RemixkulturJa, Originalität ist möglich!

Genie stiehlt – das hört man oft, wenn es um Plagiat und Originalität im Netzzeitalter geht. Der "Retromania"-Autor Simon Reynolds erklärt, warum das Blödsinn ist. von Simon Reynolds

Der Autor Simon Reynolds

Der Autor Simon Reynolds  |  © Simon Reynolds

Vor ein paar Jahren besuchte ich mit meinem kleinen Sohn die Tate Modern in London. Alle Eltern können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, mit einem kleinen Kind im Schlepptau eine Kunstausstellung zu besuchen. Aber Kieran, der damals fünf war, hatte zuletzt sehr fantasievolle Bilder gemalt. Als wir am Eingang einer Surrealismus-Retrospektive standen, schlug ich ihm deshalb vor, sich diese Bilder einmal anzusehen. "Das ist richtig seltsames Zeug", sagte ich, um es ihm schmackhaft zu machen. "Vielleicht kannst du ein paar Ideen mitnehmen." Kieran sah mich nur missbilligend an: "Dann würde ich ja kopieren."

Diese Geschichte kam mir vor Kurzem wieder in den Sinn, als ich mich durch eine Flut neuer Artikel, Blog-Kolumnen und Bücher kämpfte, die die Praxis des künstlerischen Diebstahls feiern. Im Gegensatz zu Kierans offenbar instinktiver Ablehnung der Mimesis behauptet eine wachsende Gruppe von Kritikern, Theoretikern, Autoren und Künstlern, dass die Techniken der Aneignung und des Zitats schon im kreativen Prozess angelegt sind. Die Konzepte der Originalität und der Innovation seien nicht nur obsolet, sondern immer schon Mythen gewesen.

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Simon Reynolds

1963 in London geboren, arbeitet als Kulturjournalist in New York. Einige seiner Bücher wurden zu Standardwerken der Poptheorie, wie Rip It Up And Start Again über die Post-Punk-Ära oder zuletzt Retromania, das nun in deutscher Fassung erscheint. In diesem Essay führt er seine Thesen aus Retromania fort und verknüpft sie mit aktuellen Rekreativitästheorien.

Die bekanntesten Anhänger dessen, was man als "Rekreativität" bezeichnen könnte, heißen Jonathan Lethem und David Shields. Beide haben Manifeste veröffentlicht – The Ecstasy of Influence und Reality Hunger. Ein Manifest –, in denen sie ihre Ideen gleich in die Praxis umsetzen, da beide Texte fast vollständig aus Zitaten bestehen. Und in diesem Sommer hat sich ein weiterer gefeierter Schriftsteller, Tom McCarthy, mit seinem E-Book Transmission and The Individual Remix in die Auseinandersetzung eingeschaltet. Aus den Universitäten kommen Einmischungen in Buchlänge, wie Uncreative Writing von Kenneth Goldsmith und In Praise of Copying von Marcus Boon. Der Kunsttheoretiker Nicholas Bourriaud hat den alten Debatten um Aneignung und Readymade-Kunst mit seinem Konzept einer Kunst der Postproduktion eine neue Wendung gegeben.

Der Künstler als Kurator

Die Titel vieler dieser Polemiken spielen auf die DJ-Kultur an: Mark Amerikas remixthebook, Kirby Fergusons Video-Essays und Webseite Everything Is A Remix oder Aram Sinnreichs Mashed Up. Remix und Mash-up sind gängige und schon etwas abgenutzte Begriffe in der Dance-Kultur, aber in Kritikerkreisen sind sie groß in Mode, weil sie etwas Wesentliches der Cut-and-Paste-Mentalität zu beschreiben scheinen, die durch die digitale Kultur gefördert wird. Genauso hat die Funktion des Internets als gigantisches Archiv von Bildern, Klängen, Texten und Design ein Verständnis des Künstlers als Kurator unterstützt, als jemandem, dessen grundsätzlicher Arbeitsmodus das Rekontextualisieren und das Schaffen von Verbindungen beinhaltet.

Dies wäre als neutrale Beschreibung des derzeitigen Stands der Technik in sehr vielen Bereichen zutreffend. Doch der Rekreativitätsverein engagiert sich nicht nur für diese Praktiken, er geht noch weiter und stellen große Behauptungen auf. In Creative License: The Law and Culture of Digital Sampling zitieren die Autoren Kembrew McLeod und Peter Dicola diese Behauptung des DJs Matt Black: "Menschen sind lediglich Sampling-Maschinen (...) so lernen wir zu malen und Musik zu machen".

In einem Kommentar für das amerikanische National Public Radio hat sich Alva Noë mit Plagiarismusängsten im Zeitalter von Cut-and-Paste beschäftigt und das Zitat als künstlerische Praxis verteidigt. Doch statt es dabei zu belassen, behauptet er: "Sampling ist nichts Neues, weder in der Kunst, noch im Leben (...) Die Evolution, ob in Biologie, Technologie oder Kultur, ist immer nur eine Umschichtung alter Mittel in neuen Situationen. Wir nutzen das Alte, um das Neue zu schaffen, und das Neue ist immer schon alt."

Hat wirklich noch niemand Neues geschaffen?

Eine ganz ähnliche Idee findet sich in Austin Kleons Steal Like An Artist, einer Art Selbsthilfehandbuch für moderne Kreative. Kleon beginnt mit "jede neue Idee ist nur ein Mash-up oder ein Remix von einer oder mehreren älteren Ideen" und behauptet bald, "du bist die Summe deiner Einflüsse" und "du bist ein Remix deiner Mama und deines Papas".

Rekreativität hat viele Anhänger, und es gibt ein breites Spektrum an Meinungen. Dennoch ist es auffallend, wie leicht viele dieser Kritiker und Theoretiker von relativ vernünftigen Aussagen über die Rolle von Aneignung und Anspielung in der Kunst hin zu Pauschalbehauptungen ontologischer oder biologischer Natur kommen. Sie wirken so von der Sache überzeugt. Wie können sie mit Sicherheit wissen, dass noch nie jemand eine neue Idee entwickelt hat, komplett ex nihilo?

Rekreativität, oder die Idee, dass alles auf dieser Erde ein Remix ist (und niemals neu), ist zu einem Glaubensgrundsatz geworden. Diese nicht zu beweisenden Thesen sagen viel mehr über unsere derzeitigen Denkhorizonte und die verzwickte Lage der Kultur aus, als über das Wesen der Kreativität oder die Geschichte der Kunst.

Leserkommentare
    • Panic
    • 18. Oktober 2012 13:15 Uhr

    Diese Weisheiten sind wirklich nichts Neues.

    "Es kommt darauf an, was man daraus macht." Ach, wirklich? Darum geht's? Das ist der Schlüssel? Diese These ist so oll, dass ich gerade an meinem wirklichen Alter zweifle.

    Hier wird nichts Neues erzählt. Einfach mal wieder jemand, den man in die unendliche Reihe von Klugscheißern stellen kann. Er kann sich genau zu jenen gesellen, die er zitiert.

    hmpf & cheers

  1. >>Stehlen und Speichern ist leicht. Der viel schwierigere – und immer noch geheimnisvolle – Schritt ist die Umwandlung des geliehenen Materials.<<

    So ist es.
    Natürlich erfolgt eine Kreation nie aus dem Nichts heraus (oder bloß aus dem Kopf des "Genius" heraus), sondern jede Kreation hat ihre Grundlage und die besteht eben aus dem großen Haufen des bisher Geschaffenen. Und der Kreative kann in diesem Haufen noch so lange wühlen, er wird nichts "Neues" entdecken, dann das, was da ist, ist immer alt. Neues entsteht im Haufen immer nur durch reinen Zufall (Natur) oder durch geistige Leistung eines Menschen.

    Und von Menschen Gestaltetes kann immer nur entstehen, wenn man im Kopf vom Bestehenden abstrahiert und Neues "denkt".

    Selbstverständlich baut dieses Neue auf alten Versatzstücken auf, aber es wird immer etwas sein, was es vorher so nicht gegeben hat. Das geht mit Stehlen/Speichern allein nicht (wobei auch schon darin Krativität liegen kann, nämlich die Kunst etwas auf neuartige Weise zu Sammeln/Speichern).

    Und Remix ist eben keinen Kreativität, weil damit nicht geistig vom Alten abstrahiert und auch nichts kreiert wird, sondern nur das Prinzip Zufall benutzt wird, in der Erwartung, irgendwas wird schon an Neuen herauskommen, wenn ich Altes lange genug durcheinander wirbele. Daraus kann zufällig Neues entstehen, es ist dann aber nicht das Produkt einer kreativen Leistung, sondern höchstens das Ergebnis fleißiger, sich ständig wiederholender "mechanischer" Arbeit.

    • R_IP
    • 18. Oktober 2012 17:29 Uhr

    "Die sich verbreitende Ideologie der Rekreativität dagegen legitimiert nicht nur faules, parasitäres Arbeiten, sondern fordert aktiv dazu auf, indem es diese Form des Arbeitens als cool, zeitgemäß und irgendwie fortschrittlicher darstellt als den kleinbürgerlichen Glauben an die Innovation. Das Rekreativitätsgerede ist Propaganda dafür, sich nicht richtig anzustrengen."

    Die Postmoderne hat auch besonders in der Kunst Einzug gehalten. Dabei verbirgt sich hinter dem extrem schwammigen Begriff >Postmoderne< ein ebenso schwammiges Konzept davon, was letztlich Kunst ist und welche legitimerweise als solche gelten kann. Ich möchte Postmoderne (in diesem Zusammenhang) übersetzen mit >absoluter Beliebigkeit gepaart mit einem Mangel an (kunst-)theoretischer Reflexion<: Die neue, meist noch reichlich junge (i.d.R.:studentische), selbsternannte Bohème ist an einer zeitgenössischen Auseinandersetzung darüber, was >Kunst< im 21. Jahrhundert, nachdem durch Warhol und andere die Warenwelt in diese Einzug gehalten hat, noch bedeuten kann, auffallend wenig interessiert. Die jetztzeitige >Geiz-ist-geil<-Mentalität setzt zuerst beim Denken an. Copy-paste, mixing, mashing, bla: Wenns keiner vor mir >erfunden< hat, brauche ich mich ob des Erkenntnisvorsprungs eigentlich nur umso weniger anstrengen, solange man mir für den überflüssigen Kram den ich herstelle ordentlich Geld bezahlt und die unverdiente Anerkennung zollt. Wäre ich nicht so unopportunistisch, ich würde Künstler werden!

    • ikonist
    • 18. Oktober 2012 17:38 Uhr

    von wem hatte denn gott die ideen für sein schöpfungsprogramm abgeschaut?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... schließlich hat er noch nicht einmal ein Facebook-Profil.

    Obwohl, vielleicht macht ja die GEZ mit Einführung der Haushaltsabgabe 2013 den Wohnsitz dieser Figur ausfindig, dies ist jedenfalls die einzige Organisation, der ich einen solchen Gottesbeweis zutraue.

    • cargath
    • 18. Oktober 2012 23:24 Uhr

    Der Text besteht aus viel Geschwafel und keinem echten Ergebnis. Ein Grossteil sind Zitate (welche Ironie...) die ohne sinnvolle Argumentation als albern abgetan werden. Vor allem war ich nach der Grossspurigen Einleitung gespannt auf ein Gegenbeispiel, aber am Ende musste der Autor dann selbst eingestehen "kann ja stimmen, gefaellt mir aber nicht".

  2. - Schaff den Fernseher ab. Er ist Zeitverschwendung.
    - Lies nicht so viel. Das viele Lesen lässt keine Zeit zum Selberdenken.
    - Denk nicht zu angestrengt. Die besten Gedanken sind wie Eidechsen. Je stiller du dasitzt, desto neugieriger werden sie auf dich.
    - Denke so einfach wie möglich. Die einfachsten Gedanken sind die schwierigsten. Jeder kennt sie, keiner sieht sie.
    - Jeder Gedanke hat seinen eigenen Rhythmus, seinen eigenen Schritt. Dem must DU dich anpassen.
    - Sammle Gedanken, nicht Zitate. Das ist weitaus ökonomischer.
    - Es lohnt nicht, Gedanken mit Farbtupfern zu versehen, grün für deine, rot für die der anderen. Mal sie alle grün an, oder noch besser, spar dir die Farbe.
    - Es gibt keine Kopie

  3. ... schließlich hat er noch nicht einmal ein Facebook-Profil.

    Obwohl, vielleicht macht ja die GEZ mit Einführung der Haushaltsabgabe 2013 den Wohnsitz dieser Figur ausfindig, dies ist jedenfalls die einzige Organisation, der ich einen solchen Gottesbeweis zutraue.

    Antwort auf "habe mal eine frage:"

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  • Serie Künstler und Urheberrecht
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  • Schlagworte Künstler | William Gibson | London
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