Der Autor Simon Reynolds © Simon Reynolds

Vor ein paar Jahren besuchte ich mit meinem kleinen Sohn die Tate Modern in London. Alle Eltern können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, mit einem kleinen Kind im Schlepptau eine Kunstausstellung zu besuchen. Aber Kieran, der damals fünf war, hatte zuletzt sehr fantasievolle Bilder gemalt. Als wir am Eingang einer Surrealismus-Retrospektive standen, schlug ich ihm deshalb vor, sich diese Bilder einmal anzusehen. "Das ist richtig seltsames Zeug", sagte ich, um es ihm schmackhaft zu machen. "Vielleicht kannst du ein paar Ideen mitnehmen." Kieran sah mich nur missbilligend an: "Dann würde ich ja kopieren."

Diese Geschichte kam mir vor Kurzem wieder in den Sinn, als ich mich durch eine Flut neuer Artikel, Blog-Kolumnen und Bücher kämpfte, die die Praxis des künstlerischen Diebstahls feiern. Im Gegensatz zu Kierans offenbar instinktiver Ablehnung der Mimesis behauptet eine wachsende Gruppe von Kritikern, Theoretikern, Autoren und Künstlern, dass die Techniken der Aneignung und des Zitats schon im kreativen Prozess angelegt sind. Die Konzepte der Originalität und der Innovation seien nicht nur obsolet, sondern immer schon Mythen gewesen.

Die bekanntesten Anhänger dessen, was man als "Rekreativität" bezeichnen könnte, heißen Jonathan Lethem und David Shields. Beide haben Manifeste veröffentlicht – The Ecstasy of Influence und Reality Hunger. Ein Manifest –, in denen sie ihre Ideen gleich in die Praxis umsetzen, da beide Texte fast vollständig aus Zitaten bestehen. Und in diesem Sommer hat sich ein weiterer gefeierter Schriftsteller, Tom McCarthy, mit seinem E-Book Transmission and The Individual Remix in die Auseinandersetzung eingeschaltet. Aus den Universitäten kommen Einmischungen in Buchlänge, wie Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith und In Praise of Copying von Marcus Boon. Der Kunsttheoretiker Nicholas Bourriaud hat den alten Debatten um Aneignung und Readymade-Kunst mit seinem Konzept einer Kunst der Postproduktion eine neue Wendung gegeben.

Der Künstler als Kurator

Die Titel vieler dieser Polemiken spielen auf die DJ-Kultur an: Mark Amerikas remixthebook, Kirby Fergusons Video-Essays und Webseite Everything Is A Remix oder Aram Sinnreichs Mashed Up. Remix und Mash-up sind gängige und schon etwas abgenutzte Begriffe in der Dance-Kultur, aber in Kritikerkreisen sind sie groß in Mode, weil sie etwas Wesentliches der Cut-and-Paste-Mentalität zu beschreiben scheinen, die durch die digitale Kultur gefördert wird. Genauso hat die Funktion des Internets als gigantisches Archiv von Bildern, Klängen, Texten und Design ein Verständnis des Künstlers als Kurator unterstützt, als jemandem, dessen grundsätzlicher Arbeitsmodus das Rekontextualisieren und das Schaffen von Verbindungen beinhaltet.

Dies wäre als neutrale Beschreibung des derzeitigen Stands der Technik in sehr vielen Bereichen zutreffend. Doch der Rekreativitätsverein engagiert sich nicht nur für diese Praktiken, er geht noch weiter und stellen große Behauptungen auf. In Creative License: The Law and Culture of Digital Sampling zitieren die Autoren Kembrew McLeod und Peter Dicola diese Behauptung des DJs Matt Black: "Menschen sind lediglich Sampling-Maschinen (...) so lernen wir zu malen und Musik zu machen".

In einem Kommentar für das amerikanische National Public Radio hat sich Alva Noë mit Plagiarismusängsten im Zeitalter von Cut-and-Paste beschäftigt und das Zitat als künstlerische Praxis verteidigt. Doch statt es dabei zu belassen, behauptet er: "Sampling ist nichts Neues, weder in der Kunst, noch im Leben (...) Die Evolution, ob in Biologie, Technologie oder Kultur, ist immer nur eine Umschichtung alter Mittel in neuen Situationen. Wir nutzen das Alte, um das Neue zu schaffen, und das Neue ist immer schon alt."

Hat wirklich noch niemand Neues geschaffen?

Eine ganz ähnliche Idee findet sich in Austin Kleons Steal Like An Artist, einer Art Selbsthilfehandbuch für moderne Kreative. Kleon beginnt mit "jede neue Idee ist nur ein Mash-up oder ein Remix von einer oder mehreren älteren Ideen" und behauptet bald, "du bist die Summe deiner Einflüsse" und "du bist ein Remix deiner Mama und deines Papas".

Rekreativität hat viele Anhänger, und es gibt ein breites Spektrum an Meinungen. Dennoch ist es auffallend, wie leicht viele dieser Kritiker und Theoretiker von relativ vernünftigen Aussagen über die Rolle von Aneignung und Anspielung in der Kunst hin zu Pauschalbehauptungen ontologischer oder biologischer Natur kommen. Sie wirken so von der Sache überzeugt. Wie können sie mit Sicherheit wissen, dass noch nie jemand eine neue Idee entwickelt hat, komplett ex nihilo?

Rekreativität, oder die Idee, dass alles auf dieser Erde ein Remix ist (und niemals neu), ist zu einem Glaubensgrundsatz geworden. Diese nicht zu beweisenden Thesen sagen viel mehr über unsere derzeitigen Denkhorizonte und die verzwickte Lage der Kultur aus, als über das Wesen der Kreativität oder die Geschichte der Kunst.