Klassik-RemixeMut ist der beste Rekomponist

Wer Mozart oder Vivaldi einen modernen Klang geben will, steht vor großen Aufgaben. Zwei CD-Aufnahmen zeigen, wie so ein Projekt in die Hose oder ans Herz gehen kann.

Der Dirigent André de Ridder, der Komponist Max Richter und der Geiger Daniel Hope haben Vivaldis Jahreszeiten bearbeitet.

Der Dirigent André de Ridder, der Komponist Max Richter und der Geiger Daniel Hope haben Vivaldis Jahreszeiten bearbeitet.

Ja, irgendwie machen Max Richter und Stefan Obermaier das Gleiche. Ein Pariser Couturier macht ja auch irgendwie das Gleiche wie ein Patchwork-Kurs an der Volkshochschule Schwarzach im Pongau: auseinanderschneiden, neu zusammennähen. Richter und Obermaier gemein ist auch die Provenienz des Stoffes, den sie sich für ihre Kreationen gesucht haben, Sammelbegriff: Klassik. Das war's aber auch schon.

Obermaier, wie weiland Mozart aus dem Salzburger Land nach Wien gezogen, nahm für den Austria-Zweig der Plattenfirma Universal schon 2005 ein Album namens iMozart auf, das ihm in Österreich eine Goldene Schallplatte (ja, das heißt noch so) einbrachte. 2008 legte er Beethoven Reloaded nach, jetzt kommt Mozart Reloaded.

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Der Elektroniker durfte sich, wie die Werbung betont, aus dem ganzen großen Archiv der Universal-Familie (Decca, Philips, Deutsche Grammophon) bedienen. Er hat trotzdem mit Nachtmusik, Alla Turca, Jupiter-Sinfonie und der Vierzigsten gängige Schlager des ewigen Jugendlichen unter den Wiener Klassikern unter seinen neun Tracks. Sein Auswahlverfahren erklärt Obermaier so: "Ich komme ja nicht aus der Klassik, darum ist mein Zugang zu dem Material ein ganz anderer als der des klassischen Musikers. Ich habe die Teile, die ich verwendet habe, nicht nach interpretatorischen Ansätzen ausgewählt, sondern intuitiv nach dem Sound."

Der Musiker Stefan Obermaier

Der Musiker Stefan Obermaier

Tja, und dann flickt er halt mit groben Stichen die Versatzstücke aus Figaro-Arie und Requiem-Lacrimosa auf stumpfbeatige Dancefloor-Klischees wie Pailletten aufs Revers. Wenn es ihm gar zu schwer wird, die Dynamiken eines klassischen Orchesters seinem sturen Beats-pro-Minute-Diktat zu unterwerfen, unterbricht sich Obermaier mal kurz und lässt ein paar Takte Mozart pur klingen. Ist ja auch gut für den Wiedererkennungswert.

Dass es anders geht, zeigt schon länger die Reihe Recomposed, die ebenfalls im Hause Universal erscheint – allerdings beim klassischen Edel-Label Deutsche Grammophon. Die jüngste Ausgabe stammt von Max Richter, einem studierten Komponisten und Pianisten. Mit seinem Klaviersextett Piano Circus hat er unter anderem Musik von Arvo Pärt, Brian Eno, Philip Glass und Steve Reich gespielt, später mit dem Electronika-Kollektiv Future Sound of London und der Drum-and-Bass-Band Reprazent gearbeitet. Er komponiert für Sinfonieorchester und Elektronik gleichermaßen.

Auch Richter hat sich einen bis zur Fadenscheinigkeit durchgesessenen Stoff ausgesucht: die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi. Sein Umgang mit dem Goldbrokat ist wenig zimperlich: Er schneidet mal längs, mal quer durch die Partitur, um aus passgenauen Stücken – Motiven, Motivabschnitten, einzelnen Tönen – Neues maßzuschneidern. Anders als Obermaier und anders als frühere Bearbeiter aus der Recomposed-Reihe setzt er nicht die digitale Schere an Archivaufnahmen: Diese Ausgabe ist eine echte Neuaufnahme.

Richter beruft sich auf Vorbilder wie Reich und Glass: Vivaldis Komposition, sagt er "besteht aus Mustern, sogenannten Patterns, ich erkannte in ihr Grundlagen, derer sich später im 20. Jahrhundert auch die Minimal Music bediente“. Ihm als "Post-Classical-Komponist" biete dieses Material "unzählige Inspirationsquellen". Manche der Richterschen Einschreibungen in den Notentext ist so behutsam, dass ein akustisches Illustriertenrätsel entsteht: Finden sie die Unterschiede. Andere Passagen klingen, als holpere eine bös zerkratzte Vivaldi-CD im Abspielgerät. Und in wieder anderen bleibt kaum ein Ton auf dem anderen.

Alben & Konzerttermin

Stefan Obermaier: Mozart Reloaded (Emarcy/Universal)
Recomposed by Max Richter: Vivaldi – The Four Seasons (Deutsche Grammophon). Das Album erscheint am 31. August. Am 4. September tritt Richter mit Daniel Hope, André de Ridder und dem Kammerorchester Berlin im Berliner Berghain auf und am 20. September beim Hamburger Reeperbahnfestival.

Der Unterschied zwischen Obermaier und Richter ist aber nicht, dass der eine im Studio gearbeitet, der andere neue Noten aufgeschrieben hat und sie vom Geiger Daniel Hope und dem Kammerorchester des Konzerthauses Berlin einspielen ließ. Auch Richter loopt und sampelt, nur eben auf Notenpapier. Der Unterschied ist, dass Richter am Material entlang arbeitet und es nicht wie Obermaier den eigenen abgeschmackten Klangideen opfert. Vivaldis Vögel zwitschern noch, die Hitze flirrt, der Donner grollt. Der Vivaldi fürs 21. Jahrhundert – ein idealer Begleiter durch das Jahr.

 
Leserkommentare
  1. Dem Autor sei The Electric V, die computerakustische Bearbeitung der Jahreszeiten durch Thomas Wilbrandt empfohlen. Dürfte so von 1985 sein. Das hat Maßstäbe gesetzt, an denen sich Max Richter messen lassen müsste.

  2. ...kann ich die Platte "The five Seasons" von Eddie Daniels sehr empfehlen. Die erste Violine ist hier eine Klarinette und die immer mal wieder auftretenden Eskapaden in gefühlvollen oder furiosen Jazz vertragen sich m.E. mit dem Werk.

  3. Ich dachte ich hätte nun wirklich oft genug die Vier Jahreszeiten gehört. Aber Richter hat wirklich einen inspirierten neuen Ansatz . Eine sehr erfreuliche neue Erfahrung.

  4. Sehr schön - es flirrt und zwitschert, dass es eine Freude ist. Da hätte Antonio sicher auch seinen Spaß dran...

  5. Vivialdis "Vier Jahreszeiten" recomposed ist wirklich toll. Der Ausschnitt klingt wirklich frisch, es trillert und zwitschert der Frühling. Ich bin sehr gespannt auf das Album!!
    Danke für diesen tollen Hinweis.

    http://www.youtube.com/wa...

  6. Zitat: … mein Zugang zu dem Material [ist] ein ganz anderer als der des klassischen Musikers. Ich habe die Teile, die ich verwendet habe, nicht nach interpretatorischen Ansätzen ausgewählt, sondern intuitiv nach dem Sound."

    Ich tendiere auch partiell zur Ansicht, dass in manchen Bereichen (z. B. Musik) nicht ausschließlich nur eine gute Kennersthaft, sondern vielleicht auch (unter Laien) ein inneres Intuitionsgefühl zählt und manchmal zu einem guten Ergebnis führen kann. Man muss nicht alles (zu 100 Prozent) rational begreifen, manche Dinge sprüht man einfach.

    Dieses Gefühl - etwas genau zu wissen, ohne tatsächlich zu kennen - ist obenhin schwierig (in erster Linie den etablierten Meistern gegenüber) zu erklären. Man könnte es folgendermaßen ausdrücken: „Mein Bauchgefühl sagt, es ist so und so“. Übrigens, für manche Menschen mit einer scharfen und überwiegend kongruent-rationalisierten Wahrnehmungsperspektive mag es nach einer „Zauberei und Alchimie“ klingen - da sie vielleicht bei Betrachtungen an eine rein logische Erklärung gewöhnt sind. Aber nicht jede Handlung muss doch logisch gesteuert sein, besonders nicht in der Kunst... Es kann auch ein bestimmter Raum für die spontane Kreativität bleiben.
    ...

  7. ...
    Mit anderen Worten: ob eine wohlklingende musikalische Tonfolge bei einem Stück entsteht – entscheidet nicht nur der rationale Kopf, sondern auch die Gefühle. Da die Musik sehr wohl mit Emotionen zu tun hat → empfinde ich die von dem Autor beschriebene intuitive Vorgehensweise als durchaus plausibel.

    PS
    Ich habe mir die beiden oben erwähnten Stücke angehört. Bei dem ersten Stück fad ich die Idee gut, nur der Klang der Neuversion erschien ein bisschen zu mechanisch. Das zweite Stück - The Four Seasons, eine Vivaldi´s Re-Kreation von Herrn Richter- wirkte mehr melodisch und ausgegliechen. (Allerdings braucht ein "klassisches Ohr" eine bestimmte Angewöhnung, um außer Klassik und Jazz auch eine weitere alternative Interpretation zu begreifen. :)

    PS
    Meine Einschätzung der beiden Kompositionen ist allerdings subjektiv. Manche anderen musik-affinen Menschen können es auch anders interpretieren; am Ende ist es oft die Frage der Gewohnheiten oder Musikpräferenzen.
    MfG

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