Ja, irgendwie machen Max Richter und Stefan Obermaier das Gleiche. Ein Pariser Couturier macht ja auch irgendwie das Gleiche wie ein Patchwork-Kurs an der Volkshochschule Schwarzach im Pongau: auseinanderschneiden, neu zusammennähen. Richter und Obermaier gemein ist auch die Provenienz des Stoffes, den sie sich für ihre Kreationen gesucht haben, Sammelbegriff: Klassik. Das war's aber auch schon.

Obermaier , wie weiland Mozart aus dem Salzburger Land nach Wien gezogen, nahm für den Austria-Zweig der Plattenfirma Universal schon 2005 ein Album namens iMozart auf, das ihm in Österreich eine Goldene Schallplatte (ja, das heißt noch so) einbrachte. 2008 legte er Beethoven Reloaded nach, jetzt kommt Mozart Reloaded .

Der Elektroniker durfte sich, wie die Werbung betont, aus dem ganzen großen Archiv der Universal-Familie (Decca, Philips, Deutsche Grammophon) bedienen. Er hat trotzdem mit Nachtmusik , Alla Turca , Jupiter-Sinfonie und der Vierzigsten gängige Schlager des ewigen Jugendlichen unter den Wiener Klassikern unter seinen neun Tracks. Sein Auswahlverfahren erklärt Obermaier so: "Ich komme ja nicht aus der Klassik, darum ist mein Zugang zu dem Material ein ganz anderer als der des klassischen Musikers. Ich habe die Teile, die ich verwendet habe, nicht nach interpretatorischen Ansätzen ausgewählt, sondern intuitiv nach dem Sound."

Der Musiker Stefan Obermaier © Universal Music

Tja, und dann flickt er halt mit groben Stichen die Versatzstücke aus Figaro -Arie und Requiem -Lacrimosa auf stumpfbeatige Dancefloor-Klischees wie Pailletten aufs Revers. Wenn es ihm gar zu schwer wird, die Dynamiken eines klassischen Orchesters seinem sturen Beats-pro-Minute-Diktat zu unterwerfen, unterbricht sich Obermaier mal kurz und lässt ein paar Takte Mozart pur klingen. Ist ja auch gut für den Wiedererkennungswert.

Dass es anders geht, zeigt schon länger die Reihe Recomposed , die ebenfalls im Hause Universal erscheint – allerdings beim klassischen Edel-Label Deutsche Grammophon. Die jüngste Ausgabe stammt von Max Richter , einem studierten Komponisten und Pianisten. Mit seinem Klaviersextett Piano Circus hat er unter anderem Musik von Arvo Pärt, Brian Eno , Philip Glass und Steve Reich gespielt, später mit dem Electronika-Kollektiv Future Sound of London und der Drum-and-Bass-Band Reprazent gearbeitet. Er komponiert für Sinfonieorchester und Elektronik gleichermaßen.

Auch Richter hat sich einen bis zur Fadenscheinigkeit durchgesessenen Stoff ausgesucht: die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi . Sein Umgang mit dem Goldbrokat ist wenig zimperlich: Er schneidet mal längs, mal quer durch die Partitur, um aus passgenauen Stücken – Motiven, Motivabschnitten, einzelnen Tönen – Neues maßzuschneidern. Anders als Obermaier und anders als frühere Bearbeiter aus der Recomposed -Reihe setzt er nicht die digitale Schere an Archivaufnahmen: Diese Ausgabe ist eine echte Neuaufnahme.

Richter beruft sich auf Vorbilder wie Reich und Glass: Vivaldis Komposition, sagt er "besteht aus Mustern, sogenannten Patterns, ich erkannte in ihr Grundlagen, derer sich später im 20. Jahrhundert auch die Minimal Music bediente“. Ihm als "Post-Classical-Komponist" biete dieses Material "unzählige Inspirationsquellen". Manche der Richterschen Einschreibungen in den Notentext ist so behutsam, dass ein akustisches Illustriertenrätsel entsteht: Finden sie die Unterschiede. Andere Passagen klingen, als holpere eine bös zerkratzte Vivaldi-CD im Abspielgerät. Und in wieder anderen bleibt kaum ein Ton auf dem anderen.

Der Unterschied zwischen Obermaier und Richter ist aber nicht, dass der eine im Studio gearbeitet, der andere neue Noten aufgeschrieben hat und sie vom Geiger Daniel Hope und dem Kammerorchester des Konzerthauses Berlin einspielen ließ. Auch Richter loopt und sampelt, nur eben auf Notenpapier. Der Unterschied ist, dass Richter am Material entlang arbeitet und es nicht wie Obermaier den eigenen abgeschmackten Klangideen opfert. Vivaldis Vögel zwitschern noch, die Hitze flirrt, der Donner grollt. Der Vivaldi fürs 21. Jahrhundert – ein idealer Begleiter durch das Jahr.