Ein Hinterhof-Tonstudio in Kreuzberg. Goldene Schallplatten an den Wänden, ein Flügel im Aufnahmeraum. Gedränge in der kleinen Küche und im Regieraum. Techniker Gerd im braunen T-Shirt huscht zwischen dem riesigen Mischpult und dem daneben stehenden Computer hin und her. Der Grund für den Auftrieb liegt auf der Festplatte des Rechners: das neue, vierte Album von Seeed, ihr erstes seit sieben Jahren.

Die Presse darf Seeed ein paar Wochen vor der Veröffentlichung schon mal hören. Sänger Pierre Baigorry, alias Peter Fox, schaut auch kurz rein, erzählt, dass die Band das Album selbst produziert hat und wünscht sich, dass die Abhörsession schön laut vonstatten geht.

So geschieht es. Bald wippen Füße und nicken Köpfe. Beautiful , die erste Single, eröffnet das Album. Mächtiger Bass, swingende Bläser, extra-euphorischer Refrain – das auf Englisch gesungene Stück wirkt wie ein "Wir-sind–wieder-da"-Schrei mit drei dicken Ausrufezeichen dahinter.

Wie man eindrucksvolle Auftritte hinlegt, weiß die elfköpfige Berliner Band, die von Beginn an auch viel Wert auf die Optik gelegt hat und etwa in einheitlichen Mönchskutten oder schicken Glitzeranzügen auftrat. Für die Video-Premiere zu Beautiful haben sie sich deshalb kürzlich einen exklusiven Platz bei der ARD gesucht: Genau vor der Tagesschau war der in einer gezeichneten Fantasiestadt spielende Clip zum ersten Mal zu sehen. Die Live-Premiere des Songs ist am Freitag beim Bundesvision Song Contest in der Berliner Max-Schmeling Halle – außer Konkurrenz allerdings, schließlich haben Seeed den Wettbewerb 2006 schon einmal gewonnen.

Es ist die standesgemäße Rückkehr einer der beliebtesten und besten deutschen Bands der nuller Jahre. Das multikulturelle Kollektiv hat seit seinem Debütalbum New Dubby Conquerors (2001) mit seinem Mix aus Dancehall, Rap, Reggae und Pop plus deutschen und englischen Texten einen unverkennbaren Sound erschaffen. Diese Berliner Mischung Marke Dickes B klingt zugleich international und lokal – ein Kunststück, das nur wenigen gelingt. Seeed füllen bald in ganz Deutschland große Konzerthallen, ihr drittes Album Next klettert auf Platz zwei der Charts und erscheint auch im europäischen Ausland. Im selben Jahr spielt die Elfer-Bande zudem bei der Eröffnungsfeier der Fußball-WM in München . Doch auf dem Höhepunkt ihrer Bekanntheit nehmen die Berliner 2007 eine Auszeit.

Alle drei Sänger bringen Solo-Alben heraus: Frank Dellé setzt auf Roots-Reggae, Demba Nabé produziert unter dem Projekt-Namen Boundzound ein Dancehall/Electro-Album, und Pierre Baigorry stellt 2008 als Peter Fox mit Stadtaffe den bisherigen Seeed-Erfolg in den Schatten. Monatelang steht das Werk, das sich mehr als eine Million Mal verkauft, in den Top Ten. Fox gewinnt vier Echos und noch einmal den Bundesvision Song Contest. Vom Grundschulkind bis zum Mittfünfziger können sich zwei Sommer lang alle auf den urbanen Pop des rothaarigen Kreuzbergers einigen. Doch Fox wird der Trubel um seine Person bald zu viel und er verkündet das Ende des Solo-Projekts.