Kollaboration ist ein zwiespältiges Wort. Es klingt nach Opportunismus und Verrat, nicht nur im Krieg, aber besonders dort. Kollaborateure sind da jene, die mit Feinden anbändeln. Um ihren Kopf aus der Schlinge zu ziehen, um durchzukommen, zu überleben. Klingt menschlich, aber sympathisch klingt es nicht.

Umso erstaunlicher, dass der Begriff gern auf die Popmusik übertragen wird. Kollaborateure sind darin allerdings jene, die mit Gleichgesinnten anbändeln – um ihren Horizont zu erweitern, um durchzupusten, zu wachsen. Anders als im Krieg hat die Musikkollaboration also einen guten Klang, was keineswegs heißt, der Kollaborateur würde dabei nicht seinen Kopf aus der Schlinge ziehen. Mal durchpusten. Überleben gar.

Bei jemandem wie Nils Koppruch könnte man das nämlich denken. Wenn sich der nölende Kustos independenten Countrys mit dem steil aufsteigenden Gisbert zu Knyphausen zusammentut. Kid Kopphausen heißt ihr Duo auf Zeit. Es ist eine gelungene, zwar wenig kantige, bisweilen gefällige, aber stets hörbare und sehr gediegene Sicht auf die Berührungspunkte zweier Poeten des Pop.

Im Erfolgsfall dürfte es dem ergrauenden Wolf am Rande der 50 mehr helfen als seinem 15 Jahren jüngeren Epigonen. Denn Knyphausen hat es in Windeseile zu dem gebracht, worauf Koppruch wohl ewig wartet: messbarer Erfolg, der sich nicht in Street Credibility erschöpft, sondern in Tantiemen und Radiopräsenz. Als seine Band Fink 1996 die Americana mit deutschen Texten in Hamburgs wählerische Indieszene schleuste, bastelte der kleine Gisbert noch an der Reifeprüfung fürs (später abgebrochene) Studium der Musiktherapie; und als der Profi den Rookie sechs Alben später ins Vorprogramm seiner Solotour holte, reichte von Knyphausen grad sein erstes Demotape in die Nische alternativen Folkpops.

Doch während der Newcomer heute, gesteht er still, sogar seine Leute gut bezahlen könne von dem, was er mit zwei Alben erreicht hat, schiebt Nils Koppruch in seinem Hamburger Hinterhofstudio die Augenbrauen hoch und sagt fröhlich, er versuche "die ganze Zeit von irgendwas zu leben", was dem Familienvater ohne die Malerei, Kategorie Art Brut , die er unterm Pseudonym SAM gut verkauft, jedoch misslinge.

Und das ist nicht die einzige Differenz zweier Unikate, die sich als leicht (Knyphausen) und schwer (Koppruch) entflammbar bezeichnen, als weltschmerzgetriebener versus nüchterner Beobachter, Geschichtenerzähler mit alter Schreibabneigung hier und verkannter Schriftsteller mit Hang zum Kryptischen dort. Der größte Unterschied lässt sich an einem Namen ablesen: Gisbert Wilhelm Enno Freiherr zu Innhausen und Knyphausen. "Ich lerne oft neue Ahnen kennen", erinnert er sich an ein Buch über friesische Adelsgeschlechter. Wie diesen Söldner, der im amerikanischen Bürgerkrieg George Washington bekämpfte. "Hochspannend", sagt der junge Mann mit der zauseligen Eleganz und blickt scheu rüber, zum Älteren von noch zauseligerer Eleganz.

Dessen Vorfahren waren Weber, er lächelt standesbewusst, "das Ärmste vom Armen", aufgestiegen zu Handwerkern. Etwas höher also, "aber weit unter Gisberts Sippe". So sitzen sie sich gegenüber, zwei Männer in gebrauchten Anzügen: Gisbert zu Knyphausen, geboren auf einem Weingut im Rheingau, nicht reich, aber reich an Platz, wie er sagt. Und Nils Koppruch, hanseatisches Kleinbürgertum. Null Privilegien, Normalität. Früher hätten sie getrennte Welten bewohnt, heute bilden sie ein Duett der Extraklasse.

Rekorder - ZEIT ONLINE Rekorder: Gisbert zu Knyphausen Gisbert zu Knyphausen spielt: "Melancholie"

Denn Kid Kopphausen vereint zwei wortgewaltige Dichter deutschen Pops, die jedes ihrer 13 Stücke zu Happenings von Wortwitz, Poesie und Doppelbödigkeit machen, zu etwas, das beide erstaunlich uneitel "Rock" nennen. Ihr robust instrumentiertes Projekt mag das Singer/Songwriting nicht neu erfinden, doch es ist eines mit der Kraft, die Gegensätze zweier Individuen so lange zu verrühren, bis eine Tonalität entsteht, die sich nicht in analoger Nostalgie erschöpft, sondern DIY und Muckertum zum Ausdruck leidenschaftlicher Beharrlichkeit erhebt. Vor allem aber ist es der Beleg, dass Musik zusammenführt, was sich sonst fremd bliebe.