Nachruf Nils KoppruchDie Stimme von Optimismus und Scheißegal

Nils Koppruch war einer der größten deutschen Singer-Songwriter. In seiner Nische schrieb er Musikgeschichte. Nun ist er viel zu früh gestorben. von 

Der Musiker und Maler Nils Koppruch

Der Musiker und Maler Nils Koppruch  |  © [M] Dennis Williamson

Man würde jetzt gern hören, was er selbst dazu sänge. Wenn es denn eines Requiems bedürfte, dann – bitteschön – sollte es doch von ihm stammen, ein Abschiedslied mit jener unnachahmlich näselnden Stimme, die so nonchalant vom Ernst der Lage in deren heiteren Momente mündet und zurück. Ein butterweiches, sanft kratzendes Timbre, das der Boheme im Prekariat in aller Lässigkeit den richtigen Tonfall verpasst, irgendwo zwischen Langeweile, Hoffnung und Zynismus. Man würde Nils Koppruch also fragen, ob er diesen Nachruf vertonen könnte. Aber Nils Koppruch ist tot .

hab versucht den regen zu trinken / und satt davon wurde ich nie / ich wein einen fluss / hab gesehen wie wenig man sieht / wenn man zu sehen vergisst / ich wein einen fluss

Nils Koppruch, Ich Wein Einen Fluss, 2001

Nicht musikalisch – diese Prophezeiung hat er in zwei Jahrzehnten des Musikschreibens oft mit eigenen Mitteln widerlegt. Nein, physisch, so schwer das zu glauben sein mag. In Nils Koppruch starb einer der ganz wenigen, jedenfalls einer der ganz großen Singer-Songwriter deutscher Sprache. Es wäre nun übertrieben pathossatt, von einer Lücke zu sprechen, die er hinterlässt. Im globalen Popgeschäft bleiben Leerstellen nicht lange ungeschlossen. Aber hier muss schon gesagt werden: Nils Koppruch hat in seiner kleinen Nische Musikgeschichte geschrieben.

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Denn er hat, wenn man so will, der hiesigen Indieszene die Schlichtheit zurückgegeben, ohne sie zu trivialisieren. Als er 1996 in seiner Geburtsstadt Hamburg die Band Fink gründete, hierzulande die erste, die Country nicht als putziges Zitat im Schlager verankerte, sondern als proletarisches Statement im Pop , da dachte er selbst noch, "das machen nur Nazis und Arschgeigen". Genau darin jedoch erkannte Nils Koppruch nicht nur eine Fallhöhe, die ihn reizte, sondern gleichsam eine Bodenständigkeit, die sich wohltuend von der Hamburger Schule seiner unmittelbaren Nachbarschaft abhob.

Nils Koppruch -– Vergessen was ich wusste


Mit Mundharmonika, Banjo und Lagerfeuerlyrik schuf dieser sprachgewandte Zausel – seine Zauseligkeit war schon Ausdruck einer Haltung des Understatements, als die Hipster-Beardos von heute noch nicht mal Bartwuchs hatten – einen "Gegenentwurf zum elitären Cliquending", wie er es erst kürzlich umschrieb. "Mit einem antiintellektuelleren Gestus, der sich nicht aus der verarbeiteten Sekundärliteratur speist", sondern aus dem Herzen eines Mittelschichtenkinds, das mit gewissem Herkunftsstolz in der Stimme von seinen Wurzeln berichtet.

an dich werd ich denken / an dich denke ich / an dich werd ich denken / wenn ich alles andere auch vergess

Nils Koppruch, An Dich Werd Ich Denken, 2003

Eine Familie von Arbeitern, Webern, Handwerkern – das klang unterbewusst noch ein bisschen stolzer, als er davon in seinem vollgerümpelten Proberaum am Rande des Schanzenviertels erzählte. Dort saß der 46-Jährige noch vor wenigen Wochen neben seinem ungleich jüngeren Gesangspartner, dem Großgrundbesitzersohn Gisbert zu Knyphausen. Beide hatten gerade ihre musikalische Verpaarung zum Folkduo Kid Kopphausen mit einem respektablen Debütalbum gefeiert. Doch während der eine, der mit dem blauen Blut, 33 Jahre alt, erzählte, er könne nach vier Jahren im Geschäft von den Tantiemen zweier Alben bereits seine Mietmusiker gut bezahlen, erklärte der andere, der mit den alten Instrumenten, den grauen Fusseln und dem gebrauchten Zweiteiler, auch nach sechs Fink- und zwei Soloalben würde die Musik kaum seine Unkosten decken.


"Es gibt Touren, da komme ich nach Hause, ohne einen Cent verdient zu haben", erzählte er in breitem Hamburger Slang. Er klang dabei nie traurig, nicht mal trotzig, bloß realistisch. Dazu passten seine buschigen Augenbrauen, die sich so herzzerreißend zum Koppruch-Dach zwischen Ernüchterung, Optimismus und Scheißegal schließen konnten. Was soll das Lamento? , sagte das fröhliche Stirnrunzeln darüber – ich hab ja noch die Malerei. "Ohne meine Bilder", sagte Nils Koppruch, "könnte ich nicht davon leben."

Leserkommentare
    • hermie9
    • 11. Oktober 2012 17:37 Uhr

    Ich hab wirklich noch nie irgendetwas von dem gehört. Klärt mich mal auf.

    Anmerkung: Diesen Kommentar haben wir wieder hergestellt. Danke, die Redaktion/ds

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    „Hm, muß man den kennen?“

    Man muss gar nichts. Außer vielleicht gerade noch soviel Herzensbildung besitzen, sich unter einem Nachruf über einen - aus welchen Gründen auch immer - weniger prominenten verstorbenen Menschen nicht gleich mit einem „Muss man den kennen?!“ zu verewigen. Den Verstorbenen juckt's zwar nicht; aber auf einen selbst wirft das ein nicht gerade vorteilhaftes Licht.

    „Ich hab wirklich noch nie irgendetwas von dem gehört. Klärt mich mal auf.“

    Wenn Ihnen der Nachruf nicht aufklärend genug war, finden Sie hier ein paar ganz gute Links: http://bit.ly/SU2ybG .

    • Berard
    • 11. Oktober 2012 22:21 Uhr

    @hermie 9: wie muss man denken, unter einen Nachruf einen solchen Kommentar ("muss man den kennen?") zu posten. Sie baten doch um Aufklärung, gerne: Sie sind ein erbärmlicher Charakter.

    • Ernaaa
    • 11. Oktober 2012 17:50 Uhr

    Danke für diesen einfühlsamen Artikel.

  1. Redaktion

    @hermie9:
    Den kannten viele nicht, aber alle hätten ihn kennen sollen.
    Hören Sie mal rein, sein bestes Album heißt "Den Teufel tun". Das beste von Fink ist mE "Haiku Ambulanz".
    Sie werden einen Freund gewinnen.

    Bestes,
    Christian Bangel

  2. wie lange ich schon seine Musik höre, und wie sehr er mir aus der Seele gesprochen hat ...
    als einer einmal nicht mehr kam,
    hab ich das Loch in der Welt gesehen ...

  3. empfehle auch in sein letztes Projekt mit Gisbert zu Knyphausen reinzuhören: Kid Kopphausen

    • iSinn
    • 11. Oktober 2012 18:39 Uhr

    Gefällt mir ausnehmend gut, nachdem ich mir ein paar Lieder von KID… runtergeladen habe. Schmerzlich. Der muss "in Natur" sehr umgänglich gewesen sein.
    Noch nicht wirklich ein Alter um wirklich zu gehen …
    Da war Potenzial da. Das merkt man.
    Und Klasse, und Stil.

    Mein Beileid den Angehörigen.

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  • Schlagworte Nils Koppruch | Hamburg
  • Der Autor Diedrich Diederichsen

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