Oper "American Lulu"Weiße Männer begehren schwarze Frauen

Olga Neuwirth hat Alban Bergs "Lulu" umgeschrieben und um Aspekte der Frauen- und Rassenpolitik erweitert. Erstmals singt man an der Komischen Oper Berlin auf Englisch. von Udo Badelt

Marisol Montalvo als Lulu

Marisol Montalvo als Lulu  |  © Iko Freese

Es beginnt mit völliger Stille, so als wolle die Komponistin zur Sammlung zwingen, zur Vorbereitung auf das, was kommt. Dann: ein greller Akkord, lang gedehnt, in Wellen zitternd, gefolgt von einer quäkenden, verfremdeten Jazzmelodik. So könnte es weitergehen, aber es ist nur Vorspiel, Selbstzitat, Verweis auf eine Musik, die erst im 3. Akt wiederkehrt.

Stattdessen setzt, szenisch und musikalisch, Alban Bergs Lulu ein – und dann doch wieder nicht, denn Olga Neuwirth hat an der Komischen Oper das Werk als American Lulu einer radikalen Überarbeitung, ja Neukomposition unterzogen, hat die ersten beiden von Berg vollendeten Akte für Jazzensemble orchestriert und den dritten völlig neu geschrieben, hat die Handlung ins rassistische Südstaaten-New-Orleans der fünfziger Jahre verlegt, wo der Jazz ja herkommt, und gleichzeitig noch den männlichen Blick auf das Weibliche als das Bedrohliche schlechthin, wie er die Lulu -Rezeption jahrzehntelang geprägt hat, umdrehen wollen. Uff.

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Andererseits: Warum eigentlich nicht? Ist das Ende der Lulu bei Berg ( und Wedekind ) nicht tatsächlich, wie Neuwirth schreibt, "albern"? Sie wird mehr oder weniger zufällig gemordet von Jack the Ripper als Wiedergänger des Dr. Schön. Sicher, das Ganze ist sorgfältig konstruiert, die Männer, die sich zuvor an ihr verbrannt haben, rächen sich jetzt – aber wofür? Dafür, dass sie Lulu als Projektion ihrer verklemmten Geilheiten selbst erschaffen haben? Lulus Mord an Dr. Schön ist reine Notwehr. Im Grunde stirbt diese Frau schuldlos.

Neuwirths Vater war Jazzer

Es gibt also durchaus Gründe, die Sache neu zu verhandeln. Dass sich Neuwirth eines solchen (frauen-)politischen Stoffs annehmen würde, war trotzdem nicht unbedingt zu erwarten. Ihre bisherigen Arbeiten, etwa die Opern Bählamms Fest auf ein Libretto von Elfriede Jelinek oder Lost Highway nach dem Film von David Lynch, gleichen mehr psychedelischen Trips ins Innere einer gehetzten Seele.

Aber da war immer auch ein anderer Strang: Ihr Vater war Jazzmusiker, sie wollte Trompete spielen. Ein Unfall zerschmetterte diese Pläne, die Neuwirth jetzt, anders, umsetzt: mit einem 27-köpfigen Jazzensemble, Blech- und Holzbläsern, elektrischem Klavier, E-Gitarre, ein paar Streichern und einer dampfbetriebenen Orgel, wie sie auf dem Mississippi üblich war. Es ist Bergs Partitur, auf der diese Klänge aufbauen, zumindest in den markantesten Themen und Phrasen, und doch klingt vieles dünner, flacher, verschliffener als bei Berg. Johannes Kalitzke, selbst Komponist, dirigiert das Orchester der Komischen Oper trotzdem irisierend, drängend, verliebt in jede melodische Wendung.

Gesungen wird auf Englisch in einer Übersetzung von Catherine Kerkhoff-Saxon – womit nebenbei das Dogma der Deutschsprachigkeit an der Komischen Oper endgültig gefallen sein dürfte, ironischerweise mit einem im Original deutschen Werk. Die Handlung ist gestrafft, der Prolog des Tierbändigers fällt völlig weg. In einer Rahmenhandlung lebt Lulu in New York. Die eigentliche Oper, also die ersten beiden Akte von Berg, verpackt der russische Regisseur und Bühnenbildner Kirill Serebrennikov hingegen in eine bleierne, schwarz-weiße Szenerie. Hier huschen die Darsteller in Mantel und Hut über die Bühne, als seien sie Zeitdiebe aus Momo .

Alles wirkt wie ein (Alb-)Traum, und das ist es ja auch: Erinnerung, Rückblende der zur Edelprostituierten aufgestiegenen Lulu. Ein Glaskasten wird wie bei Edward Hopper zur Bar der Einsamen, auch die herbeigeschafften Pflanzen sind bleich und blass. Blödsinnig präsentieren hier die Bodybuilder, die den Athleten (Philipp Meierhöfer) begleiten, ihre Muskeln in Posen, die in den Fünzigern als sexy galten.

Vor diesem Hintergrund strahlt der Stern von Marisol Montalvo als Lulu umso heller. Alle Höhen gelingen ihr ätherisch und spitz, ohne Scheu bietet sie ihren schwarzen Körper dar, eine Projektionsfläche männlichen Begehrens auch hier. Dass Lulu, Gräfin Geschwitz (Della Miles) und Schigolch, der hier Clarence heißt (mit dunkel raunendem Charakterbass: Jacques-Greg Belobo) von Schwarzen gesungen werden, ist konstitutiv für Neuwirths Konzept. Denn Schwarze waren in New Orleans die Unterdrückten, Geschlagenen – und sie sind es, die sich emanzipieren. Die "anderen" sind alle weiß: Dmitry Golovnin als Maler (hier ein Fotograf), Rolf Romei als Alwa, der hier Jimmy heißt. Bei Claudio Otelli als Dr. Schön (hier Dr. Bloom) ahnt man einen prachtvollen, gebieterischen Bariton, leider hört man ihn nicht wirklich, und das obwohl die Darsteller mit Mikroport singen.

Leserkommentare
  1. Der Titel stellt eine interessante, wenn auch rassistisch- und sexistisch-pauschalisierende, These auf, die dann aber wie so oft kaum vom Inhalt des Artikels unterfüttert wird. Weiße Männer sind ja schon seit einer ganzen Weile das LieblingsOBJEKT der Diskurse von Feministinnen, Postcolonial-Wissenschaftlern usw. und da die ZEIT gerade beim einseitigen "Genderwar" voll mit der Zeit geht, wundert mich nicht, dass dieser Diskurs immer wieder brav gefüttert wird. Die Männer dann aber gleich unterschwellig als notgeile, biologisch determinierte Fieslinge zu verdammen (und das ohne echte Argumentation) ist schon ziemlich schlechtes Niveau. Political correctness sollte wenn dann für alle gelten.

    Übrigens saß mal in einem Seminar zu Joseph Conrads "Heart of Darkness" (ähnliches Thema: u.a. die literarische Darstellung afrikanischer Frauen) neben mir eine junge braunhäutige Studentin, die anmerkte, sie fände es sehr schön wenn weiße Männer dunkelhäutige Frauen begehrenswert fänden und dies allein sei für sie keineswegs eine negative Form von Rassismus oder Sexismus. Ohne dass 'schwarze' Frauen meinen generellen Vorzug als "Sexualobjekt" hätten, fand ich diese junge Frau jedenfalls gleich sehr viel menschlicher und sympathischer. Die Dozentin wusste hingegen kaum was sie antworten sollte. Vielleicht sind manche Männerhasserinnen ja selber nur notgeil, verklemmt whatever... Das wäre doch der logische Umkehrschluss zu dem unterstellten Rassismus, Sexismus der Männer. Oder nicht?

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    nur soll sie sich vor den "Blackhunters" in acht nehmen, die sie als nichts weiter als eine Trophäe betrachten dürften.

    Klingt aber nach einer Schwester, die da schon sehr genau zu differenzieren weiß.

    Das gefällt ;)

    • FranL.
    • 05. Oktober 2012 20:01 Uhr

    Die Bearbeitung der Oper eines österreichischen Komponisten durch eine österreichische Komponistin, basierend auf dem Theaterstück eines deutschen Dramatikers, in der Berliner Komischen Oper, wo bislang nur deutsch gesungen wurde in englischer Sprache? Gut, die Musik ist vom Jazz inspiriert und die Handlung wurde in die USA verlegt, aber Bizets "Carmen" wird ja auch französisch gesungen und nicht spanisch.

  2. nur soll sie sich vor den "Blackhunters" in acht nehmen, die sie als nichts weiter als eine Trophäe betrachten dürften.

    Klingt aber nach einer Schwester, die da schon sehr genau zu differenzieren weiß.

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