Erinnert sich noch jemand an den Vorgänger von Marek Janowski beim Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin? Erinnert sich noch jemand an irgendeinen seiner Vorgänger? Als der Dirigent mit den polnischen Wurzeln und der strengen Miene vor zehn Jahren sein Amt antrat, stand das RSB am Abgrund: Dieter Rexroth, der damalige Intendant der Rundfunkorchester und -chöre GmbH, hatte die Halbierung des Traditionsensembles vorgeschlagen. Aus dem großen Sinfonie- sollte ein kleines, flexibles Kammerorchester werden. Dank Janowski kam es anders: Ein Jahrzehnt später macht das RSB mit seinem Wagner-Zyklus Furore, bei den konzertanten Abenden in der Philharmonie ebenso wie auf CD. So präzise gespielt hat man die Musikdramen selten erlebt, im prachtvollen, aber schlanken, homogenen Klanggewand. Unter dem strengen Detailarbeiter Janowski ist das Orchester zu einer eingeschworenen Gemeinschaft geworden. Und zu einer selbstbewussten Truppe, die jederzeit Höchstleistungen abrufen kann, auch wenn der Chef nicht am Pult steht. Eine Erfolgsgeschichte.

Stilbildend hat auch der zweite Maestro gewirkt, der in diesen Tagen sein zehnjähriges Dienstjubiläum begeht: Simon Rattle. Als die Berliner Philharmoniker ihn – und nicht Daniel Barenboim – in basisdemokratischer Wahl zum Nachfolger Claudio Abbados erkoren, war das eine klare Richtungsentscheidung. Ins Offene sollte es mit Sir Simon gehen, ästhetisch, medial und in Bezug auf die Kommunikation mit dem Publikum, vor allem mit den Hörern von morgen.

Die Erwartungen hat Rattle erfüllt. Nach einer Dekade der Zusammenarbeit zeigen sich die Musiker stilistisch so wendig wie nie, Mut und Neugier sind ihr Markenzeichen, das Erkennungsmerkmal der Berliner Philharmoniker. Denn das ist ihr Ziel: ein international dauerpräsentes Premiumprodukt zu werden. Mit der Digital Concert Hall im Internet, mit Liveübertragungen aus der Philharmonie in hunderte Kinos mutieren die Berliner immer mehr zur multiplen Persönlichkeit, spielen lokal, agieren global.

Rattle stellt sich dieser Expansionspolitik nicht in den Weg, setzt aber eigene Akzente im Bereich der sozialen Verantwortung, mit der von ihm initiierten Educationarbeit. Und mit Gesten, die seine örtliche Verankerung betonen. So dirigiert er nicht nur an der Staatsoper (Rosenkavalier im Dezember) und der Deutschen Oper (Wagners Ring im Herbst 2013), sondern beehrt auch als special guest das aus Laien und Halbprofis bestehende Sinfonie Orchester Schöneberg (4. November) oder führt zum 40. Gründungsjubiläum der Orchesterakademie der Philharmoniker mit 128 Alumni Bruckners Achte auf (2. Dezember).

Den Zukunftskurs konnten die Philharmoniker seit 2002 auch deshalb so konsequent verfolgen, weil ein paar hundert Meter weiter ein anderer Weltkünstler die Pflege des "deutschen Klangs" übernommen hat. Zu den Großtaten Daniel Barenboims an der Staatsoper zählt die Sensibilität, mit der er seiner Staatskapelle begegnet ist. Was sich in der DDR-Isolation an spieltechnischer und gruppendynamischer Vorkriegstradition konserviert hatte, bewahrte er, was an Leidenschaft in seiner Künstlerseele brodelt, fügte er hinzu. Bei Mozart mag das zu verwirrend-vorgestrigen Ergebnissen führen, im romantischen Repertoire aber reicht derzeit kaum ein Orchester an die Staatskapelle heran, vor allem bei Wagner.

Es spricht für das Selbstvertrauen der drei Maestri, dass keiner offizielle Feierlichkeiten zum runden Amtsjubiläum wünschte. Jeder hat längst für sich eine Ära begründet, eine Kontinuität, derzeit noch ganz ohne Ermüdungserscheinungen. Marek Janowskis Vertrag läuft bis 2016, der von Simon Rattle bis 2018. Daniel Barenboim, der Unermüdliche, hat bis 2022 verlängert.

 Neue Chefdirigenten: Sie müssen ihre Nische finden.

Andere Institutionen der Stadt blicken durchaus neidvoll auf das RSB, die Philharmoniker und die Staatskapelle. Das Deutsche Symphonie-Orchester hat in den letzten zehn Jahren zwei Chefs kommen und gehen sehen, das Konzerthausorchester ebenso. Bei der Komischen Oper waren es drei. Wenig Glück hat auch die Deutsche Oper: Auf die Hü- und Hott-Jahre mit Christian Thielemann folgte das Debakel mit Renato Palumbo. Mit dem pragmatischen, erfahrenen Donald Runnicles wurde vor drei Jahren endlich ein Generalmusikdirektor gefunden, der den Musikern ein verlässlicher Lebensabschnittspartner ist.

DSO, Komische Oper und Konzerthausorchester dagegen erleben in diesem Herbst schon wieder neue Chefdirigenten. Trotzdem müssen sie versuchen, sich klar umrissene künstlerische Profile zu erarbeiten und ihre Nische innerhalb der hauptstädtischen Klassikszene zu finden. Barrie Kosky, der neue Intendant der Komischen Oper, hofft darauf, mit dem 37-jährigen Henrik Nanasi einen ebenso großen Glücksgriff getan zu haben wie sein Vorgänger Andreas Homoki 2002 mit Kirill Petrenko. Fünf Jahre lang setzte der fabulöse Russe die Komische Oper unter Hochspannung, bevor ihn das internationale Musikbusiness abwarb. Mit seinem Nachfolger Carl St. Clair kam das Orchester des Hauses überhaupt nicht zurecht; nach der vorfristigen Trennung rettete der junge Kapellmeister Patrick Lange die Situation und ließ sich für zwei Jahre als Interims-Chef verpflichten.

Wenn sich Henrik Nanasi am 12. Oktober als neuer Musikdirektor an der Behrenstraße vorstellt, ist er ein unbeschriebenes Blatt, für das Publikum wie für das Orchester. Weil sich derzeit alle Bühnen um die jungen Hoffnungsträger reißen, hat man schnell zugegriffen, den Ungarn, der bislang als Kapellmeister in Klagenfurt, Augsburg und am Münchner Gärtnerplatztheater arbeitete, mit hohem Vertrauensvorschuss verpflichtet. Wie sich Effekt machen lässt, das weiß Nanasi jedenfalls schon: Beim Antrittskonzert mit Richard Strauss’ Till Eulenspiegel und Bartóks Der wunderbare Mandarin kann das Orchester Brillanz vorführen – und der Dirigent seine Schlagtechnik. Und um mit Dvoráks Sinfonie Aus der neuen Welt keinen Erfolg einzufahren, muss man sich schon arg ungeschickt anstellen.

Wie viel schwerer machte es sich da Ivan Fischer bei seinem Einstand im Konzerthaus am Gendarmenmarkt mit Brahms’ Doppelkonzert, das sich blendendem Virtuosentum konsequent verweigert, und Dvoraks siebter Sinfonie, die vor allem aus langatmigem Leerlauf besteht. Eine gelinde gesagt eigenwillige Auswahl. Umso mehr konnte er dann begeistern: weil der 61-jährige Fischer seine ganze Klasse zeigen, sich als tiefgründiger, mitfühlender Interpret beweisen konnte. Und als akribischer Partiturtüftler.

Profimusiker mögen ja oft keine Dirigenten, die sich vor allem um die große Linie eines Werks kümmern und dabei womöglich die historischen Hintergründe dieser oder jener kompositorischen Eigenheit noch langatmig erklären wollen. Dagegen verehren sie Maestri, die in den Proben konzentriert an den Details arbeiten, ohne viele Worte, aber mit einer kenntnisreichen Aufmerksamkeit, die jede kleinste Ungenauigkeit aus dem Tuttiklang sofort heraushört. Genau so einer ist Ivan Fischer.

Die größte Vorfreude aber verbindet sich zu diesem Saisonbeginn mit dem Start der Ära Tugan Sokhiev beim Deutschen Symphonie-Orchester. Schon bei der ersten Begegnung des 1977 geborenen Osseten mit dem DSO 2003 hatte es gefunkt, bei den folgenden Gastauftritten wurde das Publikum vom Energiefluss zwischen dem Dirigenten und den Musikern geradezu elektrisiert. Dennoch musste Orchesterdirektor Alexander Steinbeis lange um den allseits begehrten Maestro buhlen. Seine gestisch so souveräne, frühreife Dirigiertechnik, die er beim St. Petersburger Altmeister Ilya Musin gelernt hat, war auch im Rahmen des Musikfests am 7. September wieder zu bewundern. Nur wollte der Funke diesmal nicht recht überspringen, weder bei Strawinskys verzopfter Pulcinella-Suite noch bei Rachmaninows klangprächtig veredelter dritter Sinfonie.

Vielleicht lag es am ungeschickt gestrickten Programm, vielleicht an der übersteigerten Erwartung. Noch jedenfalls besteht kein Grund, daran zu zweifeln, dass Tugan Sokhiev nach dem kühlen Analytiker Kent Nagano und dem geistreichen Gedankenspieler Ingo Metzmacher genau der Richtige ist, um das Potenzial des DSO voll auszureizen, den silbrigen, durchhörbaren Klang, den freien Geist der Musiker und ihre stilistische Vielseitigkeit. Die Lust, beim Musizieren mit dem jungen Russen abzuheben, beflügelt von seiner Emphase, war jedenfalls an diesem Abend in der Philharmonie unüberhörbar. Die beste Voraussetzung, damit große Kunst entsteht.

Erschienen im Tagesspiegel