Deutsche Oper BerlinDer Finger in der Wunde Parsifal

Philipp Stölzl inszeniert Wagners "Parsifal" an der Deutschen Oper mit Klaus Florian Vogt in der Titelrolle. Lange ist auf der Bühne nicht mehr so viel Blut geflossen. von Ulrich Amling

Es ist leicht, sich über diesen Parsifal zu entsetzen, der sich traut, während des weihevollen Orchestervorspiels tatsächlich die Vorgeschichte von Richard Wagners Bühnenweihfestspiels herzuzeigen: Golgatha, Jesus haucht nach letzten Blicken gen Himmel am Kreuz sein Leben aus. Der Speer eines Soldaten schlägt ihm die Seitenwunde, Christusanhänger fangen die blutigen Tränen des Herzens im Kelch des letzten Abendmahls auf. Kreuzabnahme des wohlproportionierten Körpers, das Grabtuch wird gereicht, der Speer als Devotionalie erbeten. Fertig ist ein Inventar, das an den Opfertod des Erlösers gemahnt, für ein Ritual, das fortan Wein in sein Blut und Brot in seinen Leib verwandelt, bestimmt zum Einheit stiftenden Verzehr durch die Gläubigen.

Wohl kann einem nicht dabei sein, dies alles in der Deutschen Oper Berlin mit ansehen zu müssen – erst als unbewegtes Heiligenbild in fahlem Licht in Positur gestellt, dann allmählich bewegt in slow motion , anknüpfend an Wagners den Film vorausahnende Technik des Überblendens. Doch Parsifal ist ein Werk des Unbehagens, der Zumutung, er ist es seit seiner Uraufführung auf dem Grünen Hügel 1882 immer gewesen. Das Unverdauliche in Religionsstiftung und Kultverwahrung kollidiert hier mit einer Musik, deren Kontinuum aus Zerknirschung, Sehnsucht und Heilserwartung einen unentrinnbaren Sog erzeugen kann.

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Wagner zielt nach eigenem Bekunden auf "Gott in unserem Herzen, – der im tiefsten Schmerz des Mitgefühls begriffene Gott!" Und er zielt gut, als Musikdramatiker wohl wissend, dass die christliche Lehre nicht begriffen werden, wohl aber ergreifen kann. Insofern legt Philipp Stölzl , der Filmemacher und Opernregisseur, den Finger in die Wunde Parsifal. So sehr, dass wagnerianische Gralshüter mit heiligem Zorn auf sein Bühnenarrangement reagieren.

Kundry, die die Kreuzigung von einem Felsvorsprung mit angesehen hat, bricht daraufhin in ein schmerzliches Lachen aus. Und man begreift: Diese "Urteufelin" geziehene Frau verlacht nicht Jesus, der als Erlöser sterben musste. Sie ahnt die unheilvolle Macht dieses blutigen Bundes zwischen Gott und den Menschen. Sie ist das bedrohte Individuum in einer von kollektiver Selbstgeißelung und Erlösungshysterie bestimmten Gesellschaft. Für die Profilierung der Kundry-Figur hat Stölzl innerhalb weniger Minuten mehr erreicht als viele Regisseure in Laufe des gesamten Parsifal . Und eine eminente Sängerdarstellerin wie Evelyn Herlitzius weiß daraus Funken zu schlagen. Und zum Fixstern des Abends zu werden.

Andererseits: Man muss das Spielen mit Playmobilfiguren schon sehr mögen, um dem Regieteam durch alle seine Bilderstrecken zu folgen. Jeder Rückgriff der Gurnemanz-Erzählung im ersten Aufzug öffnet ein Tableau, das vorgibt, die wahre Begebenheit zu illustrieren. Man darf an diese Bilder jedoch keinen größeren Korrektheitsanspruch stellen als an neapolitanische Monumentalkrippen. Das wirft spätestens im zweiten Aufzug die Frage auf: Wozu dieser gigantische Aufwand? Klingsors Zauberreich mutet wie eine schrille Überkompensation des zurückgewiesenen, entmannten ehemaligen Gralsritteranwärters an. In einem inkaartigen Tempel trennt er mit dem entwendeten heiligen Speer das Herz aus einem lebenden Menschen. Unter dem ikonografischen Ballast der Blumenmädchen-Outfits schwindet jeglicher erotische Reiz, während Parsifal in Zeitlupe böse Ritter metzeln darf.

Auch wenn Stölzls Schaukastenansatz stets ein Abdriften in Mummenschanz droht, wie es ihn selbst im Oberammergau nicht mehr gibt, auch wenn handwerklich manches dürftig bleibt, bringt er doch etwas ins Ziel. Er hält seine Bühne gut bevölkert, kann glaubhaft machen, dass sich die Handlung über lange Zeit hinweg abspielt – und dies immer wieder. Darin zeigt er sich als Erbe von Götz Friedrichs legendärem Ring -Zeittunnel, in dem auch dieser Parsifal gut hätte spielen können. Denn das von Wagner am Ende seines Lebens komponierte Ende der Geschichte, einer hermetischen Einheit von Gralsrittern und deren Kultgegenständen, es tritt nicht ein. Und die herzzerreißende, auch gewalttätige Heilssuche geht weiter. Mitten unter uns.

Daran, dass sich an diesem Abend das Wagner-Blut immer wieder verflüssigt, hat Donald Runnicles reichen Anteil. Der Generalmusikdirektor der Deutschen Oper, dessen Vertrag gerade bis 2018 verlängert wurde, erreicht mit seinem Orchester im Parsifal eine neue Stufe gemeinsamen Musizierens. Ungemein kultiviert und fließend dringt es aus dem Graben herauf, das Sehrende, Verzehrende der Partitur steht dabei nicht im Vordergrund. Davon profitieren die Sänger, denen Runnicles ein idealer Partner ist, der den Klang bei großer Klarheit nie laut werden lässt. Neben der bezwingenden Kundry von Evelyn Herlitzius überragt ein Sänger das Ensemble: Matti Salminen, der mächtige Bass mit Herzensbildung, der noch immer ein unerreichter Gurnemanz ist, mit Freude an Nuancen und unentrinnbarer Bühnenpräsenz.

Klaus Florian Voigt reicht als Parsifal nicht an seine idealtypische Verbindung mit Lohengrin heran, bleibt stimmlich indifferent, darstellerisch blass. Thomas Johannes Mayer , kurzfristig als Amfortas eingesprungen, gelingt dagegen eine geradezu beängstigende Identifikation mit seiner Schmerzenspartie. Thomas Jesatko ist ein wohlklingender Klingsor, der sich auch stimmlich danach sehnt, Gralshüter zu sein. Ein wirklich entsetzliches Los.

Erschienen im Tagesspiegel

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    • Schlagworte Berlin | Oper | Deutsche Oper Berlin
    • Der Autor Diedrich Diederichsen

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