Padrissa inszeniert "Babylon""Die Bibel war schlechte Presse für Babylon"

Heilige Huren, in Stein gemeißeltes Wort: Carlus Padrissa inszeniert an der Bayerischen Staatsoper Jörg Widmanns Oper "Babylon" nach einem Libretto von Peter Sloterdijk. von Andreas Strasser

"Babylon" ist eine Auftragsarbeit der Bayerischen Staatsoper.

"Babylon" ist eine Auftragsarbeit der Bayerischen Staatsoper.  |  © Wilfried Hösl

ZEIT ONLINE: Herr Padrissa, Ihre Muttersprache ist das Katalanische, der musikalische Leiter stammt aus den USA , Komponist und Librettist sprechen Deutsch – eine bezeichnende Ausgangslage für die Arbeit an einer Oper mit dem Namen Babylon ?

Carlus Padrissa: In der Tat. Ich habe den Komponisten Jörg Widmann in Köln kennengelernt als wir Stockhausens Sonntag aus Licht inszenierten. Widmann erzählte mir von seiner Idee, eine Oper namens Babylon zu komponieren. Er bot mir an, die Inszenierung zu übernehmen und hat mir den Text dieses Philosophen gesandt...

ZEIT ONLINE:Peter Sloterdijk .

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Padrissa: Damals kannte ich den Namen noch nicht. Ich ging in eine Buchhandlung in Barcelona und sah, dass es dort viele Bücher von Sloterdijk gab. Auch in einer Buchhandlung in Uruguay standen viele seiner Bücher. Ebenfalls in Japan . Wo ich auch hinkam – es gab Bücher von Sloterdijk. Wir haben uns dann getroffen, ich habe sein Libretto gelesen und zu verstehen versucht, worum es darin geht. Sein Text hat eine erotische Note.

Carlus Padrissa
Carlus Padrissa

Carlus Padrissa wurde in Barcelona geboren und begann 1979 in Katalonien als Straßenkünstler Theater zu machen. Er war einer der Mitbegründer von "La Fura dels Baus", einer Theatergruppe, die weltweit inszeniert. Heute zählt Padrissa zu den gefragtesten Theaterregisseuren der Welt.

ZEIT ONLINE: War es das Erotische, das sie an der Geschichte reizte?

Padrissa: Sloterdijk erzählt die Liebesgeschichte zwischen dem jüdischen Exilanten Tammu und der Babylonierin Inanna, Priesterin im Tempel der freien Liebe und kultische Prostituierte, auch Hierodule genannt. Der Sex hatte in Babylon eine soziale Funktion, denn die Sterberate war sehr hoch. Man hatte Sex um die Bevölkerungszahl zu erhöhen.

ZEIT ONLINE: Inszenieren Sie die Stadt Babylon als vorgeschichtlichen Moloch?

Padrissa: Im Gegenteil. Die Babylonier haben das Rad erfunden – und die Siebentagewoche. Ihre wichtigste Neuerung war jedoch die Gesetzgebung. Sie schufen ein alternatives Gesetz, kein Gesetz der Vergeltung. Es galt die Unschuldsvermutung. Die Geschichte der modernen Welt hat in Babylon begonnen. Dort wurde die Welt und damit das Chaos geordnet. Allerdings bekam die Stadt später eine sehr schlechte Presse durch die Bibel. Unsere Oper ist ein Revisionsverfahren. Wir versuchen eine Korrektur des Mythos.

ZEIT ONLINE: Wie setzen Sie dieses Revisionsverfahren in Szene?

Padrissa: Die Babylonier haben auch die Schrift erfunden. Auf der Bühne gibt es zwei Tastaturen. Jede Taste ist mit einem Buchstaben aus den Alphabeten dieser Welt versehen: aus dem sumerischen, dem japanischen, dem kyrillischen und so weiter. Eine Taste besteht aus einen Stein. Ein Wort formt also eine Mauer. Die Babylonier haben mit Steinen und Blöcken geschrieben. Wir machen sozusagen dasselbe.

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