Neil Tennant und Chris Lowe (von links) © Pelle Crepin/EMI

ZEIT ONLINE: Interessieren sich die Pet Shop Boys neuerdings für griechische Mythologie? Ihr neues Album haben Sie Elysium genannt, die Insel der Seligen.

Neil Tennant: Auf den Titel kamen wir, als wir das Album in Los Angeles aufgenommen haben. Dort gibt es den Elysian Park. Daraus leiteten wir das Wort Elysium ab, das wir herrlich mysteriös finden. Als wir erfuhren, dass es einen Hollywood-Blockbuster mit Matt Damon und Jodie Foster mit demselben Namen gibt, der genauso heißt, wussten wir, dass der Titel auf keinen Fall zu kompliziert ist.

ZEIT ONLINE: Sie sind oft in Deutschland. Ist Berlin mittlerweile Ihr Zweitwohnsitz?

Tennant: Wir verbringen dort etwa sechs Wochen im Jahr. Was für eine ungewöhnliche Stadt, so herrlich ruhig und grün. Ich muss bei Berlin immer an einen Wald denken, in dem Gebäude stehen. Wir mögen die Geschichte, die Clubs und die Galerien. Die Szene ist entspannter als im stressigen London . Wenn ich von London nach Berlin fahre, ist das für mich, als würde ich aufs Land fahren. Wir gehen in Berlin manchmal ins Berghain. Wir genehmigen uns am Sonntagmittag ein paar Pre-Lunch-Drinks und bleiben dann für eineinhalb Stunden. Es ist aufregend dort: die Dunkelheit und die ganzen Typen, die dort seit Stunden tanzen.


ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich mit über 50 manchmal deplatziert im Nachtleben?

Chris Lowe: Wir haben in einigen der besten Clubs der Welt in ihrer Blütezeit gefeiert. Die beste Zeit war New York in den 1980ern, als Electro, Latin und Hip-Hop groß waren. Damals gingen wir in die Paradise Garage und das Funhouse. Die Musik war total neu und die Leute tanzten auf den Straßen. Die Latino-Clubs waren voller Energie, DJs wie Arthur Baker und John "Jellybean" Benitez unheimlich populär. Diese Musik, deren Wurzeln bei Kraftwerk lagen, war unglaublich. Sie hatte einen speziellen amerikanischen Dreh.

ZEIT ONLINE: Vermissen Sie diese Zeit?

Lowe: Wenn du in diesen New Yorker Clubs warst, ist es heute schwierig, in einen Club zu gehen und etwas Neues zu entdecken. Man kann die damaligen Erfahrungen kaum wiederholen. Wobei ich neulich in einem coolen Underground-Club in Manchester bei einer Dubstep-Night war. Großartig! In einem Raum lief Dubstep, im anderen Drum'n'Bass. Es war unglaublich laut und dreckig.

ZEIT ONLINE: Auch Madonna ist, wie Sie, für einen Popstar fast schon im biblischen Alter. Das hindert sie nicht daran, Teenager-Klamotten zu tragen und ihre Musik mit Sex zu verkaufen. Keine Marketingstrategie für die Pet Shop Boys, oder?

Lowe: Ganz bestimmt nicht ( lacht schallend ).

Tennant: Wir haben nie Sex verkauft, auch wenn wir in den 1980er-Jahren richtige Popstars waren und die Mädchen bei unserem Anblick in Geschrei ausbrachen. Wir verkaufen in unseren Songs vielmehr einen Standpunkt. Wobei Stars, die Sex verkaufen, durchaus viele Platten mit dieser Methode loswerden. Schau dir Tom Jones an, der inszeniert sich seit den Sechzigern als heißer Waliser. Ich denke, für ihn und Madonna muss das auf die Dauer nervtötend sein.

Ausschnitt der Pet Shop Boys-Show

ZEIT ONLINE: Sind Sie dünnhäutiger geworden, wenn Sie auf die ruhmreichen achtziger Jahre angesprochen werden? Ihr neuer Song Your early stuff klingt zumindest danach. Sie singen "Ich nehme an, Sie sind mehr oder weniger im Ruhestand. Was ist für Sie heute noch drin? Brauchen Sie das Geld?"

Tennant: Es ist sehr frustrierend für uns, wenn sich immer alle auf unsere Karriere in den Achtzigern beziehen. Besonders, wenn wir neue Platten herausbringen, auf die wir stolz sind. Deshalb zitiere ich Taxifahrer in Your early stuff . Die Sätze haben sie tatsächlich so zu mir gesagt. Dazu eine Anekdote: Neulich habe ich ein Madonna-Video auf dem Videoportal Vevo angeschaut. Und was wurde mir danach vorgeschlagen? Gloria Estefan! Bei uns ist es genauso. Wenn du die Pet Shop Boys magst, denken alle, dass du bestimmt auf Erasure und Human League stehst. Keiner käme auf die Idee, dass ein Pet-Shop-Boys-Fan auch The XX und Johann Johannsson mögen könnte. Bei Amazon werden wir immer in einem Atemzug mit Human League und ABC genannt. Alle kommen ständig mit diesem Achtziger-Jahre-Ding an. Das ist echt beleidigend.

ZEIT ONLINE: Also sind Sie genervt von Ihrem Ruhm?

Tennant: Ach was, wir kommen damit gut klar. Wir verhalten uns nicht wie berühmte Menschen. Wir laufen ganz normal durch die Stadt, gehen in eine Kneipe und bestellen Spinat und Eier. Wir können ungestört bei Marks & Spencer auf der King's Road in London shoppen. Alles wunderbar.