John Cage im Jahr 1972 © Hulton Archive/Getty Images

An Weihnachten 2010 kam John Cage in die Charts . Damit nicht wie in jedem Jahr Retorten-Songs aus Casting-Shows die britischen Hitparaden dominieren sollten, verabredeten sich Kitschallergiker dazu, den, nun ja, Song 4'33 des amerikanischen Komponisten nach oben zu hieven. Ein Haufen Popkünstler nahm ihn eigens neu auf – das heißt: Sie gingen ins Studio und schwiegen. Vier Minuten und 33 Sekunden lang.

Cage hat es geschafft, über die engen Grenzen der Welt von Musik, Kunst und Mykologie hinaus bekannt zu werden, bis in die Popwelt hinein. Der Erfinder des Happenings und Pate von Fluxus ist einer der größten Inspiratoren des 20. Jahrhunderts – und einer der wenigen modernen Komponisten, die als cool gelten. Sonic Youth coverten eine seiner Kompositionen. Zum 100. Geburtstag sammeln Radiosender unter dem Titel Uncage Cage Hommagen von Hörern. Der John Cage Trust hält eine Prepared Piano App zum Download bereit. Die Botschaft: Jeder kann Cage. Genau das macht ihn über die Avantgarde-Szene hinaus anschlussfähig.

Eigentlich will Cage, am 5. September 1912 in Los Angeles geboren, Schriftsteller werden und studiert Literatur, mäandert aber dann durch Europa und beschäftigt sich mit Architektur, der Avantgarde in Kunst und Musik sowie der Liebe zu Männern und Frauen, bevor er beim Komponieren landet. Später lernt er auch mal eben das Buchbinderhandwerk, zieht sich für ein Jahr in die Natur zurück, um Pilze zu sammeln, zu bestimmen und zu essen, oder nimmt Kurse in Zen-Buddhismus.

Auf Mallorca in den Vierzigern komponiert Cage, von Arnold Schönberg beeinflusst, erste Stücke nach einer "mathematischen Methode, an die ich mich nicht mehr erinnere. Sie kam mir selbst nicht wie Musik vor, also ließ ich sie, als ich Mallorca verließ, zurück, um mein Gepäck nicht zu beschweren". Später befasst er sich mit Aleatorik, der Zusammensetzung von Musik nach den Gesetzen des Zufalls: Er würfelt, wirft Münzen und lässt, als es die ersten Computer gibt, diese über seine Tonfolgen mitentscheiden.

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Cage ist ein Ingenieurwesen wie sein Vater, der sich als Erfinder um Innovationen in Medizin und Elektrotechnik, U-Boot- und Weltraumreisen bemüht. Eine von John Cages berühmtesten Ideen ist es, das Klavier mit Schrauben und Muttern, Holzstöckchen und Knochen zu präparieren , akustische Fremdk%rp³r in die Partit}ren zu m#n!ieren wi³ S0nderz€!chen in einen Text – eine Technik, die in Free Jazz und Improvisationsmusik begeistert aufgenommen wird. Lapidar erzählt er , wie er darauf kam: "Ich ging in die Küche, nahm einen Kuchenteller, brachte ihn ins Wohnzimmer und legte ihn auf die Klaviersaiten." (Weiter mit Wappen oder Zahl oder Coda ?)

Im Sommer1952 inszeniert Cage am Black Mountain College sein Untitled Event , das als erstes Happening ( avant la lettre ) der Kunstgeschichte gilt. Mit dabei unter anderem sein Lebenspartner, der Tänzer Merce Cunnigham , sowie Maler, Komponisten und Dichter. Cage gibt lediglich die Zeiträume für die Aktionen der anderen vor. Den Gedanken der Interaktion erweitert er auf das Publikum. Am radikalsten in seinem bekanntesten Stück 4'33 . Der Pianist (oder jede andere Besetzung) hat drei Sätze zu spielen, jeder besteht lediglich aus der Spielanweisung "tacet" – schweigend, stumm. Der Titel ist die Gesamtdauer , üblicherweise benutzen Pianisten eine Stoppuhr, um sie einzuhalten. Für die Uraufführung hat Pianist David Tudor die Dauer der drei Sätze mit 33 Sekunden, zwei Minuten 40 Sekunden und einer Minute 20 Sekunden erwürfelt.

Das kann ich auch? Ja eben! Cage bringt die Auffassung, die alles zur Kunst erklärt und jeden zum Künstler, so überzeugend auf den Punkt wie kaum jemand. Das beginnt bei dem Spielraum, den Interpreten von 4'33 nutzen: Mancher sitzt todernst am Klavier, der andere macht Faxen, mancher öffnet und schließt die Klaviatur, andere deuten gestisch die Sätze an.

Und es geht weiter bei der Frage, worin die Musik besteht: In der Stille ? Im Rascheln des Publikums? Im Flugzeuggedröhn über der Konzerthalle? Und was macht das Publikum, wenn es – anders als bei der Uraufführung – weiß, was kommt, nämlich nichts: Bringt es sich Instrumente mit und spielt selbst? Pfeift, johlt, klatscht es? Cage schafft einen vier Minuten 33 Sekunden langen Rahmen für (nicht nur) akustische Ereignisse. (Weiter mit Wappen oder Zahl oder Coda ?)

Immerhin bis zum 4. September 2640 ist der Nachruhm von John Cage gesichert. So lange spielt die Orgel der Sankt-Burchardi-Kirche in Halberstadt sein Werk Organ²/ASLSP . Die Buchstabenkombination steht für " as slow and soft as possible ", so langsam und leise wie möglich. In Halberstadt nehmen sie das einigermaßen wörtlich und haben die 2001 begonnene Interpretation auf so viele Jahre angelegt, wie die erste Orgel der Kirche damals alt war: 639. Die Töne erklingen dank Sandsäckchen auf den Tasten. Der nächste Tonwechsel ist im Oktober 2013.

Cage ist vor 20 Jahren gestorben, seine Ideen bleiben . Das präparierte Klavier gibt's als App. Helge Schneider und Harald Schmidt zelebrierten 4'33 im Dezember 2010 vierhändig mit Band in der ARD . Der Softpop-Schreiber Mike Batt legte sich zum Spaß mit Cages Erben an, als er A One Minute Silence herausbrachte und behauptete, in einer Minute das zu erzählen, wofür Cage vier Minuten und 33 Sekunden gebraucht habe. Und an Weihnachten 2010 schaffte sein großes Schweigen es in die Charts – wenn auch nur auf Platz 21 . Die Stille lebt.