Navid KermaniBefreit Bayreuth!

Damit die Festspiele das Versprechen einlösen, das die Musik Wagners gibt, genügt es nicht, an dieser oder jener Inszenierungsschraube zu drehen. Die Aufführungspraxis muss sich ändern. von Navid Kermani

Um meinen Eindruck von den Festspielen zu schildern, muss ich mit der Vorgeschichte meines Besuchs beginnen. Zu nichts Geringerem ruft der vorliegende Text nämlich auf, als Bayreuth von den Ketten zu befreien, in die Richard Wagner sein Werk zugegeben selbst gelegt hat. Für die Vermessenheit, mit Dogmen der Aufführungspraxis zu brechen, die über alle Zeitläufe und inszenatorischen Revolutionen hinweg seit mehr als hundert Jahren heilig gehalten werden, kann es zusätzlich zur Liebe, die für jede Häresie vorausgesetzt werden mus, nur zwei Rechtfertigungen geben: die intimste Kennerschaft oder die äußerste Naivität.

So häufig ich klassische Konzerte besuche, von der Oper hielt ich immer Abstand, den größten vor Richard Wagner. Die wenigen Bilder, die ich von Wagneropern vor Augen, genauso wie die Musikfetzen, die ich im Ohr hatte, stießen mich in ihrem schwülstigen Bombast ab. Das angebliche Wort von Roger Waters , dass Wagner heute mit Pink Floyd arbeiten würde, erschien mir überaus einleuchtend, nur interessierte mich Pink Floyd nicht mehr, seit Waters mit den vergleichsweise beschränkten Mitteln der Rockmusik totale Kunst herzustellen versucht hatte. Wagners Germanenglorie, Wagners Judenfeindschaft und Wagners Rezeptionsgeschichte, dieser ganze deutsche Schmu, den ich mit Bayreuth assoziierte, taten ein Übriges, um mich in meiner Ignoranz zu bestärken.

Anzeige

Dann erhielt ich im vergangenen Jahr Karten für zwei Aufführungen in Bayreuth. Ich weiß schon nicht mehr genau, mit welchen Erwartungen ich mich auf den Weg machte, es war sicher Neugier dabei und auch so etwas wie Pflichtgefühl, einen wichtigen Ort der deutschen Kultur kennenzulernen. Begeisterte Vorfreude war es jedenfalls nicht oder wenn überhaupt nur darauf, nebenher das Bayreuther Wohnhaus von Jean Paul zu besichtigen.

Kermani in Bayreuth
Kermani in Bayreuth

Nach Jonathan Meese, Michel Houellebecq und Patti Smith hat der Schriftstller Navid Kermani für DIE ZEIT die Bayreuther Festspiele besucht. Auf ZEIT ONLINE lesen Sie die ungekürzte Fassung seines Textes. Kermani lebt in Köln. Zuletzt erschien sein großer Roman Dein Name (Carl Hanser Verlag).

Als ich jedoch auf einem der berüchtigten Holzstühle des Festspielhauses saß, geschah bereits im Laufe des ersten Aktes etwas Merkwürdiges: Ich flippte regelrecht aus. Ja, wenn die Sitzreihen nicht so eng gewesen wären, hätte ich wahrscheinlich den Kopf nach unten und nach oben gerissen wie auf einem Rockkonzert, so elementar physisch durchdrang mich die Musik des Tannhäuser , so sehr rissen mich vor allem die finalen Passagen mit, wenn Orchester, Sänger und Chor sich in einen orgiastisch wirkenden, jedoch bis in die zierlichsten Einzelklänge wundersam austarierten Orkan steigerten. Das war, um noch einmal den angeblichen Satz aufzunehmen, das war, wie Pink Floyd klänge, wenn Roger Waters annähernd so gut komponieren würde wie Richard Wagner.

Warum passen Bild und Musik bei Wagner-Aufführungen nie zusammen?

Allein, das Gefühl, vom Höreindruck überwältigt zu werden, war nicht alles – überwältigt mit all der Ambivalenz, die im Wortsinn liegt, durchaus auch irritiert, ja mitunter abgestoßen von der Perfektion der Klangbilder, von der Verführungskraft, die mir sofort verständlich wurde. Zugleich war ich konsterniert von der Afferei, die sich meinen Augen bot. Als passionierter Theatergänger bin ich wohlgemerkt kein Gegner entschiedener, extrem persönlicher oder auch vermessener Regiezugriffe und scheint mir Werktreue ein sehr verdächtiger Begriff zu sein.

Es war also nicht die "Modernität" der Aufführung, die mich entnervte. Im Gegenteil war es das völlige Miss- oder besser gesagt Nicht-Verhältnis zwischen dem hochphilosophischen Konzept, über das man immerhin hätte streiten wollen, und dem tatsächlichen Geschehen auf der Bühne; es war die Beziehungslosigkeit von Bild und Musik. Einerseits war da eine Inszenierung, die extrem up to date sein wollte, mit einer Fabrikanlage als Bühnenarchitektur, den obligatorischen Videos, allen Kniffen der Theatertechnik und einem gedanklichen Überbau wie aus einem dekonstruktivistischen Oberseminar; andererseits führten aber Sänger und Chor ein billiges Einfühlungstheater auf, mit dem im Sprechtheater keine Provinzbühne mehr zu reüssieren wagt: Wenn eine Aussage besonders gefühlig wurde, fuhr wie von einer mechanischen Feder gesteuert die rechte Hand an die linke Brust, und jeder, der Entschlossenheit anzeigen wollte, ballte erst einmal die Faust. Natürlich wurde bei Verliebtheit augenblicklich auf die Knie gesunken, und wie oft die Blicke der Protagonisten bedeutungsbeladen in den Horizont schweiften, der in Wahrheit aus den Oberrängen bestand, ließ sich schon gar nicht mehr zählen.

Am schmerzlichsten allerdings waren die Statisten anzusehen, denen der Regisseur offenbar das Stichwort gegeben hatte, sie sollen möglichst animalisch sich gebärden; im Ergebnis krümmten und krochen zehn oder vielleicht waren es auch zwanzig ausgewachsene Menschen in Affenkostümen mit hochgezogenen Schultern, angewinkelten Oberarmen und fuchtelnden Fingern ständig um den Hauptdarsteller herum, der so tun musste, als könne er der dionysischen Versuchung kaum widerstehen.

Beständig fragte ich mich, wie die unerhörte Diskrepanz zwischen dem akustischen und dem optischen Erlebnis zu erklären sei: hier die atemberaubende Komplexität der Komposition, die metaphysische Tiefgründigkeit und existentielle Bedeutung der inhaltlichen Motive sowie die stupende Brillanz der instrumentalen wie gesanglichen Leistung; dort die kunstgewerbliche Penetranz der Kostüme, die Plattheit und Erwartbarkeit der inszenatorischen Entscheidungen sowie die Altbackenheit der schauspielerischen Vorgänge.

Leserkommentare
  1. ...von diesen Bayreuth Wagner Getue. Und lasst denen Bayreuth Affinen so wie es ist, sie wollen es doch auch genau so.

    • SiggiO
    • 16. August 2012 19:48 Uhr

    Für konzertante Aufführungen! Für das Abbrennen des Festspielhauses nach der Götterdämmerung! Für Applausverbot beim Parsifal!

  2. Die beste "Befreiung" Bayreuths wäre eine Rückkehr zu den Wurzeln, also von der Theatralik der selbstverliebten Adabeis, denen egal ist, WO (und bei was) sie gesehen werden, WENN sie denn nur gesehen werden, zu Richard Wagner!

    • SiggiO
    • 16. August 2012 20:02 Uhr

    ich finde jedenfalls dass Herrn Kermani ein guter Artikel gelungen ist der das Bayreuth-Dilemma schön beschreibt. Spannend bleibt es auf jeden Fall, was die Zukunft (und va das wagner-jahr 2013) bringt.

  3. genialer Artikel-

    ich weiss jetzt besser,warum ich die hochgelobten
    Inszenierungen Lohengrin mit den dämlichn Ratten zB zum Kotzen fand.

    Bitte achten Sie auf Ihre Wortwahl. Danke, die Redaktion/mk

  4. in der Hoffnung navid kermani verschlägtes wieder nach Bayreuth. Wenn nicht, soll er über etwas anderes schreiben, mir hat es gefallen.

    Allerdings bitte von der Idee Abstand nehmen das Orchester auf die Bühne zu holen, Kermani wird den Klang nicht wiedererkennen und sich völlig enttäuscht abwenden.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service