mit dem wir uns ausdrücken können.


ZEIT ONLINE:
Es gab in den vergangenen Monaten viel Kritik an der sogenannten Content-Mafia, zu der auch die großen Plattenfirmen gezählt werden. Wie passen Warner und Ihr Idealismus zusammen?

Jundt: Wohl wie ein Fisch und ein Fahrrad. Aber man sollte aufeinander zugehen. Die Majors von heute heißen ohnehin Amazon und iTunes . Diese ganze Fragestellung ist etwas verstaubt. Wer überhaupt noch bei einer Plattenfirma arbeitet, der unterstützt Musik. Das macht man nicht mehr, weil man darauf hofft, mit Madonna im Champagner baden zu dürfen. Wir arbeiten alle zusammen und versuchen etwas zu reißen, jeder auf seine Art.

ZEIT ONLINE: Dennoch kann ein System nicht ganz gesund sein, in dem eine bekannte Indieband gerade mal ihre Kosten decken kann.

Jundt: Ungesund ist vieles. Natürlich ist der Gedanke etwas unappetitlich, dass YouTube mit Werbung Millionen macht, aber das Volk den Inhalt frei Haus liefert. Und natürlich geht bei vielen großen Organisationen wie eben auch den Verwertungsgesellschaften ganz viel Geld dorthin, wo es eigentlich nicht hingehen sollte. Denn die sind alle in einer Zeit entstanden, als die Welt noch ganz anders aussah und andere Musikrichtungen oder Konsum- und Verwertungsformen wichtig waren. Und auch wenn die Welt per se nicht fair ist, muss man dagegen ankämpfen und zeitgemäße Lösungen finden.

ZEIT ONLINE: Wenn Sie ohnehin nur an den Konzerten verdienen, könnten Sie doch die Musik auch der Allgemeinheit frei zur Verfügung stellen.

Jundt: Dieser Ansatz geht nicht auf. Nicht alle Musiker genießen das Glück, auch live auf einen grünen Zweig zu kommen. Anders gesagt: Der Pizzabäcker verdient, aber der Tomatenlieferant nicht? Ich selbst als Konsument finde den Ansatz natürlich sehr gut, dass alles immer und jederzeit zugänglich und, wenn möglich, frei sein sollte. Es ist eine Errungenschaft unserer Zeit, dass dies möglich ist und gilt als Lebensqualität. Es braucht aber ein entsprechend zukunftsfähiges Umdenken im System.

ZEIT ONLINE: Das neue Album heißt Sorry, We're Open – eine Allegorie auf die technologische Gegenwart?

Jundt: Als Künstler hat man ein Leben lang Öffnungszeiten wie beim Spätkauf. Mittlerweile leben wir alle in diesem netten Wahnsinn. Damit müssen wir umgehen lernen.