Berlin Music WeekLasst uns über Musik reden

Neustart im Kleinformat: Nach dem Ende der Popkomm trifft sich die Musikbranche beim entspannten "Word on Sound"-Forum in Berlin. Mancher Vortrag erinnert an ein Hauptseminar. von Nadine Lange

Berlin Music Week

Berlin Music Week  |  © Hannibal/dpa

Ein korpulenter Angler wirft seine Schnur in die Spree . Skeptisch betrachtet er das Häuflein Musikbranchen-Leute, das sich hinter ihm auf der steinernen Terrasse tummelt. Es wird geplaudert, geraucht und in das glitzernde Abendlicht geblinzelt. Moderator Tobi Müller kommt dazu und winkt mit dem Mikro: "Es wird spannend", verspricht er. Der angepriesene Vortrag des Ökonomen und Philosophen George Papadopoulos über die besondere wirtschaftliche Situation der elektronischen Musik hat dann zwar eher den Charakter eines Hauptseminarreferats. Doch das scheint nicht weiter zu stören, an diesem ersten Tag im Spreespeicher, dem neuen Headquarter der Berlin Music Week .

Die Atmosphäre ist entspannt, fast familiär, was auch an der überschaubaren Gästezahl liegt, die zur erstmals stattfindenden Word on Sound gekommen sind. Dieses dreitägige vom Senat geförderte Konferenz,- Workshop- und Vortragsforum ist gewissermaßen der Nachfolger der in diesem Jahr zum zweiten Mal abgesagten und nun wohl endgültig toten Popkomm-Messe. Es ist ein Neustart im deutlich kleineren Format: Statt einer Ansammlung lärmiger Stände und knalliger Werbebanner, die auf dem Flughafen Tempelhof in den letzten Jahren bereits recht verloren gewirkt hatten, gibt es nun Podien zu verschiedenen Themenblöcken. Es solle in Richtung Ted-Konferenz gehen, hatte Organisatorin Tess Taylor von der National Association of Record Industry Professionals im Vorfeld gesagt. Das ist natürlich ein wenig hoch gegriffen, denn an das Niveau jenes renommierten, kalifornischen Denker-Treffens reicht Word on Sound längst nicht heran. Doch als zeitgemäßer Branchentreff könnte es sich in Zukunft etablieren.

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Freiheit statt Unterdrückung

So gab es am zweiten Tag einige Aha-Momente auf den Bühnen. Etwa bei der etwas seltsam betitelten Diskussionsrunde "Still lessons to learn from the music industry?", die sich wie viele weitere Veranstaltungen um Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter drehte. Nach einer gewohnt schwungvollen Eröffnungsansprache von Motor-Entertainment-Chef Tim Renner , der zur Umarmung der neuen Freiheiten statt zu deren Unterdrückung aufrief, stellte Philharmoniker-Intendant Martin Hoffmann die Digital Concert Hall des Orchesters vor: ein erfolgreiches Bezahlangebot, mit dem die Berliner Philharmoniker jüngere und weit entfernte Zielgruppen erreichen.

Im Gespräch mit Johannes Sevket Gözalan, der unter anderem Online-Spiele vertreibt, verstand Hoffmann dann jedoch, dass ein solches Angebot auch funktionieren kann, wenn nur ein Teil der User dafür bezahlt. Die Gratisnutzer müssen Werbung akzeptieren oder bekommen eine schlechtere Soundqualität. "Ah! Jetzt weiß ich, was ich machen muss!", rief Hoffmann und drückte erfreut die Hand seines Nebenmannes.

Nach dem von Gözalan beschriebenen Prinzip arbeiten auch Musik-Streaming-Dienste wie Simfy, Spotify und Napster, die sowohl werbefreie Abos als auch werbefinanzierte Gratisangebote im Programm haben. Derzeit das Erfolgsmodell schlechthin: Im ersten Halbjahr 2012 haben die Dienste ein Umsatzplus von rund 42 Prozent gemacht, die Einnahmen stiegen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum auf etwa 18 Millionen Euro. Entsprechend gut gelaunt plauderte auch Stefan Zilch von Spotify über die vier Millionen weltweiten User des Streaming-Pioniers und seine Mission, jungen Leuten eine Alternative zu illegalen Portalen zu geben.

Spenden sammeln bei Fans

Der Haken: Musikerinnen und Musiker bekommen nur Mikrobeträge für gestreamte Titel . Deshalb suchen sie nach anderen Erwerbsquellen wie Crowdfunding, derzeit ein Modethema, besonders seit Ex-Dresden-Dolls-Sängerin Amanda Palmer online mehr als eine Million Dollar für ihr neues Album über Fan-Spenden zusammenbekam. Sicher ein Sonderfall, trotzdem findet Diane Weigmann von den Lemonbabies: "Für kleine Bands ist es perfekt. Und wenn es mal nicht klappt, haben das ja auch nur 30 Leutchen mitbekommen." Ihr Panel-Partner Robert Drakogiannakis von der Kölner Gruppe Angelika Express sah es ähnlich, wies aber darauf hin, dass ein Crowdfunding-Projekt mit viel Aufwand verbunden ist. "Das kann einen über Monate beschäftigen. Man muss ständig nachlegen, Filmchen oder andere Updates herumschicken. So bekommen die Leute das Gefühl: Ich bin beteiligt, ich bin der Pate dieses Werkes." Die direkte Kommunikation mit den Fans – vor allem über soziale Netzwerke – ist inzwischen ohnehin ein Muss für alle Bands, die keinen Superstar-Status genießen.

Die erste sehr gut besuchte Veranstaltung am Abend war das Digitale Forum zum Thema Urheberrechte. Der Schlagabtausch zwischen den Rechtsanwälten Matthias Lauser (Gema) und Georg Nolte ( Google ) wirkte wie eine Mini-Version des Youtube-Prozesses vom Frühjahr. Doch mit Hilfe von Moderator und Gema-Aufsichtsrat Rolf Budde robbten die Kontrahenten sich auch ein Stück in Richtung Lösung des "Dieses Video ist in ihrem Land nicht verfügbar"-Problems vor. Nolte, der immer wieder betonte, dass Youtube zahlungswillig sei, aber die Preisvorstellungen der Gema zu extrem findet , schlug vor, dass das Portal probeweise ein Jahr lang Werbung vor Musikvideos schaltet. Die Einnahmen würden offengelegt und der Gema zehn Prozent der Erlöse als Verhandlungsbasis angeboten. Lausen zeigte sich vorsichtig interessiert.

Nach dieser konzentrierten Diskussionsstunde hatte man das Gefühl: Hier hat sich tatsächlich etwas bewegt. Wenn ein ähnlich hohes Niveau bei den Word-on-Sound-Panels zum Standard wird, kann es in den nächsten Jahren ein wichtiger Branchentermin werden.

Erschienen im Tagesspiegel

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Leserkommentare
  1. Es gehört einfach zum Job, das eigene Unternehmen als erfolgreich darzustellen. Man muss nur die richtigen Zahlen dafür aus dem Hut zaubern.

    Der fantastische Zuwachs von Streamingdiensten im ersten Halbjahr hängt schlicht und einfach damit zusammen, dass mit Spotify der größte Streaminganbieter weltweit nach langer Verzögerung endlich in Deutschland gestartet ist.

    Der kleine Schönheitsfehler ist, dass trotzdem der Gesamtumsatz der Musikindustrie in diesem Zeitraum erneut zurückgegangen ist, obwohl man schon seit Jahren davon spricht, dass die Trendumkehr unmittelbar bevorsteht.

    Der andere Schönheitsfehler ist, dass Spotify, auch wenn sie nur minimale royalties an Künstler und Labels zahlen, immer noch keine Schwarzen zahlen schreibt. Auch die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker ist ein Zuschussgeschäft.

    Wer dagegen ohne Zweifel satte Gewinne macht ist Google/YouTube. Und ausgerechnet die stellen sich in der Auseinandersetzung mit der GEMA als Opfer dar, obwohl es dabei eigentlich um Beträge geht, die für Google lächerlich sind.

    Journalismus sollte nicht nur darin bestehen, die Marketinghülsen von Verkaufsprofis zu reproduzieren. Was mich bei der Berichterstattung zu diesem Thema immer wieder verblüfft und verärgert, ist die Ahnungslosigkeit in Bezug auf ökonomische Größenordnungen (18 Mio hört sich nach viel an sind gemessen am Gesamtumsatz nur ein paar Prozent) und rechtliche und technische Aspekte.

    Eine Leserempfehlung
  2. Wenn in diesem Artikel in Zusammenhang mit crowdfunding von Spenden die Rede ist, ist das nicht ganz korrekt.

    Crowdfunding können zwar auch Spenden sein, sind es im konkreten Fall von Amanda Palmer und kickstarter nicht.

    Kickstarter ist quasi eine Investmentfirma mit Mikrobeteiligungen. Das heißt, diejenigen, die investieren, erwarten ihr Geld, möglichst natürlich mit Gewinn, zurück.

    Ob das mit Musik funktioniert, wird sich zeigen. Investoren sind in der Regel nicht sentimental und wenn sie merken, dass da kein Geld zu verdienen ist, sind sie schnell wieder weg.

    Ich bezweifle ehrlich gesagt, dass Amanda Palmer einen solchen Betrag einspielen kann und mir ist ehrlich gesagt auch nicht ganz klar, was genau dann passiert. Ob sie das Geld wieder zurückzahlen muss oder nicht?

    Doch wie so oft bei alternativen Finanzierungsmodellen funktioniert das wohl nur, wenn man schon bekannt ist. Für unbekannte Bands sehe ich da kaum Chancen.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Nein, Kickstarter ist gerade kein Investment. Sie erhalten vorher nach Zahlungshöhe abgestimmte Leistungen. Sie erhalten weder Geld noch Anteile. In sofern macht es sehr viel mehr Sinn von einer Spende zu reden als von einem Investment. Die einzige Rendite im konreten Beispiel ist schließlich, dass Sie Musik zu hören kriegen, die sie hören wollten. Und vielleicht den Künstler treffen o.ä.

  3. Nein, Kickstarter ist gerade kein Investment. Sie erhalten vorher nach Zahlungshöhe abgestimmte Leistungen. Sie erhalten weder Geld noch Anteile. In sofern macht es sehr viel mehr Sinn von einer Spende zu reden als von einem Investment. Die einzige Rendite im konreten Beispiel ist schließlich, dass Sie Musik zu hören kriegen, die sie hören wollten. Und vielleicht den Künstler treffen o.ä.

    Antwort auf "Crowdfunding"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit Ihrem Einwand. Tatsächlich erwirbt man keine Anteile an dem geförderten Projekt, auch wenn die vereinbarten Leistungen in der Regel eben doch materiell sind.

    Trotzdem bleibt meiner Ansicht nach der Begriff der Spende nicht wirklich passend, denn eine Spende ist etwas, wofür man eben keine individuelle Gegenleistung erwartet. Der Begriff Vorschuss oder Subskription trifft den Sachverhalt besser.

  4. mit Ihrem Einwand. Tatsächlich erwirbt man keine Anteile an dem geförderten Projekt, auch wenn die vereinbarten Leistungen in der Regel eben doch materiell sind.

    Trotzdem bleibt meiner Ansicht nach der Begriff der Spende nicht wirklich passend, denn eine Spende ist etwas, wofür man eben keine individuelle Gegenleistung erwartet. Der Begriff Vorschuss oder Subskription trifft den Sachverhalt besser.

    Antwort auf "Kickstarter"

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  • Schlagworte Berlin | Musik | Google | Gema | Tempelhof | Spree
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