Pet Shop Boys"Dieses Achtziger-Ding ist echt beleidigend"

Die Pet Shop Boys bringen ihr elftes Album heraus. Im Interview sprechen sie über twitternde Promis, Altern im Popgeschäft und den Fluch der achtziger Jahre. von Annette Walter

Neil Tennant und Chris Lowe (von links)

Neil Tennant und Chris Lowe (von links)  |  © Pelle Crepin/EMI

ZEIT ONLINE: Interessieren sich die Pet Shop Boys neuerdings für griechische Mythologie? Ihr neues Album haben Sie Elysium genannt, die Insel der Seligen.

Neil Tennant: Auf den Titel kamen wir, als wir das Album in Los Angeles aufgenommen haben. Dort gibt es den Elysian Park. Daraus leiteten wir das Wort Elysium ab, das wir herrlich mysteriös finden. Als wir erfuhren, dass es einen Hollywood-Blockbuster mit Matt Damon und Jodie Foster mit demselben Namen gibt, der genauso heißt, wussten wir, dass der Titel auf keinen Fall zu kompliziert ist.

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ZEIT ONLINE: Sie sind oft in Deutschland. Ist Berlin mittlerweile Ihr Zweitwohnsitz?

Tennant: Wir verbringen dort etwa sechs Wochen im Jahr. Was für eine ungewöhnliche Stadt, so herrlich ruhig und grün. Ich muss bei Berlin immer an einen Wald denken, in dem Gebäude stehen. Wir mögen die Geschichte, die Clubs und die Galerien. Die Szene ist entspannter als im stressigen London . Wenn ich von London nach Berlin fahre, ist das für mich, als würde ich aufs Land fahren. Wir gehen in Berlin manchmal ins Berghain. Wir genehmigen uns am Sonntagmittag ein paar Pre-Lunch-Drinks und bleiben dann für eineinhalb Stunden. Es ist aufregend dort: die Dunkelheit und die ganzen Typen, die dort seit Stunden tanzen.

Pet Shop Boys

Neil Tennant, 58, und Chris Lowe, 52, sind gegenwärtig das vermutlich am längsten aktive Duo der Popgeschichte: Vor 31 Jahren trafen sich die beiden in einem Elektronikladen auf der Londoner King's Road. Wenig später gründeten sie die Pet Shop Boys. Ihr elftes Album Elysium erscheint am 7. September 2012 in Deutschland. Zum Interview kommen beide verspätet ("Die Plattenfirma bestand darauf, dass wir noch ein Bier trinken gehen") und ohne die üblichen Accessoires wie Sonnenbrille, Mütze oder Perücke.


ZEIT ONLINE: Fühlen Sie sich mit über 50 manchmal deplatziert im Nachtleben?

Chris Lowe: Wir haben in einigen der besten Clubs der Welt in ihrer Blütezeit gefeiert. Die beste Zeit war New York in den 1980ern, als Electro, Latin und Hip-Hop groß waren. Damals gingen wir in die Paradise Garage und das Funhouse. Die Musik war total neu und die Leute tanzten auf den Straßen. Die Latino-Clubs waren voller Energie, DJs wie Arthur Baker und John "Jellybean" Benitez unheimlich populär. Diese Musik, deren Wurzeln bei Kraftwerk lagen, war unglaublich. Sie hatte einen speziellen amerikanischen Dreh.

ZEIT ONLINE: Vermissen Sie diese Zeit?

Lowe: Wenn du in diesen New Yorker Clubs warst, ist es heute schwierig, in einen Club zu gehen und etwas Neues zu entdecken. Man kann die damaligen Erfahrungen kaum wiederholen. Wobei ich neulich in einem coolen Underground-Club in Manchester bei einer Dubstep-Night war. Großartig! In einem Raum lief Dubstep, im anderen Drum'n'Bass. Es war unglaublich laut und dreckig.

ZEIT ONLINE: Auch Madonna ist, wie Sie, für einen Popstar fast schon im biblischen Alter. Das hindert sie nicht daran, Teenager-Klamotten zu tragen und ihre Musik mit Sex zu verkaufen. Keine Marketingstrategie für die Pet Shop Boys, oder?

Lowe: Ganz bestimmt nicht ( lacht schallend ).

Tennant: Wir haben nie Sex verkauft, auch wenn wir in den 1980er-Jahren richtige Popstars waren und die Mädchen bei unserem Anblick in Geschrei ausbrachen. Wir verkaufen in unseren Songs vielmehr einen Standpunkt. Wobei Stars, die Sex verkaufen, durchaus viele Platten mit dieser Methode loswerden. Schau dir Tom Jones an, der inszeniert sich seit den Sechzigern als heißer Waliser. Ich denke, für ihn und Madonna muss das auf die Dauer nervtötend sein.

ZEIT ONLINE: Sind Sie dünnhäutiger geworden, wenn Sie auf die ruhmreichen achtziger Jahre angesprochen werden? Ihr neuer Song Your early stuff klingt zumindest danach. Sie singen "Ich nehme an, Sie sind mehr oder weniger im Ruhestand. Was ist für Sie heute noch drin? Brauchen Sie das Geld?"

Tennant: Es ist sehr frustrierend für uns, wenn sich immer alle auf unsere Karriere in den Achtzigern beziehen. Besonders, wenn wir neue Platten herausbringen, auf die wir stolz sind. Deshalb zitiere ich Taxifahrer in Your early stuff . Die Sätze haben sie tatsächlich so zu mir gesagt. Dazu eine Anekdote: Neulich habe ich ein Madonna-Video auf dem Videoportal Vevo angeschaut. Und was wurde mir danach vorgeschlagen? Gloria Estefan! Bei uns ist es genauso. Wenn du die Pet Shop Boys magst, denken alle, dass du bestimmt auf Erasure und Human League stehst. Keiner käme auf die Idee, dass ein Pet-Shop-Boys-Fan auch The XX und Johann Johannsson mögen könnte. Bei Amazon werden wir immer in einem Atemzug mit Human League und ABC genannt. Alle kommen ständig mit diesem Achtziger-Jahre-Ding an. Das ist echt beleidigend.

ZEIT ONLINE: Also sind Sie genervt von Ihrem Ruhm?

Tennant: Ach was, wir kommen damit gut klar. Wir verhalten uns nicht wie berühmte Menschen. Wir laufen ganz normal durch die Stadt, gehen in eine Kneipe und bestellen Spinat und Eier. Wir können ungestört bei Marks & Spencer auf der King's Road in London shoppen. Alles wunderbar.

Leserkommentare
    • 2049er
    • 07. September 2012 10:28 Uhr

    ....wenn ich mich recht erinnere, war Tennant all die Jahre so wunderbar frustriert über diese neue Zeit.

    Nimmt er seit Neuem Ritalin o.ä. um das "Shoppen bei Spencers" zu geniessen ?

    • TDU
    • 07. September 2012 11:09 Uhr

    "Beleidigend": Lästig hätte auch genügt.

    Typisch: Erst Geld verdienen und dann war alles Mist. Wie die Bescheidenheitsprediger, die in der sozialen Marktwirtschaft ihr Vermögen gemacht haben. Vom Bahnfahren predigen, mit der sie nie in den Urlaub gefahren wären, als ihre Kinder noch klein waren.

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    • SBNCL
    • 07. September 2012 14:18 Uhr

    Wir wissen nicht, was im Original-Interview tatsachlich gesagt wurde, TDU. Vielleicht liegt hier auch nur eine ungluckliche Ubersetzung vor. Ich gehe davon aus, dass das Wort 'insulting' gefallen sein koennte, was nicht immer beleidigend heissen muss, sondern auch "kraenkend" und in manchen Kontexten auch nur "frech".
    Gruss aus UK.

    Eben nicht typisch, das hat etwas mit Entwicklung zu tun. Die Pet Shop Boys sind nunmal keine typische 1980er Jahre Band mehr und lassen sich eben ungern auf diese Zeit reduzieren. Das ist genau so als würde man Depeche Mode auf die Wave-Welle und Genesis auf "We can't dance" reduzieren - es sind Musiker die seit mehreren Jahrzehnten Musikgeschichte geschrieben haben und nicht nur für ein Jahrzehnt stehen.

    • TDU
    • 07. September 2012 11:14 Uhr
    3. Stolz

    Sollen Sie doch stolz sein auf ihre Entwicklung. Egal was ander sagen. Aber dann gibts vielleicht nicht so viel Kohle und Image. Dann hilft nur noch der Wettbewerb, wer ist der Sozialste, Grünste oder Engagierteste im Land. Armseelig.

    • SBNCL
    • 07. September 2012 14:18 Uhr

    Wir wissen nicht, was im Original-Interview tatsachlich gesagt wurde, TDU. Vielleicht liegt hier auch nur eine ungluckliche Ubersetzung vor. Ich gehe davon aus, dass das Wort 'insulting' gefallen sein koennte, was nicht immer beleidigend heissen muss, sondern auch "kraenkend" und in manchen Kontexten auch nur "frech".
    Gruss aus UK.

    Antwort auf "Typisch"
  1. Wusste gar nicht, dass es die Pet Shop Boys überhaupt noch gibt. Das Interview ist wie eine Zeitreise in die Jugend und zurück ins Jetzt. Spannend. Danke dafür. Und bitte mehr von der Sorte!

  2. Eben nicht typisch, das hat etwas mit Entwicklung zu tun. Die Pet Shop Boys sind nunmal keine typische 1980er Jahre Band mehr und lassen sich eben ungern auf diese Zeit reduzieren. Das ist genau so als würde man Depeche Mode auf die Wave-Welle und Genesis auf "We can't dance" reduzieren - es sind Musiker die seit mehreren Jahrzehnten Musikgeschichte geschrieben haben und nicht nur für ein Jahrzehnt stehen.

    Antwort auf "Typisch"
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    • SBNCL
    • 08. September 2012 12:40 Uhr

    Hoert hoert! Sehr gut gesagt. Danke dafuer!

    • TDU
    • 08. September 2012 9:14 Uhr

    Danke für den Hinweis SNBCL. An neverfirst: Man kennt doch des Menschen Drang, die Dinge zu kategorisieren. Aber die Musik der 1960iger ist z.B. eine. Mit bestimmter erkennbarem Sound und "Tonfolgen". Und so haben für mich die Songs der Pet Shop Boys eben auch einen Sound der 1980iger. Wunderbar übrigens.

    Aber es ist Musik und das ist das Entscheidende losgelöst von der Zeit. Sunny Afternoon der Kinks "gilt immer".

    Wenn aber Fans ihre die Jugendzeit einfordern, sollte man das doch nicht so ablehnen. Denn die waren doch auch mal Teil des Geschäfts. Man sollte sie mitnehmen, damit sie Musik als solche begreifen. Findet Paul Mc Cartney das "She loves Yuo" und seine Fans peinlich? Ich weiss es nicht, aber er scheint die Musik "sprechen" zu lassen.

    Es ist halt ein wenig Mainstream, die Klage über "Nichts Neues" (Stimmt nicht) und früher "O Gott". Vielleicht bin ich aber auch nur ein wenig "neidisch". Nicht auf deren Geld, sondern weil ich die Probleme mangels Musiker Seins leider nicht haben kann.

  3. Neverfirst hat völlig recht. Die PSB sind immer noch grandios, haben sich aber eben auch grandios weiterentwickelt. Das sollte man respektieren.

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  • Schlagworte Neil Tennant | Album | Amazon | Jodie Foster | Madonna | Matt Damon
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